Tur­bu­len­te Wo­chen

Die Stif­tung hat­te Li­qui­di­täts­pro­ble­me. Jetzt half ein Co­ro­na-Kre­dit.

Berner Oberlander - - Vorderseit­e - Ste­fan Schny­der

Die Lieb­ha­ber von Kunst­hand­werk und Schwei­zer Qua­li­täts­sou­ve­nirs ha­ben im La­den des Hei­mat­werks Bern ei­ne gros­se Aus­wahl. Doch die­ses hat tur­bu­len­te Wo­chen hin­ter sich. Um die Os­ter­zeit wur­de be­kannt, dass die Stif­tung al­len 11 Mit­ar­bei­te­rin­nen, die sich 7,8 Stel­len ge­teilt ha­ben, ge­kün­digt hat. Prä­si­dent Pe­ter Wen­ger aus Un­ter­se­en

räumt ein, dass die Stif­tung in ei­nem Li­qui­di­täts­eng­pass steck­te. Doch dann er­hielt sie ei­nen Co­ro­na-Kre­dit und konn­te den La­den am 11. Mai wie­der öff­nen. Doch die Aus­sich­ten blei­ben düs­ter. Dies, weil in die­sem Jahr viel we­ni­ger Tou­ris­ten in die Lä­den des Heim­ant­werks strö­men als in an­de­ren Jah­ren.

Im La­den des Hei­mat­werks Bern ist die Welt noch in Ord­nung. Aus Holz ge­schnitz­te Kü­he und alp­horn­bla­sen­de Äl­pler ste­hen auf den Re­ga­len. Vie­le Pro­duk­te rich­ten sich an Tou­ris­ten und tra­gen ein gros­ses Schwei­zer Kreuz. Doch auch wer für Kin­der Spiel­zeug sucht, wird hier fün­dig. Die meis­ten Pro­duk­te stam­men von Klein­be­trie­ben und Kunst­hand­wer­kern aus dem Ber­ner Ober­land. Zu kau­fen sind auch ty­pi­sche Sou­ve­nirs aus der Schweiz wie Vic­to­rin­ox-Sack­mes­ser. Ent­stan­den ist das Hei­mat­werk Bern als Ver­triebs­or­ga­ni­sa­ti­on für Er­zeug­nis­se von Heim­ar­bei­tern.

In Schief­la­ge

Nichts im La­den an der Kram­gas­se in der Ber­ner Alt­stadt deu­tet dar­auf hin, dass das Un­ter­neh­men sich noch vor we­ni­gen Wo­chen in ar­ger fi­nan­zi­el­ler Schief­la­ge be­fand: «Die Schlies­sung des Ge­schäfts am 17. März we­gen der Co­ro­na-Mass­nah­men des Bun­des­rats hat da­zu ge­führt, dass das Un­ter­neh­men in ei­nen Li­qui­di­täts­eng­pass ge­ra­ten ist», räumt Stif­tungs­rats­prä­si­dent Pe­ter Wen­ger ein. «Wir hat­ten ei­ne re­la­tiv gros­se Sum­me in un­se­rem Wa­ren­la­ger ge­bun­den. Doch we­gen der Zwangs­schlies­sung floss plötz­lich kein Geld mehr in die Kas­se», be­grün­det der 73-Jäh­ri­ge den Eng­pass. Ei­nen On­li­ne­shop be­treibt das Hei­mat­werk nicht: «Da­durch wür­den wir un­se­re Lie­fe­ran­ten di­rekt kon­kur­ren­zie­ren. Denn vie­le von ih­nen ver­kau­fen ih­re Pro­duk­te über ih­re ei­ge­nen On­li­ne­shops», so Wen­ger. We­gen des Eng­pas­ses be­schloss der Stif­tungs­rat, den elf Mit­ar­bei­te­rin­nen, die sich 7,8 Stel­len teil­ten, kurz vor Os­tern die Kün­di­gung aus­zu­spre­chen, wie der «Be­ob­ach­ter» da­mals be­rich­te­te.

«Die Al­ter­na­ti­ve da­zu wä­re Kurz­ar­beit ge­we­sen. Doch dies hät­te für die An­ge­stell­ten ei­ne Lohn­ein­bus­se von 20 Pro­zent be­deu­tet. Dem­ge­gen­über hät­ten die Mit­ar­bei­te­rin­nen in der Kün­di­gungs­frist ih­ren gan­zen Lohn er­hal­ten», be­tont Wen­ger. Bei sei­nem Ent­scheid ha­be der Stif­tungs­rat da­von aus­ge­hen müs­sen, dass ei­ne Li­qui­da­ti­on des Un­ter­neh­mens ei­ne der mög­li­chen Op­tio­nen sei. Das war be­reits die zwei­te un­er­freu­li­che Ent­wick­lung, mit der sich der Stif­tungs­rat in­nert we­ni­ger Mo­na­te kon­fron­tiert sah. Im ver­gan­ge­nen Jahr trenn­te er sich laut dem «Be­ob­ach­ter» von der da­ma­li­gen Ge­schäfts­füh­re­rin und reich­te ei­ne Kla­ge we­gen un­ge­treu­er Ge­schäfts­füh­rung ge­gen sie ein. Das Ver­fah­ren liegt bei der Staats­an­walt­schaft. Es gilt die Un­schulds­ver­mu­tung.

