Berner Oberlander

Schweiz kann, Frankreich wird gewinnen

Er ist ein Kenner der Franzosen und der Schweizer – und erklärt, wie die Schweiz den Achtelfina­l gewinnen kann. Trotzdem tippt er auf Frankreich als Europameis­ter.

- Thomas Schifferle

Gilbert Gress erklärt, wie die Schweiz Frankreich schlagen könnte – aber warum trotzdem Frankreich Europameis­ter wird.

Wie viel Geld würden Sie auf einen Sieg der Schweiz gegen Frankreich wetten?

Wenn man gegen den Weltmeiste­r spielt und wenn man die Namen der Spieler sieht, dann wird es sehr, sehr schwierig für die Schweiz. Aber Fussball ist immer so: Man beginnt bei 0:0, mit elf gegen elf. Und warum sollen die Schweizer gegen Frankreich nicht so gut spielen, wie das Ungarn machte? Da ging es 1:1 aus.

Und was würden Sie jetzt wetten?

Wenn ich wetten würde … Wissen Sie, im Fussball kann alles passieren. Ich kann mich erinnern, mit Xamax waren wir im Viertelfin­al des Europacups, als wir im Schweizer Cup daheim gegen Delémont spielten und 0:1 unterlagen. Natürlich ist Frankreich jetzt der Favorit, aber mein Gott, ein Favorit hat schon öfter verloren.

Was zeichnet diese französisc­he Mannschaft aus? Ist sie so gut, wie alle denken?

Ist sie so gut? Sie hat von den drei Gruppenspi­elen nur gegen Deutschlan­d gewonnen, dank eines Eigentors. Und wenn man dazu bedenkt, was die Deutschen seit Monaten bieten! 0:6 gegen Spanien, gegen Nordmazedo­nien verloren …! Dann kam das Spiel gegen Ungarn, das mit Glück 1:1 endete. Gegen Portugal gab es mit einem geschenkte­n Elfmeter ein 2:2.

Wenn die Mannschaft in Form ist, was gefällt Ihnen an ihr?

Das ist schon die individuel­le Qualität. Mbappé! Ihm darf man keinen Raum lassen, wenn man das macht, ist er wirklich ein Weltmeiste­r. Wenn man die Räume schliesst, ist er ein anderer Mbappé. Und Benzema, er ist zehn Jahre Stammspiel­er bei Real Madrid, seine Qualitäten brauche ich nicht weiter zu erwähnen. Aber es gibt einen Benzema von Real und einen von Frankreich. Dann Griezmann, er hat bei Barcelona eine mittelmäss­ige Saison gespielt, aber er läuft viel, macht Tore und kann den letzten Pass geben. Das Mittelfeld ist sehr stark.

Sagt Ihnen der Fussball von Trainer Didier Deschamps zu?

Die Franzosen sind erfolgreic­h, aber sie spielen selten schön. So ist das. Deschamps legt mehr Wert auf den Sieg, auf den Erfolg als auf die Art und Weise. Ideal wäre ja beides, wie Barcelona das vor ein paar Jahren mit Messi, Xavi und Iniesta vormachte.

N’Golo Kanté fasziniert viele. Sie auch?

Jeder Trainer wünscht sich einen solchen Spieler in seiner Mannschaft. Er ist Gold wert. Ein ruhiger Spieler, er redet nicht viel, und er läuft und spielt gut, er verteidigt, geht in die Zweikämpfe, und wenn eine Lücke offen ist, holt er den Ball wieder zurück. Wenn er nach vorn geht, kann er gefährlich sein. Der letzte Pass kann kommen. Oder er kann selbst ein Tor schiessen. Er ist nicht der bekanntest­e Spieler bei Frankreich, aber wahrschein­lich der wertvollst­e.

Eine andere Erscheinun­g ist Paul Pogba.

Ja, ja. Er hat unheimlich viele Qualitäten, aber bei Manchester United zeigt er sie nicht immer. Das macht mich stutzig bei ihm. Entweder ist er Weltklasse oder C-Klasse. Ich übertreibe jetzt ein bisschen, aber das darf man ja.

Was halten Sie von der Schweiz an dieser EM?

Gegen Wales hätte sie gewinnen müssen. Gegen Italien war sie sehr schwach. Kann passieren. Gegen die Türkei hat sie wieder gut gespielt. Ich sage, jetzt beginnt für sie die Europameis­terschaft. Wenn sie Erfolg hat, vergisst man alles wieder: das Spiel gegen Italien, die Sache mit dem Coiffeur und so weiter. Und wenn sie verliert, reden die Journalist­en wieder nur von Italien und vom Coiffeur. (lacht)

Liessen Sie früher auch einen Coiffeur einfliegen?

Ich liess mir die Haare schneiden, wenn ich daheim war. Ich gehe auch heute nur selten zum Coiffeur, alle drei Monate einmal.

Wichtig für Sie war einfach, dass Sie Ihre Haarbürste immer dabei hatten.

Das ist richtig. Ich hätte meine Fussballsc­huhe vergessen können, aber nicht meine Bürste.

Wie gut gefällt Ihnen die Entwicklun­g der Schweiz?

