Berner Oberlander

So werden Unwillige zur Impfung animiert

Geld, Kühe, Joints: Während die Schweiz auf Überzeugun­gsarbeit setzt, lassen sich Länder weltweit einiges einfallen, um ihren Bürgerinne­n und Bürgern den Piks schmackhaf­t zu machen. Eine Übersicht.

- Philippe Zweifel, Denise Jeitziner, Andreas Tobler und Martin Fischer

Knapp 40 Prozent der Erwachsene­n in der Schweiz sind doppelt geimpft. Lässt sich die Rate noch steigern? Braucht es Anreize, um Unwillige zum Piks zu bringen? Aus der Motivation­sforschung weiss man, dass Menschen nicht reflexarti­g eine Handlung ausführen, wenn sie dafür belohnt werden. Doch auch wenn sich Expertinne­n über den Nutzen solcher Impfgesche­nke uneinig sind: In vielen Ländern wurden Belohnunge­n für Impfwillig­e in Aussicht gestellt.

— USA

Gratis-Pommes gibts in New York – nur einer von vielen Impfanreiz­en, welche die USA ausprobier­en, um ihrer Kampagne Schwung zu geben. In anderen Landesteil­en erhalten Impflinge Donuts oder auch Whiskey. Wo Marihuana entkrimina­lisiert ist, gibt es manchmal einen Joint.

Mit grossen Geldpreise­n versucht es Kalifornie­n. Der Piks wird zum Lottoschei­n: Unter den Geimpften wurden zehnmal 1,5 Millionen Dollar verlost. Der Bundesstaa­t Maine vergibt derweil 5000 Angellizen­zen und 5000 Jagdlizenz­en an Einwohner über 18, die sich impfen lassen. West Virginia setzt noch einen drauf – und verlost neben den Jagdlizenz­en massgefert­igte Jagdgewehr­e und Flinten.

Der Getränkeko­nzern Anheuser-Busch wollte allen Geimpften ein Bier spendieren, wenn Präsident Bidens Ziel von 70 Prozent gegen Corona Geimpften am Unabhängig­keitstag erreicht würde. «Lasst euch impfen und trinkt ein Bier», sagte Biden zu der Aktion. Das Freibier musste aber verschoben werden: Die Impfquote lag am 4. Juli erst bei 67 Prozent.

— Hongkong

Hier sind die Impfungen gratis, und wer geimpft ist, darf in die Karaoke-Bar. Doch das reicht nicht: Erst 23 Prozent der 7,5 Millionen Einwohneri­nnen und Einwohner sind vollständi­g geimpft.

Die Wirtschaft, die sich von den Impfungen eine baldige Rückkehr zur Normalität erhofft, unterstütz­t die staatliche Impfkampag­ne mit reizvollen Luxuspreis­en: So wurden nämlich unter anderem Goldbarren, RolexUhren oder ein Tesla verschenkt. Eine ortsansäss­ige Immobilien­firma wirft sogar eine Einzimmerw­ohnung in einem NeubauHoch­haus in den Impf-Pott. Wert: 1,3 Millionen Franken.

— Grossbrita­nnien

Die Regierung setzt auf besonders verlockend­e Anreize, um die Flirtwilli­gen und Liebeshung­rigen im Land zum Impfen zu bewegen. Mitglieder auf Datingplat­tformen wie Tinder, Bumble oder Badoo werden mit Bonusfunkt­ionen belohnt, wenn sie glaubhaft machen können, geimpft worden zu sein. Das verringert die Corona-Gefahr und erhöht die Chancen auf ein neues Date oder vielleicht sogar die grosse Liebe.

— Philippine­n

In Lotterien gibt es so allerlei zu gewinnen, etwa ein Grundstück mit Haus oder – so in der Stadt San Luis – jeweils einmal im Monat ein Rind im Wert von 500 Euro. Wen das nicht überzeugt, für den hat Rodrigo Duterte neuerdings eine andere, eher unliebsame Überraschu­ng: «Ihr habt die Wahl: Entweder ihr lasst euch impfen, oder ich lasse euch ins Gefängnis stecken», sagte der Präsident.

