Bänz Fried­li hin­ter­fragt den Bern-Kult

Die neue Ko­lum­nen-Samm­lung des 55-jäh­ri­gen Schwei­zer Au­tors be­zau­bert mit wun­der­ba­ren Tex­ten und klu­gen Po­in­ten. Im Ge­spräch ver­rät er, wie­so ihn der Bern-Kult nervt.

Berner Oberlander - - Vorderseit­e - Mir­jam Com­tes­se

«Haus­mann der Na­ti­on» nennt man Buch­au­tor Bänz Fried­li bes­ser nicht mehr, da­mit hat er ab­ge­schlos­sen. Wie mit der Selbst­be­weih­räu­che­rung der Ber­ner.

Herr Fried­li, in Ih­rer neu­en Ko­lum­nen-Samm­lung ge­ben Sie ein­mal mehr viel Per­sön­li­ches preis.

Was sagt Ih­re Fa­mi­lie da­zu?

Von mir ge­be ich ei­ni­ges preis. Aber aus dem Fa­mi­li­en­le­ben? Ich ha­be doch frü­her in der Ko­lum­ne «Der Haus­mann» im «Mi­grosMa­ga­zin», die bis 2015 er­schien, deut­lich mehr er­zählt. Vie­le hat­ten das Ge­fühl, ich ver­rie­te sehr viel. Aber nie­mand er­fuhr zum Bei­spiel den Na­men mei­ner Frau oder sah je Bil­der un­se­rer Kin­der. Es ging mir dar­um, all­ge­mein­gül­ti­ge Er­leb­nis­se zu schil­dern, mit de­nen sich an­de­re iden­ti­fi­zie­ren konn­ten. Das neue Buch dreht sich wie­der mehr ums Un­ter­wegs­sein.

Mo­ment. Der ers­te Text han­delt von Ih­rer Toch­ter.

Sie wird so­gar mit Na­men er­wähnt, stimmt. Aber für sie war das im­mer to­tal ea­sy. Sie hat­te stets ei­nen jour­na­lis­ti­schen Blick auf mei­ne Tex­te. Schon als 6-Jäh­ri­ge sag­te sie zu mir: «Die Po­in­te funk­tio­niert nicht.»

Und sie konn­te das da­mals be­reits be­ur­tei­len?

Ja, sie hat­te bis­her im­mer recht. Noch heu­te ist sie mei­ne wich­tigs­te Kri­ti­ke­rin. Ger­ne sagt sie zu mir: «Hast du wie­der ein Kit­schli ge­schrie­ben?» Vie­le mei­ner Tex­te sind ihr viel zu ver­söhn­lich. Das ist okay. Ich schrei­be ja nicht für 21-jäh­ri­ge Frau­en.

Son­dern?

Für Leu­te, die schon et­was er­lebt ha­ben. Ich wür­de sa­gen, in der Re­gel sind es Män­ner und Frau­en ab 40.

Hat sich Ih­re Fa­mi­lie wirk­lich nie über ei­nen Text ge­är­gert? Mei­ne Toch­ter war ein ein­zi­ges Mal wü­tend. Ich ha­be mal in ei­ner Ko­lum­ne aus­ge­rech­net, wie vie­le Sei­ten «Har­ry Pot­ter» sie als da­mals 10-Jäh­ri­ge pro Tag las. Es wa­ren et­wa 62 Sei­ten. In der Schu­le wur­de sie dann als Stre­be­rin be­ti­telt. Da war sie häs­sig.

Sie gel­ten als Haus­mann der Na­ti­on . . .

Bit­te nicht mehr! Da­mit ha­be ich vor fünf Jah­ren ab­ge­schlos­sen, als ich die Ko­lum­ne be­en­de­te. Ich woll­te nicht öf­fent­lich für den Rest mei­nes Le­bens der Haus­mann blei­ben. Das wä­re et­was ein­di­men­sio­nal.

Sie wer­den nicht ger­ne dar­auf an­ge­spro­chen?

Das La­bel wur­de mir da­mals ver­passt, und das war okay. Ich fand dann, wenn ich schon die­se Platt­form be­kom­me, muss ich auch im «Zisch­tigs­club» mit­dis­ku­tie­ren, wenn es um Gleich­stel­lung geht. Aber die­se De­bat­ten frus­trier­ten mich zu­neh­mend, weil sich in all den Jah­ren so we­nig ve­rän­dert hat. Frau­en sind im­mer noch dis­kri­mi­niert im Be­rufs­le­ben, sie ver­die­nen we­ni­ger, ma­chen mehr da­heim. Heu­te ist es so­gar noch ver­zwick­ter.

In­wie­fern?

Vor ein paar Jahr­zehn­ten war ein­fach klar, dass er ar­bei­tet und sie da­heim bleibt. Heu­te hat der Mann sei­nen Pa­pi­tag oder noch bes­ser sei­nen Pa­pi­n­ach­mit­tag. Am Mit­tag geht er mit den Kin­dern in den Mc­Do­nald’s, und wenn die Frau am Abend heim­kommt, ist im Haus­halt über­haupt nichts er­le­digt. Ich fin­de: Ich ha­be lan­ge ge­nug ge­sagt, dass sich et­was än­dern muss. Jetzt sol­len die jun­gen Vä­ter dis­ku­tie­ren. Das tun sie auch!

Wird der Lock­down der ver­gan­ge­nen Wo­chen et­was ver­än­dern in der Wahr­neh­mung von Haus­ar­beit?