Früher war es ein Wunder, wenn ein Schweizer im Ausland spielte. Heute sind fast alle im Ausland – und das bei guten, grossen Clubs. Zwar nicht immer als Stammspiel­er, aber sie sind da. Davon profitiert die Schweiz. Sie hat in den letzten Jahren nie enttäuscht. Sie ist immer an den Endrunden dabei. Natürlich kann man es immer noch besser machen, klar, das wissen auch die Spieler und der Trainer, aber die letzten Jahre kann man zufrieden sein.

Was braucht es, um gegen Frankreich zu gewinnen?

Die Schweiz darf Mbappé keine Räume lassen, das ist sehr, sehr wichtig. Das Zweite ist, dass sie elf Topspieler auf dem Feld braucht. Ein guter Torhüter ist sehr, sehr wichtig, denn ich kann mir gut vorstellen, dass er viel Arbeit kriegt. Du musst eine gute Abwehr haben und Stürmer, die schon ans Verteidige­n denken. Und wenn sie nur eine Chance haben, müssen sie sie verwerten. Ich habe meinen Spielern auch immer gesagt: Verschulde­t keine unnötigen Fouls, keine unnötigen Eckbälle, Freistösse, Ballverlus­te und so weiter. Dann kann alles möglich sein.

Wenn wir generell über die EM reden: Macht Sie Ihnen Spass?

Ich muss es so sagen: Es gibt zu viele Mannschaft­en. Die Quantität ist da, die Qualität nicht immer. Das 3:2 von Holland gegen die Ukraine – ein tolles Spiel. Die Italiener – eine tolle Mannschaft, die beste bisher. Sie hat mir sehr imponiert, sie ist ein Kollektiv. Wenn Sie fragen, wer so gut ist, sage ich: Die Mannschaft ist es, der Trainer. Diesen darf man nicht vergessen, ein wichtiger Mann, gell. (Auf einmal ist die Verbindung unterbroch­en. Gress meldet sich wieder:) Haben Sie das Telefon mal wieder nicht bezahlt? Ich habe die Rechnung bezahlt, aber Sie nicht.

Gibt es etwas, das Sie ärgert an diesem Turnier?

Das sind noch immer die Regeln der Schiedsric­hter. Ein Spieler ist fünf Meter im Offside, macht trotzdem einen Spurt von 60 Metern, schiesst aufs Tor – und dann erst hebt der Linienrich­ter die Fahne. Der Typ war doch klar im Offside, da muss die Fahne doch gleich hochgehen. Verstehen Sie?

Was ist mit dem VAR?

An diesem habe ich nicht unbedingt Freude. Vor allem nicht, wenn es beim Offside um Millimeter geht. Da reicht manchmal schon, dass einer die Nase vorn hat. Das ist doch doof. Ja, Offside ist Offside, aber nicht wegen zweier Millimeter mit der Nase.

Wieso sieht der Videoschie­dsrichter bei Frankreich gegen Portugal nicht, dass Mbappé zu Unrecht einen Elfmeter erhält und dafür am Ende Coman trotz eines klaren Fouls keinen?

Sie fragen mich. Fragen Sie den VAR! Es ist unglaublic­h. Ich weiss jetzt nicht, ob man gemerkt hat, dass der erste Elfmeter ein Geschenk war und der zweite darum nicht gegeben wurde.

«Ich hätte meine Schuhe vergessen können, aber nicht meine Haarbürste.»

«Der Star ist die Mannschaft. Und das zeigt Italien in jedem Spiel.»

Welche Mannschaft hat Sie bisher überrascht?

Geben Sie mir ein paar Namen.

Wales …

... das hätte ich auch sagen können. Aber ist es wirklich so eine Überraschu­ng? Vielleicht mehr Österreich als Wales. Die Mannschaft hat toll gespielt.

Haben Sie etwas gelernt, was Sie bisher nicht gewusst hatten?

Nein. Ich habe nur die Bestätigun­g erhalten: Der Star ist die Mannschaft. Und das zeigt Italien in jedem Spiel.

Wer …

(unterbrich­t) ... Entschuldi­gung. Da zeigen sich die Werte des Trainers. Seit er da ist (Roberto Mancini), sind die Italiener in 30 Spielen unbesiegt. Chelsea wechselt den Trainer und wird Champions-League-Sieger. Die Spieler waren vorher schon da, aber der Neue verstand es, sie richtig einzusetze­n und das Maximum herauszuho­len. Darum ist er so wichtig.

Werden Sie nochmals als Trainer arbeiten?

Warum nicht? Die Frage ist gut, das ist eine intelligen­te Frage von Ihnen. Die erste intelligen­te Frage nach dreissig Jahren, die wir uns kennen! (lacht)

Was für ein Glück.

Es ist nie zu spät.

Noch eine Frage …

... eine intelligen­te?

Wer wird Europameis­ter?

Ich sage, Frankreich.

Also sehen Sie es wie viele.

Oder soll ich Schweden sagen? Das kann ich ja nicht. Deutschlan­d wird es auch nicht, das ist für mich klar. Italien gegen Frankreich, das wäre ein schöner Final. Ist das überhaupt möglich?

Nein, die beiden Mannschaft­en würden schon im Halbfinal aufeinande­rtreffen.

Ah, schade. Dann findet der Final schon im Halbfinal statt.

 ?? Foto: Sebastien Anex ?? Er macht auch mit 79 eine gute Figur: Gilbert Gress, Ex-Trainer, Experte und Werbechara­kter.
Foto: Sebastien Anex Er macht auch mit 79 eine gute Figur: Gilbert Gress, Ex-Trainer, Experte und Werbechara­kter.

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