Das Grau­en der Pest – und die Par­al­le­len zur Co­ro­na-Pan­de­mie

Wie im Mit­tel­al­ter auch das Ber­ner Ober­land von der Pest und an­de­ren Seu­chen er­grif­fen wur­de. Es gibt er­staun­li­che Par­al­le­len zur ge­gen­wär­ti­gen Co­ro­na-Pan­de­mie.

Berner Oberlander - - Vorderseit­e - An­dré Däh­ler

Ober­land Der Aus­schnitt aus ei­nem Ge­mäl­de von Gio­van­ni Bat­tis­ta Tie­po­lo sym­bo­li­siert das Grau­en, als im Mit­tel­al­ter die Pest wü­te­te – auch im Ber­ner Ober­land. Wie un­se­re neue vier­tei­li­ge Se­rie be­legt, gibt es er­staun­li­che Par­al­le­len zur ge­gen­wär­ti­gen Co­ro­na-Pan­de­mie. (aka)

Co­vid-19 ist bei wei­tem nicht die ers­te In­fek­ti­on, die um die Welt zieht. Schon im frü­hen Mit­tel­al­ter hat­ten Seu­che­ne­pi­de­mi­en ganz Eu­ro­pa über­zo­gen. Der furcht­bars­te all die­ser Schre­cken war die Pest. Ih­ren Haupt­ver­nich­tungs­zug be­gann die­se Gei­sel der Mensch­heit im 14. Jahr­hun­dert, wo sie im In­ne­ren Asi­ens aus­brach. Be­reits da­mals war Chi­na ihr Haupt­herd. Sie soll dort al­lein drei Mil­lio­nen Be­woh­ner ge­tö­tet ha­ben.

Über Klein­asi­en und Ara­bi­en eil­te der Schwar­ze Tod bald nach Eu­ro­pa. Ei­ne un­ge­heu­re Pa­nik be­mäch­tig­te sich der ge­sam­ten Chris­ten­heit. Man glaub­te, das En­de der Welt sei ge­kom­men.

Ein Drit­tel der eu­ro­päi­schen Be­völ­ke­rung aus­ge­löscht

Als Ers­tes ka­men die Ge­rüch­te. Von ei­ner Krank­heit. Aus Chi­na stam­me sie oder aus dem Ori­ent; in Si­zi­li­en ge­he sie schon um. Es folg­ten die Be­rich­te aus Mar­seil­le, dann kroch sie die Rho­ne hoch. Ei­nen Na­men hat­te sie nicht, wer von ihr sprach, nann­te sie bloss die Seu­che oder la­tei­nisch «Pes­tis» – aber es war bes­ser, man sprach nicht von ihr. Als Schwar­zer Tod wird ei­ne der ver­hee­rends­ten Pandemien der Welt­ge­schich­te be­zeich­net, die in Eu­ro­pa zwi­schen 1346 und 1353 ge­schätz­te 25 Mil­lio­nen To­des­op­fer for­der­te. Die­se Schät­zung, al­so dass ein Drit­tel der Be­völ­ke­rung Eu­ro­pas der Pest er­le­gen sei, trifft auf­grund der Er­wäh­nun­gen in den Chro­ni­ken mit ei­ner ho­hen Wahr­schein­lich­keit zu. Als Ur­sa­che gilt die durch das Bak­te­ri­um Yer­si­nia pes­tis her­vor­ge­ru­fe­ne Pest.

Bis zu zehn Zen­ti­me­ter gros­se Pest­beu­len

Dann, im Jahr 1347, kam sie ins Ber­ner­land – die Pest. Wer krank wur­de, dem wuch­sen Beu­len an Hals, Ach­seln und Leis­ten, bis zehn Zen­ti­me­ter gross, schwarz ver­färbt, vol­ler Blut und Ei­ter. Da­zu ka­men Fie­ber, Schmer­zen und so­zia­le Äch­tung. Die meis­ten in­fi­zier­ten Men­schen star­ben nach we­ni­gen Ta­gen, und vie­le star­ben al­lein. El­tern ver­lies­sen ih­re Kin­der und Kin­der ih­re El­tern.

