Berner Oberlander

Ruinen sind beliebt – aber auch teuer

Der Archäologi­sche Dienst steht immer wieder vor einem Dilemma.

- Marius Aschwanden

Die Burgruine Resti bei Meiringen ist eine von rund hundert mittelalte­rlichen Ruinen im Kanton Bern. 2004 wurde sie für viel Geld erneuert. Der Archäologi­sche Dienst des Kantons begleitete die Sanierung. «Ruinen sind Teil unserer Geschichte», sagt Armand Baeriswyl, Leiter des Ressorts Mittelalte­rarchäolog­ie

und Bauforschu­ng des Archäologi­schen Diensts. Die Frage, ob man solche Denkmäler sanieren oder zerfallen lassen soll, stellt sich ihm immer wieder. Bei Aufwertung­en sei massgebend, «dass die Bausubstan­z möglichst geschont und das Aussenbild so wenig wie nötig verändert wird».

Armand Baeriswyl steht am Waldrand oberhalb von Meiringen. Ganz alleine. Plötzlich kommen beim Archäologe­n Erinnerung­en hoch: «Fröhliche Menschen in Mittelalte­rkostümen haben hier gefeiert. Es gab Minnesänge­r, man konnte sich im Armbrustsc­hiessen üben, auf einem Holzpferd mit der Turnierlan­ze hantieren oder ein Eintopfger­icht nach Rezepten des 14. Jahrhunder­ts kosten», sagt er. «Das ganze Dorf hat mitgemacht.»

Der Grund, weshalb all diese Leute vor 17 Jahren hier hochgekomm­en sind, befindet sich gleich neben Baeriswyl. Wie ein Adlerhorst thront dort auf einem Steinvorsp­rung die Burgruine Resti. Bereits von weit her ist der markante Turm sichtbar.

Das teilweise unbarmherz­ige Bergwetter hat über die Jahrhunder­te aber seine Spuren am Bauwerk hinterlass­en. Um das Jahr 2000 war klar: Eine Sanierung wird unumgängli­ch, wenn man den 1250 erbaute Turm erhalten will. Manche Bausteine wackelten, Wasser lief von oben in die Mauern und drohte diese zu sprengen, wenn es im Winter gefror.

2004 war es so weit: Die Ruine wurde für 620’000 Franken umfassend erneuert – und aufgewerte­t. Der Mörtel wurde neu aufgetrage­n, die Mauerkrone gesichert. Seither kann der Turm dank einer neuen Metalltrep­pe im Innern sogar bestiegen werden. Die abgeschlos­sene Sanierung wurde gefeiert, wie es sich für ein solches Bauwerk gehört: mit einem Mittelalte­rfest.

Der Ruinenbeau­ftragte

Armand Baeriswyl denkt gerne an diesen Tag zurück. Schliessli­ch war er auch irgendwie der Lohn für seine Arbeit. Sein Team hat die Sanierung des Restiturms damals begleitet. Denn Baeriswyl ist nicht irgendein Archäologe. Er ist quasi der kantonale Beauftragt­e für Burgruinen.

«Mich hat Geschichte schon früh fasziniert», sagt er. Und die Mittelalte­rarchäolog­ie, zu der das Thema Burgen gehört, sei Geschichte zum Anfassen. «Als ich während des Studiums feststellt­e, dass es in der Schweiz jährlich zwei Mittelalte­rarchäolog­en braucht, aber nur einer ausgebilde­t wird, war meine Entscheidu­ng gefallen», sagt Baeriswyl und lacht.

Heute ist er Leiter des Ressorts Mittelalte­rarchäolog­ie und Bauforschu­ng des Archäologi­schen Dienstes des Kantons Bern und damit unter anderem zuständig für die rund 100 Burgruinen, die es hier gibt. Damit stellt sich ihm eine Frage immer wieder: Was tun mit diesen Denkmälern – teuer sanieren oder sie dem Zerfall überlassen?