Man kann nur hof­fen, dass vie­le Vä­ter Sa­chen mit­be­kom­men ha­ben, von de­nen sie bis­lang gar nichts ahn­ten. Ganz vie­le wis­sen ja gar nicht, was sie ver­pas­sen im

Le­ben ih­rer Kin­der – an­sons­ten wür­de es sie fer­tig­ma­chen.

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Sie auch als Ka­ba­ret­tist un­ter­wegs. Wann ha­ben Sie ge­merkt, dass Sie nicht nur schrei­ben kön­nen, son­dern auch wit­zig sind?

Ich war schon als Kind das Klas­sen­kalb. Wahr­schein­lich, weil ich der Kleins­te war. Als Aus­gleich hat­te ich das gröss­te Maul. Schon mit 13 Jah­ren mo­de­rier­te ich den Un­ter­hal­tungs­abend des Turn­ver­eins. Lan­ge sah ich Ka­ba­rett nicht als mei­ne Be­ru­fung. Erst jetzt mer­ke ich, wie ge­prägt ich von den Hel­den mei­ner Kind­heit bin – Franz Hoh­ler, Cés Kei­ser, Emil. An den Le­sun­gen mei­ner Ko­lum­nen ha­be ich ir­gend­wann ge­merkt, dass ich sie so prä­sen­tie­ren kann, dass die Leu­te la­chen. Aber es muss nicht im­mer lus­tig sein. Zwi­schend­rein bin ich auch mal tod­ernst.

Wann?

Et­wa wenn es um Atom­kraft geht. Die Tscher­no­byl-Ka­ta­stro­phe 1986 hat mich wie vie­le an­de­re po­li­ti­siert. Ich ha­be ein Kerz­lein an­ge­zün­det, als Müh­le­berg ab­ge­stellt wur­de. Aber dann merk­te ich: Hopp­la, das ist ja, als gä­be es den FCB nicht mehr. Man braucht sei­ne Feind­bil­der.

Wo­zu?

Man braucht The­men, die ei­nen auf­rei­ben. Wäh­rend des Lock­down fehl­ten mir die Be­geg­nun­gen und Be­ob­ach­tun­gen, denn ich be­schrei­be ja stets die Men­schen.

Bänz Fried­li: «Der Wal im See». Knapp­Ver­lag 2020, 192 S., ca. 26 Fr.

Sie rei­ben sich auch an Ih­rer ehe­ma­li­gen Hei­mat Bern.

Was füh­len Sie, wenn Sie hier durch die Alt­stadt lau­fen?

Es heime­let mir und be­frem­det mich zu­gleich. Als Tou­rist wä­re ich wohl hin und weg von die­ser Stadt. Aber ich kom­me von hier, und mir wur­de ein­ge­prü­gelt, dass Bern die schöns­te Stadt der Welt sei, das Mar­zi­li die schöns­te Ba­di. Das kann nur be­haup­ten, wer noch nie im Strand­bad Thun war! Über­all Shirts mit «äuä» und «Die Aa­re ist be­bad­bar». Wo­zu die­se Über­hö­hung von Bern? Ich wun­der­te mich auch im­mer, dass Alex­an­der Tschäp­pät nur mit dem Slo­gan «Ich be­wer­be mich um das Prä­si­di­um der schöns­ten Stadt der Welt» Wahl­kampf be­trei­ben konn­te. Bern hat weiss Gott an­de­re Pro­ble­me.

Kommt die Selbst­be­weih­räu­che­rung aus ei­nem Min­der­wer­tig­keits­kom­plex her­aus? Ver­mut­lich schon. Ich den­ke je­weils: Wärt ihr so si­cher, dass Bern die schöns­te Stadt der Welt ist, dann müss­tet ihr es nicht so laut hin­aus­po­sau­nen.

Was ge­fällt Ih­nen an Zü­rich?

Die Of­fen­heit. Als ich vor sie­ben Jah­ren be­gann, ernst­haft Ka­ba­rett zu ma­chen, ver­an­stal­te­te ich ei­ne Ver­suchs­vor­stel­lung in Bern und ei­ne in Zü­rich. In Bern im Korn­haus­fo­rum wa­ren vie­le al­te Be­kann­te, die frag­ten: «War­um machst du das jetzt? Das hast du doch frü­her auch nicht ge­macht?» Mein Zürcher Um­feld da­ge­gen fand: «War­um denn nöd? Mir chö­med mal cho lue­ge.»

Trotz­dem: Was ver­mis­sen Sie an Bern?

Die Ca­racs im Ei­chen­ber­ger sind die bes­ten. Aber die sind ja so­wie­so nicht gut für die Li­nie. Was ich de­fi­ni­tiv nicht ver­mis­se: dass von mir je­den Tag ein Lie­bes­be­kennt­nis er­war­tet wird zur Stadt, in der ich le­be. Zü­rich fin­det nie­mand schön. Man lebt ein­fach dort.

«Ich war schon als Kind das Klas­sen­kalb. Wahr­schein­lich, weil ich der Kleins­te war.»

Bänz Fried­li

Fo­to: Ra­pha­el Mo­ser

Der ge­bür­ti­ge Ber­ner Bänz Fried­li fin­det: «Wärt ihr so si­cher, dass Bern die schöns­te Stadt der Welt ist, dann müss­tet ihr es nicht so laut hin­aus­po­sau­nen.»

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.