Die Kir­che bot kei­ne Ant­wor­ten, Geist­li­che star­ben be­son­ders vie­le. Aber auch die Me­di­zin war macht­los. Man­che Ärz­te ver­mu­te­ten stin­ki­ge, «ver­pes­te­te Luft» als Aus­lö­ser und ent­zün­de­ten Weih­rauch zum Schutz.

Beim Auf­tre­ten der Pest im Früh­som­mer 1349 star­ben in der Stadt Bern täg­lich bis zu 60 Men­schen. In der Land­schaft be­wirk­te die Pest von 1349 ei­ne Ver­rin­ge­rung der Ern­te­er­trä­ge und Ein­künf­te, da zahl­rei­che Äcker aus Man­gel an Ar­beits­kräf­ten un­be­baut blie­ben. Die Korn­prei­se stie­gen an und ver­ur­sach­ten ei­ne Le­bens­mit­telteue­rung.

Die wäh­rend der Epi­de­mie ver­wais­ten Be­sitz­tü­mer schei­nen von den An­ge­hö­ri­gen der Pestop­fer mit Vor­lie­be an geist­li­che In­sti­tu­tio­nen ge­stif­tet wor­den zu sein. Da der Kir­chen­be­sitz nicht be­steu­ert wer­den durf­te, sah sich der Ber­ner Rat nach dem er­neu­ten Auf­tre­ten der Seu­che 1355 da­zu ver­an­lasst, die Ver­ga­be von Wohn­häu­sern und Hof­stät­ten an die Kir­che 1356 gänz­lich zu ver­bie­ten.

Die Pest als ei­ne Stra­fe Got­tes

In den über­lie­fer­ten Schrift­quel­len fin­den sich trotz der Tau­sen­den von To­ten wäh­rend ei­nes Seu­chen­zugs kaum An­ga­ben, die den Ver­lauf und die Aus­wir­kun­gen

der Epe­de­mi­en et­was aus­führ­li­cher be­schrie­ben hät­ten. Die meis­ten In­for­ma­tio­nen ent­hal­ten die im 15. und 16. Jahr­hun­dert nie­der­ge­schrie­be­nen Ber­ner Stadt­chro­ni­ken, de­ren Ver­fas­ser die gros­sen Pest­wel­len des 15. Jahr­hun­derts teil­wei­se selbst er­leb­ten.

Vor al­lem der Stadt­arzt und Chro­nist Va­le­ri­us Ans­helm war be­strebt, das Auf­tre­ten der töd­li­chen Krank­heit als Stra­fe Got­tes dar­zu­stel­len, die als Fol­ge des fort­schrei­ten­den sitt­li­chen und mo­ra­li­schen Zer­falls der Ein­woh­ner­schaft Berns nach den Bur­gun­der­krie­gen von 1475/76 über das Ge­mein­we­sen her­ein­ge­bro­chen sei. Die Aus­füh­run­gen Ans­helms wie sei­nes Vor­gän­gers, des Chro­nis­ten Die­bold Schil­ling, be­le­gen, dass je­der Pest­zug in­fol­ge von Ern­te­aus­fäl­len und Ver­sor­gungs­pro­ble­men je­weils von ei­ner Le­bens­mit­telteue­rung be­glei­tet wur­de.

Der Rat re­agier­te auf die Aus­wir­kun­gen der Pest, in­dem er die Prei­se ins­be­son­de­re beim Ge­trei­de durch ver­ord­ne­te Höchst­wer­te be­grenz­te. Zu­dem rief er Kle­ri­ker und Lai­en im städ­ti­schen Herr­schafts­ge­biet zu Wall­fahr­ten und Ge­be­ten auf. Und gleich­zei­tig ver­such­te er, die Be­völ­ke­rung in Stadt und Land zu ei­ner bes­se­ren christ­li­chen Le­bens­füh­rung an­zu­hal­ten.

