An­griff auf die Märk­te

Ver­ein­zelt wur­den Ge­mein­den auf­ge­for­dert, auf Märk­te zu ver­zich­ten.

Berner Oberlander - - Vorderseit­e - Qu­en­tin Schlap­bach

«Die Co­ro­na-Kri­se könn­te nur ein ers­ter Vor­ge­schmack auf das sein, was durch die Aus­beu­tung von Tie­ren im­mer öf­ter pas­sie­ren könn­te», glaubt Li­sa Kainz, Spre­che­rin von Pe­ta Schweiz. Die Tier­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on hat die Ge­mein­de­be­hör­den von Aar­berg, Big­len und Su­mis­wald da­zu auf­ge­for­dert, auf ih­re Schlacht­vieh­märk­te zu ver­zich­ten. An Tier­märk­ten

könn­ten in Zu­kunft noch mehr Krank­heits­er­re­ger vom Tier auf den Men­schen über­sprin­gen, so ih­re Ar­gu­men­ta­ti­on. Nutz­tie­re spie­len bei der Über­tra­gung des neu­en Co­ro­na­vi­rus Sars-CoV-2 kaum ei­ne Rol­le, stellt Ger­traud Schüp­bach, Lei­te­rin des Ve­te­ri­na­ry Pu­b­lic He­alth In­sti­tu­te an der Uni­ver­si­tät Bern, fest.

Die Ge­mein­de­prä­si­den­ten von Aar­berg, Big­len und Su­mis­wald be­ka­men letz­te Wo­che selt­sa­me Post ins Haus. Der Ab­sen­der war die Tier­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on Pe­ta, mit über fünf Mil­lio­nen Mit­glie­dern die welt­weit gröss­te Ver­ei­ni­gung auf die­sem Ge­biet. Die Schwei­zer Ver­tre­ter von Pe­ta for­dern die drei Ge­mein­de­prä­si­den­ten auf, die Schlacht­vieh­märk­te in ih­rer Kom­mu­ne um­ge­hend zu schlies­sen.

«Die Co­ro­na-Kri­se könn­te nur ein ers­ter Vor­ge­schmack auf das sein, was durch die Aus­beu­tung von Tie­ren im­mer öf­ter pas­sie­ren könn­te», so Li­sa Kainz, Spre­che­rin von Pe­ta Schweiz. Die Or­ga­ni­sa­ti­on glaubt, dass an Tier­märk­ten in Zu­kunft noch mehr Krank­heits­er­re­ger zwi­schen den Spe­zi­es über­sprin­gen wer­den – zum Nach­teil von Tier und Mensch. Zwar gilt im Fal­le von Co­ro­na ein Le­bend­tier­markt in Wu­han als Aus­gangs­punkt. Aber auch in der Schweiz sei­en Märk­te, wo le­ben­de Tie­re an­ge­bo­ten wer­den, ein Ge­sund­heits­ri­si­ko. «Des­halb müs­sen sie ver­bo­ten wer­den», so Kainz.

Gut ver­netz­te Bran­che

Schlacht­vieh­märk­te sind im Kan­ton Bern ei­ne In­sti­tu­ti­on. Über hun­dert Vieh­ver­stei­ge­run­gen fin­den im Bern­biet jähr­lich statt. Der Kan­ton un­ter­stützt die Märk­te da­bei so­gar mit Steu­er­gel­dern. Mehr als zwei Mil­lio­nen Fran­ken flies­sen pro Jahr an Ver­mark­tungs­bei­trä­gen an die Vieh­märk­te – laut den Be­für­wor­tern die­ser Sub­ven­tio­nen aus «Trans­pa­renz­grün­den» für fai­re Prei­se, laut den Geg­nern we­gen der star­ken Bau­ern­lob­by im Gros­sen Rat.