Wen­ger will nicht ver­ra­ten, wie hoch die ein­ge­klag­te Scha­dens­sum­me ist. Er sagt nur so viel: «Es gibt kei­nen Kau­sal­zu­sam­men­hang

zwi­schen die­sem Fall und dem Li­qui­di­täts­eng­pass.»

Ret­ten­der Co­ro­na-Kre­dit

Die Ret­tung für das als Stif­tung or­ga­ni­sier­te Hei­mat­werk Bern kam in der Form ei­nes Co­ro­naKre­dits. Der Stif­tungs­rat be­an­trag­te bei der Haus­bank den mög­li­chen Ma­xi­mal­be­trag. «Für uns war die Ge­wäh­rung des Kre­dits ei­ne er­freu­li­che Sa­che, mit der wir nicht si­cher rech­nen konn­ten», sagt Wen­ger. Dank die­ser Kre­dit­li­nie ist der Wei­ter­be­trieb des La­dens ge­si­chert. Die meis­ten Kün­di­gun­gen hat das

Hei­mat­werk in der Zwi­schen­zeit rück­gän­gig ge­macht. Al­ler­dings wer­den Kün­di­gun­gen von ein­zel­nen Mit­ar­bei­te­rin­nen be­ste­hen blei­ben, vor al­lem von sol­chen mit klei­ne Pen­sen. Der Stif­tungs­rat hat ent­schie­den, den La­den künf­tig noch mit 5,8 Voll­zeit­stel­len – al­so zwei Stel­len we­ni­ger als bis­her – wei­ter­zu­be­trei­ben. Der Ab­bau wird mög­lich, in­dem die Stif­tung das Kel­ler­ge­schoss schlies­sen wird.

Für ei­ne wei­te­re fi­nan­zi­el­le Ent­las­tung sorg­te der Ent­scheid der Bur­ger­ge­mein­de Bern, die dem Hei­mat­werk für die Zeit der

Zwangs­schlies­sung die Mie­te er­las­sen hat.

Das Hof­fen auf die Schwei­zer

Im ver­gan­ge­nen Ge­schäfts­jahr er­ziel­te das Hei­mat­werk Bern ei­nen Um­satz von 1,2 Mil­lio­nen Fran­ken. «Im März be­trug der Um­satz­rück­gang im Ver­gleich zum Vor­jah­res­wert 40’000 Fran­ken, im April 66’000 Fran­ken und bis zur Wie­der­er­öff­nung im Mai noch­mals 30’000 Fran­ken», sagt Wen­ger. Für das rest­li­che Jahr ist der Stif­tungs­rats­prä­si­dent eher pes­si­mis­tisch: «Wir er­zie­len rund 30 Pro­zent un­se­res Um­sat­zes mit Ver­käu­fen an Tou­ris­ten aus dem Aus­land. Doch vor al­lem Tou­ris­ten­grup­pen aus Asi­en wer­den in die­sem Jahr fast voll­stän­dig aus­blei­ben. Des­halb ge­hen wir da­von aus, dass der Um­satz in den ver­blei­ben­den Mo­na­ten des Jah­res um ein Drit­tel un­ter den Vor­jah­res­wer­ten lie­gen wird», sagt Wen­ger.

Pe­ter Wen­ger ist ein Ken­ner des Tou­ris­mus­ge­schäfts. Er war wäh­rend 30 Jah­ren Wer­be­lei­ter der Jung­frau­bah­nen. Wie die meis­ten Schwei­zer Tou­ris­ti­ker hofft auch er, dass Tou­ris­ten aus der Schweiz ei­nen Teil der aus­blei­ben­den Be­su­cher aus dem Aus­land kom­pen­sie­ren wer­den: «Wir hof­fen, dass Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer un­se­re Pro­duk­te ver­mehrt ent­de­cken wer­den», sagt Pe­ter Wen­ger. Ei­ne Schlies­sung des La­dens in Bern ist für Wen­ger kei­ne Op­ti­on: «Die an­de­ren Mit­glie­der des Stif­tungs­rats und ich wer­den da­für kämp­fen, dass das Hei­mat­werk Bern ei­ne Zu­kunft hat. Der La­den in Bern sorgt da­für, dass Wert­schöp­fung im Ber­ner Ober­land bleibt.»

Fo­to: Ra­pha­el Mo­ser

Zum Sor­ti­ment des Hei­mat­werks Bern ge­hö­ren ge­schnitz­te Fi­gu­ren aus dem Äl­pler­le­ben.

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