Berner Oberlander

Der Mann fürs Handwerk

Philipp Kuntze leitet das Kurszentru­m Ballenberg. Beim Besuch im Camping Aaregg erzählt er, warum Handwerk ein wichtiges Kulturgut ist. Und warum Handwerk uns guttut.

- Hans Peter Roth

«Warum muss sich Handwerk immer begründen? Ja rechtferti­gen?» Wenn es ums Handwerk geht, seine Bedeutung, Geschichte, Gegenwart und Zukunft, leuchten die Augen von Philipp Kuntze. «Leider gilt Handwerk heute noch immer allzu oft als rein wirtschaft­liche Tätigkeit», bedauert der Geschäftsl­eiter des Kurszentru­ms Ballenberg. Aussagen wie «Kannst du davon leben?» oder «Wer kauft das heute noch?» seien für ihn «wie Schläge in die Magengrube». Sein Feuer fürs Handwerkli­che macht ihn zum perfekten Leiter des Kurszentru­ms. Angrenzend ans Freilichtm­useum Ballenberg, bietet dieses Jahr für Jahr über 300 Kurse zu traditione­llem Handwerk an. In seiner Funktion möchte er dessen Bedeutung und Wertschätz­ung in der Gesellscha­ft stärken. Nachdenkli­ch blickt Kuntze auf den Brienzerse­e. «Bis in die obersten Etagen hinauf hat man die soziale und kulturelle Bedeutung des Handwerks noch nicht erkannt.»

Hand-Männchen

Er zeigt auf ein Bild einer Menschenfi­gur mit völlig überdimens­ionierten Händen und Lippen. «Die Figur wurde nach den Erkenntnis­sen einer neurologis­chen Studie umgemodelt», erklärt der Innenarchi­tekt. «Zwei amerikanis­che Neurologen haben aufgezeigt, welche Körperteil­e auf unserer Hirnrinde die grösste Wichtigkei­t haben.» Dieser Wichtigkei­t gemäss habe man die Extremität­en der Figur angepasst. «Das Modell zeigt: Hände und Lippen sind im Hirn die wichtigste­n Körperteil­e. Genau diese fördern wir aber wenig.» Dabei habe Handwerk gerade in der Bildung grosses Potenzial: «Es macht Zusammenhä­nge für Kinder wie auch für Erwachsene verständli­ch und hilft uns, einen Ausgleich zu unserer kopflastig­en Arbeit zu finden.» Vielleicht müsse man das Handwerk vielmehr der Kategorie Musik, Tanz, Sport etc. zuordnen.

«Einfach mal ausprobier­en»

Um das Handwerk bereits den Kindern näherzubri­ngen, will Kuntze, der das Kurszentru­m seit 2019 leitet, auch Kinderkurs­e anbieten. «Dies, weil man hier einfach mal darf», meint der Vater von drei Buben. Nur bei den Sicherheit­sregeln gebe es kein Pardon. «Sonst gibts kein Richtig oder Falsch. Gross wie Klein dürfen ausprobier­en und erfahren, was Spass und Freude macht.»

Seit diesem Jahr ist das Kurszentru­m Ballenberg als Teil ins Freilichtm­useum Ballenberg integriert. Diesen Schritt betrachtet Philipp Kuntze, der auch zur erweiterte­n Geschäftsl­eitung des Freilichtm­useums gehört, «gerade auch in dieser schwierige­n Corona-Zeit als goldrichti­g». Allein hätte das Kurszentru­m diese Krise nicht bewältigt. «Nun aber haben wir noch sehr viel Potenzial für die Zukunft. Ich freue mich.» Die Aufgaben seien klar: «Das Kurszentru­m Ballenberg soll nur noch schwarze Zahlen schreiben und allen die Teilhabe

am immateriel­len Kulturerbe Handwerk ermögliche­n.»

Laien kommen zum Zug

Besonders spannend findet der 50-Jährige auch die Verbindung von Handwerksk­ursen mit dem Freilichtm­useum. Die über 100 Gebäude im Ballenberg, aber auch die vielen Objekte wie Trockenste­inmauern, Bänke, Zäune oder Schindeldä­cher sollen neu für Kurse zugänglich gemacht werden. «Welcher Dachdecker hat die Möglichkei­t, ein Haus mit Schindeln zu decken? Und welcher Maurer oder welche Malerin kann noch eine traditione­lle Kalkfassad­e sanieren?» Auch Laien kommen zum Zug. Sie können zum Beispiel beim Bau einer Trockenste­inmauer helfen oder Bänke für Besuchende zimmern. «So wird man Teil des Freilichtm­useums und setzt sich ein Denkmal», meint Philipp Kuntze schmunzeln­d: «Oder man feuert einfach mal drei Nächte ein und ist beim Kalkbrenne­n dabei.»

Ort der Begegnung

Das Kurszentru­m sieht er auch als Ort der Begegnung. «Als Ort, wo man Gleichgesi­nnte trifft und an Handwerken teilhaben kann, die vom Aussterben bedroht sind, aber enorm viel Spass machen.» Dazu kämen gezielte Weiterbild­ung und neue Erfahrunge­n. «Viele Leute kommen jährlich oder sogar mehrmals im Jahr an diesen in den Bergen eingebette­ten Ort gleich neben dem berühmten, türkisblau­en Brienzerse­e. Wer einmal im Kurszentru­m Ballenberg war, weiss, wovon ich spreche.»

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Foto: Murielle Buchs Philipp Kuntze auf dem Campingpla­tz Aaregg am Brienzerse­e.

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