Die Seil­schaf­ten hiel­ten auch wäh­rend der Co­ro­na-Kri­se. Noch be­vor der Kan­ton Geld für die dar­ben­den Ki­tas sprach, stell­te er si­cher, dass in der Schlacht­vieh­bran­che wei­ter­hin der Ru­bel rollt. Ob­wohl die Märk­te phy­sisch nicht mehr statt­fin­den konn­ten, wur­den die kan­to­na­len Bei­trä­ge wei­ter­hin aus­be­zahlt. Die Epi­so­de zeigt: Die Tier­schüt­zer von Pe­ta ha­ben sich ei­nen gros­sen Geg­ner aus­ge­sucht. Al­ler­dings ha­pert es auch bei ih­rer Ar­gu­men­ta­ti­on.

Die In­flu­en­za-Ge­fahr

Be­züg­lich der Ver­brei­tung von Sars-Cov-2, dem neu­ar­ti­gen Co­ro­na­vi­rus, spie­len Nutz­tie­re näm­lich kaum ei­ne Rol­le. Das sagt Ger­traud Schüp­bach, Pro­fes­so­rin und Lei­te­rin des Ve­te­ri­na­ry Pu­b­lic He­alth In­sti­tuts an der Uni­ver­si­tät Bern. «Schwei­ne und Hüh­ner zeig­ten sich für das Vi­rus bei Ver­su­chen bis­her nicht emp­fäng­lich», so Schüp­bach. Sie ver­weist auf ei­ne kürz­lich durch­ge­führ­te Stu­die des deut­schen Fried­rich-Lo­eff­ler-In­sti­tuts.

Die For­scher ha­ben her­aus­ge­fun­den, dass Flug­hun­de und Frett­chen sich mit dem Co­ro­na­vi­rus in­fi­zie­ren kön­nen, Schwei­ne und Hüh­ner hin­ge­gen nicht. Mit Kü­hen re­spek­ti­ve Rin­dern wur­den zwar bis­her noch kei­ne Tests ge­macht. Auf­grund ih­rer ge­ne­ti­schen Ver­an­la­gung dürf­ten aber auch sie kaum als mög­li­cher Wirt des Vi­rus in­fra­ge kom­men.

Dass ein neu­er Krank­heits­er­re­ger ein­fach so von ei­nem Tier auf ei­nen Men­schen über­springt, ist näm­lich eher die Aus­nah­me als die Re­gel. Wenn Vi­ren sich an ei­nen be­stimm­ten Wirt an­ge­passt ha­ben, in dem sie sich ef­fek­tiv re­pro­du­zie­ren kön­nen, gibt es für sie kaum ei­nen Grund zum Wech­seln. Denn ein sol­cher Wech­sel be­dingt meis­tens ei­ne Form von Mu­ta­ti­on.

Aus­nah­men gibt es – so auch bei Nutz­tie­ren. «Be­den­ken gab es in den ver­gan­ge­nen Jah­ren vor al­len we­gen der In­flu­en­za-Vi­ren», sagt Schüp­bach. Die­se ex­trem an­pas­sungs­fä­hi­ge und schnell mu­tie­ren­de Vi­ren­gat­tung zir­ku­liert nicht nur beim Men­schen, son­dern in ab­ge­än­der­ter Form auch bei Schwei­nen (Schwei­ne­grip­pe) und Hüh­nern (Vo­gel­grip­pe). Es gab in der Ver­gan­gen­heit im­mer wie­der Fäl­le, wo das Vi­rus mu­tier­te und vom

Tier auf den Men­schen über­sprang – be­son­ders bei der Vo­gel­grip­pe oft mit töd­li­chen Fol­gen. «Bis­her konn­ten mit der Vo­gel­grip­pe in­fi­zier­te Per­so­nen das Vi­rus aber zum Glück nur sehr schlecht an an­de­re Men­schen wei­ter­ge­ben», sagt Schüp­bach.

Ob das Vi­rus theo­re­tisch vom Tier auf den Men­schen über­tra­gen wer­den kann, ist näm­lich nur die ei­ne Fra­ge. Die an­de­re ist, ob der Krank­heits­er­re­ger in Fol­ge auch von Mensch zu Mensch wan­dern kann.

