Berner Oberlander

Queen Victoria, Titanic und vieles mehr

«Zunder und Plunder» heisst die Produktion 2021 des Landschaft­stheaters Ballenberg. Der erste Teil der Hauptprobe fand bei strömendem Regen statt.

- Anne-Marie Günter

«Zunder und Plunder» heisst die neuste Produktion des Landschaft­stheaters Ballenberg. 34 Schauspiel­erinnen und Schauspiel­er bieten neun Theaterpro­duktionen, und als Kulisse dienen acht historisch­e Bauernhäus­er. Dabei geht es um den Besuch der englischen Königin auf der Rigi. Da treffen sich ein Handwerksg­eselle auf der Walz, ein Wanderpred­iger und eine obdachlose Mutter mit ihren Kindern. Und auch Leonardo DiCaprio ist irgendwie im Freilichtm­useum präsent.

34 Schauspiel­erinnen und Schauspiel­er, neun kurze Theaterpro­duktionen, als Kulisse acht historisch­e Bauernhäus­er: Das Freilichtt­heater Ballenberg wählte für den Theatersom­mer 2021 eine neue Form. Die Regisseure und Autoren Ueli Blum, Buschi Luginbühl und Franziska Senn haben in kurzer Zeit unter dem eher wirkungsvo­llen als programmat­ischen Titel «Zunder und Plunder» sehr unterschie­dliche Kurztheate­r entwickelt.

Das Publikum erhält tagsüber während des Museumsbes­uchs Einblick in das Leben von Menschen, die einst in der ländlichen Schweiz unterwegs waren. Viele Figuren haben reale Vorbilder, zum Beispiel Adeline Favre, die im Val d’Annivers Hebamme war und über 8000 Geburten begleitete. Oder Johann Adam Gabler, der als Wanderfoto­graf in die Schweiz kam, in Matten sesshaft wurde und dank dem aufstreben­den Tourismuso­rt Interlaken mit seiner Familie einen Verlag für Ansichtska­rten gründen konnte.

Von Liebe und Heiraten

Einmal steht auch ein Dichter Pate für das Schauspiel. Regisseur Ueli Blum wählte Anton Tschechows humoristis­chen Einakter «Heiratsant­rag», angesiedel­t im russischen Landadel, und setzte ihn als «Hüratsatra­g» ins Bauernmili­eu und in Mundart um. Statt Liebeserkl­ärung und Kniefall wird zwischen der Auserwählt­en und ihrem Vater und dem Bräutigam erbittert um ein Stück Land gestritten. Zum Happy End kommts trotzdem, allerdings geht der Streit munter weiter.

Wer einst alles unterwegs war, zeigen andere Szenen: Da treffen sich ein Handwerksg­eselle auf der Walz, ein Wanderpred­iger und eine obdachlose Mutter mit ihren Kindern. Trotz Sorgen und Nöten entsteht eine zarte Liebesgesc­hichte. Andere Kinder sind auf der Suche nach Sommerarbe­it unterwegs, ein Schneiderg­eselle hat einen Traum, eine «Trucklifra­u» aus Italien, die ihre

Mercerie-Waren auf dem Rücken von Bauernhof zu Bauernhof trägt, begegnet einer einstigen Kollegin, die in der Schweiz verheirate­t ist.

Auf der Rigi und der Titanic

Weil es am Donnerstag heftig regnete, konnten an der ersten Generalpro­be nur zwei Szenen gespielt werden. Es ging um Reisen. Königin Victoria lud zum Afternoon-Tea bei der Villa Schafroth ein und erzählte von ihrer Reise auf die Rigi, die 1868 wirklich stattgefun­den hat. Das Publikum bekam eine Kurzeinfüh­rung in Sachen Comment beim Sitzen, Verbeugen und Knicksen und durfte «Luegit vo Bärge u Tal» mitsingen.

Eine andere Reise machen Josef und Josefine, die nach New Glarus auswandern wollten, leider auf der Titanic. Ihre Geschichte

wurde von den Musikern Mattia Belz und Simon Guyer mit Trompete und Schlagzeug begleitet und von Jakob, einem selbst ernannten Kapitän und Original, kommentier­t.

Die reale Geschichte – eine Postkarte des jungen Urner Paars aus Cherbourg ist das letzte Lebenszeic­hen – berührt. So ein bisschen Leonardo DiCaprio und Kate Winslet hat Regisseuri­n Franziska Senn wohldosier­t eingearbei­tet. Die Szene endet mit dem «Dream of Automne», möglicherw­eise das letzte Stück, das die Kapelle beim Untergang der Titanic gespielt hat.

Eigentlich hätte 2021 das Stück «Brandnacht» als Wanderthea­ter aufgeführt werden sollen, wegen der Corona-bedingten Unsicherhe­it wurde es auf 2022 verschoben. Ballenberg-Geschäftsf­ührer Martin Michel und Christian Sidler, Geschäfts- und Produktion­sleiter des Landschaft­stheaters Ballenberg, dankten allen Beteiligte­n für ihren Einsatz für «Zunder und Plunder».

«So ein bisschen Leonardo DiCaprio und Kate Winslet hat Regisseuri­n Franziska Senn wohldosier­t eingearbei­tet.»

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Foto: Anne-Marie Günter Josef (Janis Gerber) und Josefina (Claudia Schürch) tanzen, Jakob, der Kaptiän a.D. (Thomas Ittmann) klatscht Beifall, und die Musik spielt auf.
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Königin Victoria und ihre Hofdame beim Tee.

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