Bis zu 24 To­des­fäl­le pro Tag

Nach­dem das Ber­ner­land 1411 und 1419 er­neut von zwei Seu­chen­zü­gen heim­ge­sucht wor­den war, kam es im Jahr 1439 zur ers­ten schwe­ren Pest­epi­de­mie des 15. Jahr­hun­derts. Der Aus­bruch der Krank­heit stand gleich­zei­tig mit ei­ner ver­stärk­ten Le­bens­mit­telteue­rung in Stadt und Land­schaft, die durch ei­nen un­ge­wöhn­lich spä­ten Schnee­fall im März 1438 aus­ge­löst wor­den war. Der Rats­herr und Chro­nist Be­ne­dikt Tschacht­lan be­rich­tet, dass «zu Bern in­ner­halb von fünf Mo­na­ten über 1100 Men­schen ge­stor­ben sind, wo­bei an ei­nem Tag bis zu 24 To­des­fäl­le zu be­kla­gen wa­ren».

Der Rat sah sich kurz nach Aus­bruch der Krank­heit am 30. Au­gust 1439 so­gar da­zu ge­nö­tigt, we­gen der wach­sen­den Zahl von To­des­fäl­len ei­ne neue Ord­nung für die Si­gris­te und To­ten­grä­ber in die Sat­zungs­bü­cher ein­schrei­ben zu las­sen. Er leg­te die Ta­ri­fe für das Läu­ten der To­ten­glo­cken so­wie das Be­gra­ben der Ver­stor­be­nen fest. Die Be­gräb­nis­kos­ten be­tru­gen hier­ar­chisch nach der Grös­se der zu läu­ten­den Glo­cken zwi­schen 2 Schil­lin­gen für we­ni­ger Ver­mö­gen­de und ei­nem Gul­den und 18 Schil­lin­gen für Ver­mö­gen­de. Zu­dem wies Bern sei­ne Un­ter­ta­nen an, al­lent­hal­ben von Kir­che zu Kir­che Kreuz­fahr­ten zu un­ter­neh­men.

Mas­sen­wall­fahrt über Thun zu den Bea­tus­höh­len

Die Ängs­te, die al­lein schon das Ge­rücht über das Her­an­na­hen ei­ner neu­en Pest­wel­le in der Be­völ­ke­rung her­vor­rie­fen, las­sen sich für das Jahr 1439 für ein­mal et­was ge­nau­er do­ku­men­tie­ren: Am 15. Ju­li 1439 be­nach­rich­tig­te der Ber­ner Rat sei­ne Rats­kol­le­gen in Thun, dass er in Er­war­tung des be­vor­ste­hen­den Pest­aus­bruchs

ei­ne Mas­sen­wall­fahrt der Bür­ger­schaft zur Sankt-Bea­tus-Ka­pel­le am Thu­n­er­see zu or­ga­ni­sie­ren be­ab­sich­ti­ge.

Der Rat kün­dig­te an, dass er «am 21. Ju­li mit ei­nem gros­sen volk nach Thun kom­men» wer­de, um von dort aus – wenn mög­lich mit Schif­fen – am nächs­ten Tag zu den Bea­tus­höh­len wei­ter­zu­rei­sen. Er bit­te des­halb die Ein­woh­ner­schaft Thuns, sich auf die An­kunft der ber­ni­schen Wall­fah­rer vor­zu­be­rei­ten, da­mit die

Die Be­gräb­nis­kos­ten be­tru­gen hier­ar­chisch nach der Grös­se der zu läu­ten­den Glo­cken zwi­schen zwei Schil­lin­gen für we­ni­ger Ver­mö­gen­de und ei­nem Gul­den und 18 Schil­lin­gen für Ver­mö­gen­de. Der Rat kün­dig­te an, dass er «am

21. Ju­li mit ei­nem gros­sen volk nach Thun kom­men» wer­de, um von dort aus – wenn mög­lich mit Schif­fen – am nächs­ten Tag zu den Bea­tus­höh­len wei­ter­zu­rei­sen.

se be­her­bergt und aus­rei­chend ver­pflegt wer­den könn­ten.