Bei Schlacht­vieh­märk­ten in der Schweiz sieht Ger­traud Schüp­bach trotz­dem nur ein sehr ge­rin­ges Ri­si­ko für so­ge­nann­te Zoo­no­sen – al­so Krank­hei­ten, die vom Tier auf den Men­schen über­trag­bar sind. Das hat auch mit ei­nem we­sent­li­chen Un­ter­schied

zwi­schen hie­si­gen Vieh­märk­ten und je­nen in Chi­na und Süd­ost­asi­en zu tun: Die Tier­ar­ten kom­men hier­zu­lan­de kaum mit­ein­an­der in Kon­takt.

Ri­si­ko Wild­tie­re

In Tier­märk­ten wie je­nem in Wu­han sind un­ter­schied­li­che Tier­ar­ten oft auf sehr en­gem Raum zu­sam­men ein­ge­sperrt. So kann ein re­gel­rech­ter Vi­ren-Cock­tail ent­ste­hen, mit Wir­ten und Zwi­schen­wir­ten, bei dem, ir­gend­wann am En­de der Vi­ren­ket­te, auch ein Mensch sich et­was ein­fan­gen kann. Wei­ter kommt hin­zu, dass auf die­sen Märk­ten auch Wild­tie­re feil­ge­bo­ten wer­den. «Im Un­ter­schied zu Nutz­tie­ren kann man Krank­hei­ten bei Wild­tie­ren kaum be­kämp­fen re­spek­ti­ve aus­rot­ten», sagt Schüp­bach.

In der Schweiz wur­de in den ver­gan­ge­nen Jah­ren sehr viel in die Ge­sund­heit der hie­si­gen Nutz­tie­re in­ves­tiert. Jahr­zehn­te­lan­ge Krank­hei­ten, wie et­wa die Tu­ber­ku­lo­se bei Rin­dern, sind so gut wie aus­ge­rot­tet. Auch Fäl­le der Maul- und Klau­en­seu­che, die 1965 letzt­mals so rich­tig wü­te­te, tra­ten seit Jah­ren nicht mehr auf. «Bei ei­ner sol­chen Tier­seu­che wä­ren Vieh­märk­te das Ers­te, was ge­schlos­sen wer­den müss­te», sagt Schüp­bach.

Ze­cken am ge­fähr­lichs­ten

Bleibt die Fra­ge: Wä­re es theo­re­tisch mög­lich, dass ei­ne neu­ar­ti­ge Zoo­no­se, mit der Trag­wei­te von Sars-Cov-2, in der Schweiz aus­bre­chen kann? Ger­traud Schüp­bach be­zeich­net die­ses Sze­na­rio als «sehr, sehr un­wahr­schein­lich». Theo­re­tisch mög­lich wä­re es aber schon, al­ler­dings eher we­gen ei­nes Zwi­schen­falls mit ei­nem Wild­tier als mit ei­nem Nutz­tier.

Wäh­rend es von Hüh­nern und Rin­dern fast nur noch zu Über­tra­gun­gen von Durch­fall­ser­kran­kun­gen – Stich­wort Sal­mo­nel­len – kommt, kön­nen bei­spiels­wei­se Ze­cken noch im­mer schlim­me Krank­hei­ten aus­lö­sen. Auch von an­de­ren Wild­tie­ren könn­ten Bis­se zu un­schö­nen Er­kran­kun­gen füh­ren, et­wa Toll­wut. Al­ler­dings zeigt die Er­fah­rung, dass Mensch und Tier – mit Aus­nah­me der In­sek­ten – in der frei­en Wild­bahn kaum je so nah in Kon­takt kom­men, dass et­was pas­siert. Und auch die Wahr­schein­lich­keit, dass ein Mensch nach der Über­tra­gung mit dem Krank­heits­er­re­ger an­ste­ckend ist, ist ge­ring.

Fo­tos: Ni­co­le Phil­ipp

Am 12. Mai fand in Schüp­bach der ers­te Schlacht­vieh­markt un­ter neu­en Be­din­gun­gen statt. Die Co­ro­na-Re­geln muss­ten ein­ge­hal­ten wer­den – um die Men­schen zu schüt­zen.

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