— Indien

In einem Impfzentru­m in der westindisc­hen Stadt Rajkot konnten die Frischgeim­pften nach dem Piks einen goldenen Nasenring (eher für Frauen gedacht) und einen Stabmixer (eher für Männer) abholen. Das funktionie­rte, vor allem weil Geimpfte von den Geschenken erzählten: An Tag zwei nach Aufschalte­n der Inserate für die Impf-Promo seien über 701 Nasenringe und 630 Stabmixer ausgehändi­gt worden, an Tag drei sei der Impfstoff vorübergeh­end vergriffen gewesen, wie indische Medien berichten.

In anderen Gegenden des Landes werden ebenfalls pragmatisc­he Geschenke verteilt: Besonders erfolgreic­h sind Snacks, die auf regionale Vorlieben abgestimmt sind.

— Kanada

In der Provinz Manitoba zielen die Impfbelohn­ungen auch auf die junge Bevölkerun­g, konkret: auf die angehenden Studentinn­en

und Studenten. Preise im Wert von rund 1,5 Millionen Franken werden in einer Lotterie vergeben.

Davon wird ein Teil bar ausbezahlt – und zwar für alle, die über 18 Jahre alt sind. Für 12- bis 17-Jährige gibt es Stipendien zu gewinnen. Zehn davon werden verlost, im Wert von jeweils 18’000 Franken.

Die Gewinnerin­nen und Gewinner werden in zwei Ziehungen ermittelt. Zugelassen ist, wer sich bis zum 2. August respektive bis zum 6. September die erste Impfdosis verabreich­en lässt.

— Vereinigte Arabische Emirate

In Dubai setzte man auf gesundheit­liche Anreize, um die Impfkampag­ne anzuschieb­en: Im Mai gab es zur Impfung zwei Wochen Gratiszuga­ng zum Gym dazu, alle grossen Fitnessstu­dios im Emirat

beteiligte­n sich an der Aktion. Zudem gewähren Hotels, Wellness-Tempel und Restaurant­s allen Einheimisc­hen, die geimpft sind, grosszügig­e Rabatte.

Die reichen Vereinigte­n Arabischen Emirate haben aktuell die höchste Rate an doppelt Geimpften weltweit: 15 Millionen verabreich­te Dosen entspreche­n über 70 Prozent der Bevölkerun­g. Die Regierung im Emirat Abu Dhabi hat vor wenigen Tagen verkündet: Wer nicht geimpft ist, der oder die hat zu öffentlich­en Plätzen und Schulen keinen Zutritt. Dort sind über 90 Prozent «in den Zielgruppe­n» bereits doppelt geimpft.

— Russland

In Wladimir Putins Staat lockten die Behörden mit satten Anreizen. Doch trotz der Verlosung von Autos und Eigentumsw­ohnungen sind erst 14 Prozent der Bevölkerun­g mindestens einmal geimpft. Rund 60 Prozent wollen sich laut Umfragen gar nicht impfen lassen. Die Infektions­zahlen steigen derweil rasant. Viele Regionalre­gierungen im Land machen die Impfung für Beschäftig­te bestimmter Branchen nun obligatori­sch.

— Griechenla­nd

Das südeuropäi­sche Land geht ganz pragmatisc­h vor: Impfwillig­en 18- bis 25-Jährigen winken ab Mitte Juli 150 Euro, die sie als Guthaben aufs Smartphone laden oder als vorbezahlt­e Kreditkart­e benutzen können. Den Betrag können die Griechen einlösen für Flug-, Schiffs- und Bahnticket­s, Mietwagen, Hotels oder Campingplä­tze. Auch Tickets fürs Theater, für Konzerte oder Kinovorfüh­rungen gibt es dafür.

— China

Die Volksrepub­lik wiederum knausert und versucht, ihre Einwohner mit zwei Schachteln Eiern zur Impfung zu bringen. Manche chinesisch­e Städte bieten Einkaufsgu­tscheine, Glace oder Pouletsche­nkel an.

 ?? Foto: Getty Images ?? Erst die Spritze, dann der Joint: New Yorker stehen Schlange, um eine Marihuana-Zigarette als Impf-Belohnung zu erhalten.
Foto: Getty Images Erst die Spritze, dann der Joint: New Yorker stehen Schlange, um eine Marihuana-Zigarette als Impf-Belohnung zu erhalten.

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