Zwi­schen 1478 und 1493 kam es zu ins­ge­samt drei ver­hee­ren­den Seu­chen­zü­gen, wäh­rend de­ren in Bern über 2000 Stadt­be­woh­ner ihr Le­ben ver­lo­ren. Die ers­te Krank­heits­wel­le er­fass­te Bern am 25. Ju­li 1478. Die­ser er­la­gen nach den An­ga­ben Die­bold Schil­lings ne­ben «vil tref­fen­li­cher lü­ten von geist­li­chen und welt­li­chen» Stand ins­be­son­de­re zahl­rei­che Kin­der.

Das Ster­ben dau­er­te ins­ge­samt fast zwei Jah­re, was den Rat da­zu ver­an­lass­te, in Stadt und Land­schaft zahl­rei­che Mes­sen und Buss­got­tes­diens­te zu ver­ord­nen. Ei­nes der pro­mi­nen­tes­ten Op­fer die­ser schreck­li­chen Epi­de­mie war der am­tie­ren­de Schult­heiss Adri­an von Bu­ben­berg, der im Spät­som­mer 1479 ver­starb.

Ge­be­te der Chor­her­ren in In­ter­la­ken hal­fen nicht

Dies­mal woll­ten die Kreuz­gän­ge nichts fruch­ten, ob­schon Bern auch die Chor­her­ren von In­ter­la­ken auf­ge­for­dert hat­te, die Mut­ter des Er­bar­mens, den hei­li­gen Se­bas­ti­an (Schutz­pa­tron ge­gen die Pest, an­de­re Seu­chen so­wie als Schutz­pa­tron der Brun­nen) und das gan­ze himm­li­sche

Heer an­zu­ru­fen. Nach­dem be­reits im Som­mer 1482 ei­ne epi­de­mi­sche Krank­heit et­li­che To­te, dies­mal vor al­lem Frau­en, und Hun­der­te von Kran­ken ge­for­dert hat­te, wur­de das Ber­ner­land im Früh­ling 1483 er­neut von ei­nem Seu­chen­zug heim­ge­sucht. Wie­der­um dau­er­te das Ster­ben ein­ein­halb Jah­re und kos­te­te noch ein­mal zahl­rei­che Men­schen­le­ben. Dies­mal wa­ren al­le Be­völ­ke­rungs­schich­ten, ob Alt oder Jung, glei­cher­mas­sen vom Ster­ben be­trof­fen.

Aber die weit­aus hef­tigs­te Pest­wel­le des 15. Jahr­hun­derts traf Bern im Som­mer und Herbst des Jah­res 1493. Va­le­ri­us Ans­helm be­zif­fer­te die Zahl der To­des­op­fer auf rund 1500 Per­so­nen, wo­bei al­lein der Klei­ne Rat sechs pro­mi­nen­te To­te zu be­kla­gen hat­te.

Quel­len: «Das gros­se Land­buch», Her­mann Hart­mann, 1913; «Im Tal von Gr­in­del­wald» (Band 1), Chris­ti­an Ru­bi, 1985; «Buch der Tal­schaft Lau­ter­brun­nen», Hans Mi­chel, 1950; «Strätt­li­gen», Lou­is Hän­ni, er­wei­ter­te Auf­la­ge 1997; «Bö­del­i­dütsch», Gus­tav Ritschard, 1983; His­to­ri­sches Le­xi­kon der Schweiz; Schwei­ze­ri­sches Idio­ti­kon (Mun­d­art­wör­ter­buch); www.bern.ch.

Fo­to: PD

Holz­stich aus dem «To­ten­tanz» von Hans Hol­bein dem Jün­ge­ren (1497–1543). Hol­bein ver­deut­lich­te, dass die Pest we­der Stand noch Klas­se kann­te. Die Jah­re 1524 bis 1525 gel­ten als die Haupt­ent­ste­hungs­zeit für das in 40 Bil­dern ge­stal­tet Werk.

Sär­ge und Grä­ber: "Der schwar­ze Tod von Tour­nai" aus dem Jah­re 1349 von Klos­ter­bru­der Gil­les Le Mui­sit (1272-1352).

Fo­tos: PD

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