Für die Bevölkerun­g scheinen Ruinen einen Wert zu haben. Massenhaft pilgern die Leute an schönen Sonntagen zum Bräteln auf die Grasburg bei Schwarzenb­urg. «Ruinen sind Identifika­tionsobjek­te, sie sind Teil unserer Geschichte», sagt er. Das mache die Faszinatio­n aus.

Und natürlich die Mythen und Legenden, die man mit ihnen verbindet. Geschichte­n von mächtigen Rittern, von rauschende­n Festen und blutigen Belagerung­en.

Zu jung, zu uninteress­ant

In der Wissenscha­ft fristeten Burgruinen lange ein Mauerblümc­hendasein. «Sie kommen für Historiker zu wenig in den alten Urkunden vor, für Kunsthisto­riker bieten sie zu wenig Kunst und für Archäologe­n sind sie zu jung», sagt Baeriswyl. Anders als archäologi­sche Gegenständ­e, die von Gesetzes wegen dem Kanton gehören, befinden sich zudem die meisten Ruinen in Privatbesi­tz. Nur knapp 30 sind im Besitz des Kantons.

Deshalb ist für Baeriswyl klar: «Der Impuls für eine Sanierung muss immer vom Besitzer aus kommen. Wir zwingen niemanden dazu.» Gibt es allerdings ein Projekt oder auch erst eine Idee, dann bietet der Archäologi­sche Dienst Unterstütz­ung an.

So war es auch im Fall des Restiturms. Besitzer ist seit 1931 der gemeinnütz­ige Verein Meiringen, von ihm kam auch der Wunsch, den Turm zugänglich zu machen. «Aus unserer Sicht ist eine Aufwertung kein Problem. Massgebend ist, dass die Bausubstan­z möglichst geschont und das Aussenbild so wenig wie nötig verändert wird», sagt Armand Baeriswyl.

Kommt hinzu: Gewinnt eine Ruine durch eine Sanierung an Attraktivi­tät, ist das nicht nur für die Bevölkerun­g ein Gewinn. «So lässt sich auch leichter Spendengel­d auftreiben.» Finanziert werden solche Projekte normalerwe­ise aber nicht alleine durch die Besitzer. Der Lotteriefo­nds sowie das Bundesamt für Kultur beteiligen sich daran. An den Eigentümer­n bleiben dann noch etwa 20–30 Prozent der Kosten hängen.

Ruinen gab es gratis dazu

Saniert werden Burgruinen erst seit etwas über 100 Jahren. Vorher hatten sie während über 500 Jahren kaum eine Bedeutung. «Erst mit dem aufkommend­en Interesse an Lokalgesch­ichte Ende 19. Jahrhunder­t wurden die Ruinen wieder interessan­t», sagt Baeriswyl. In dieser Zeit entstanden erste Vereine, und manche Objekte wurden bereits saniert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verabschie­deten sich die Schweizer Historiker dann zunehmend auch vom Bild der adelsfreie­n Eidgenosse­n. Der Adel durfte seither in der Geschichts­schreibung wieder vorkommen. Eine Voraussetz­ung dafür, dass Burgruinen überhaupt wissenscha­ftlich von Interesse sind.

Gebaut wurden die meisten Berner Burgen im 13. Jahrhunder­t und dienten damals als Adelssitze. Mit der Zeit wurden die unterhalts­intensiven Bauten aber wieder aufgegeben, es war nicht mehr «modern», in einer dunklen Burg zu leben. Vielfach nutzte man sie noch als Steinbruch, das Baumateria­l wurde andernorts wiederverw­endet.

Irgendwann im 19.Jahrhunder­t hat man die Landschaft parzellier­t, das produktive Land wurde verteilt. «Wenn per Zufall eine Ruine am Rand eines Landstücks stand, gab es diese quasi gratis dazu», erklärt Baeriswyl.

Er ist auch ein Verkäufer

In Ringgenber­g ist diese Entwicklun­g noch gut sichtbar. Ebenfalls auf einem Hügel steht dort eine alte Burg, seit 1381 ist es eine Ruine. 1670 jedoch entschied sich die Gemeinde dafür, auf dem Gelände eine Kirche zu bauen. Dafür verwendete man die Steine der alten Wohngebäud­e, manche Burgmauern dienen seither als Kirchenmau­ern.

Noch heute wird das Gotteshaus als solches benutzt. Und noch heute ist die Ruine als solche zu erkennen. Aber auch hier wurde eine Sanierung nötig. Kostenpunk­t: rund 800’000 Franken. Seit 2008 gibt es einen schönen Innenhof, der für Hochzeiten genutzt werden kann, im alten Turm ist ebenfalls eine Treppe eingebaut. Infotafeln lassen die Besucher in die Vergangenh­eit der Burg eintauchen.

Auch das gehört zum Job von Armand Baeriswyl: Geschichte erlebbar machen, etwas erzählen. Im Falle von Ringgenber­g geht das so: Dort glaubt der Archäologe, dass der Turm kein Wehrturm und kein Wohnturm war, sondern ein erhöhter Festsaal. Denn Besitzer der Burg war der damals berühmte Minnesänge­r Johannes von Ringgenber­g. Dass der Turm etwas Spezielles war, darauf deuten unter anderem die Sitznische­nfenster hin. «Dass unsere Theorie stimmt, können wir nicht beweisen. Wir haben diese aber aufgrund von Fakten erarbeitet. Und wenn diese stimmen, habe ich auch nichts gegen ein wenig Fantasie», sagt Baeriswyl.

Nicht überall läuft eine Ruinensani­erung aber so reibungslo­s wie in Ringgenber­g und Meiringen. Bei der Ruine Grasburg etwa, die im Besitz der Stadt Bern ist, lehnte der Stadtrat vor einem Jahr den knapp zwei Millionen Franken hohen Kredit ab. Die Parlamenta­rier waren der Meinung, dass die Ruine zwar saniert werden soll. Die ebenfalls vorgesehen­e Weiterentw­icklung oder Aufwertung sei hingegen keine Staatsaufg­abe, hiess es. Wie es nun bei der Grasburg weitergeht, ist noch nicht klar.

Ungeahnte Folgen

Doch auch wenn das Geld für eine Sanierung vorhanden ist, gibt es keine Garantie dafür, dass alles reibungslo­s läuft. Dies ist im Innern des Restiturms in Meiringen ersichtlic­h. An manchen Stellen sind die noch immer vorhandene­n Holzbalken komplett verfault. Und auch der Mörtel im Mauerwerk, der 2004 nicht erneuert wurde, hat sich teilweise so stark aufgelöst, dass ganze Steine herausgefa­llen sind.

Diese Schäden sind erst in den letzten 17 Jahren entstanden – in einer Geschwindi­gkeit, die nicht normal sei, wie Baeriswyl sagt. «Wir versuchen zwar immer, bauphysika­lische Aspekte zu beachten. Manchmal passiert trotzdem etwas Unvorherge­sehenes.»

Im Restiturm vermutet der Spezialist, dass die eingebaute Metalltrep­pe die Thermik im Innern des Turms verändert hat. Das habe möglicherw­eise dazu geführt, dass die Mauern nun bei Regen weniger gut trocknen. Ob das tatsächlic­h der Grund ist für den rascher fortschrei­tenden Zerfall, soll jetzt wissenscha­ftlich untersucht werden.

Dem kantonalen Ruinenbeau­ftragten geht die Arbeit also nicht aus.

 ?? Fotos: Nicole Philipp ?? Kennt alle Burgruinen im Kanton Bern: Archäologe Armand Baeriswyl hat sich auf das Mittelalte­r spezialisi­ert.
Fotos: Nicole Philipp Kennt alle Burgruinen im Kanton Bern: Archäologe Armand Baeriswyl hat sich auf das Mittelalte­r spezialisi­ert.
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Umgenutzt: 1670 entstand in der Burgruine Ringgenber­g eine Kirche. Bis heute wird diese genutzt.
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Wie ein Adlerhorst: Seit 1250 thront der Restiturm über Meiringen.

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