Ein Klick kann rei­chen fürs Ge­fäng­nis

Berner Zeitung (Emmental) - - Ausland -

Russ­land be­straft Bür­ger für be­stimm­te On­li­ne­ak­ti­vi­tä­ten. Selbst das Ver­tei­len von Li­kes kann schwer­wie­gen­de Fol­gen ha­ben.

Ma­ria Mo­tuz­na­ja aus der rus­si­schen Stadt Bar­naul könn­te im Ge­fäng­nis lan­den. Sie hat «ver­bo­te­ne» Bil­der ins so­zia­le Netz­werk Vkon­tak­te hoch­ge­la­den, das rus­si­sche Äqui­va­lent von Face­book. Sie zeig­ten an­geb­lich be­lei­di­gen­de Il­lus­tra­tio­nen von Pries­tern und Schwar­zen. Die Rus­sin be­teu­er­te in Me­di­en und bei der Po­li­zei, kei­ne Ras­sis­tin zu sein. Aber nie­mand in­ter­es­sier­te sich für ih­re Wor­te. Seit ver­gan­ge­ner Wo­che steht sie vor Ge­richt.

Im Mai ka­men Po­li­zis­ten in ih­re Woh­nung, nah­men ih­ren Com­pu­ter und ihr Han­dy mit und brach­ten Mo­tuz­na­ja zur Wa­che. Aus Angst und un­ter Druck be­kann­te sie sich zu­nächst schrift­lich für schul­dig. Ihr Kon­to wur­de «we­gen Fi­nan­zie­rung von Ter­ro­ris­mus» blo­ckiert. Nun steht ihr Na­me auf der Ex­tre­mis­mus­lis­te. Das ur­sprüng­li­che Be­kennt­nis hat Mo­tuz­na­ja in­zwi­schen wi­der­ru­fen. Soll­te das Ge­richt sie für schul­dig be­fin­den, droht ihr ei­ne Haft­stra­fe von bis zu sechs Jah­ren.

Neu­es Ge­setz in Kraft

Russ­lands Re­geln zur In­ter­net­nut­zung wer­den im­mer stren­ger. Wer sich für Ge­schich­te, Po­li­tik, Re­li­gi­on oder die so­zia­le La­ge im Land in­ter­es­siert und sei­ne kri­ti­sche Mei­nung aus­drückt, geht ein Ri­si­ko ein. Doch nur schon das Tei­len oder Li­ken von Bei­trä­gen und das Hoch­la­den von Fo­tos kön­nen schwer­wie­gen­de Fol­gen ha­ben. Ein Klick kann aus­rei­chen, um in Haft zu kom­men.

Als Grün­de wer­den oft Ex­tre­mis­mus, Se­pa­ra­tis­mus, Ras­sis­mus, Na­tio­na­lis­mus, Be­lei­di­gung der Ge­füh­le von Gläu­bi­gen an­ge­führt, wenn rus­si­sche In­ter­net- nut­zer be­straft wer­den. Nach An­ga­ben der Ge­ne­ral­staats­an­walt­schaft wur­den im Jahr 2017 mehr als 1500 Ver­fah­ren we­gen Ex­tre­mis­mus­ver­dachts in so­zia­len Netz­wer­ken ein­ge­lei­tet.

Der letz­te Teil des An­ti-Ter­rorGe­set­zes­pa­kets ist die­sen Som­mer in Kraft ge­tre­ten, seit­her müs­sen rus­si­sche In­ter­net­an­bie­ter den Da­ten­ver­kehr der Nut­zer für Ge­heim­diens­te sechs Mo­na­te lang spei­chern. «Nach­rich­ten­diens­te ha­ben Da­ten­zu­griff in so­zia­len Netz­wer­ken – auch bei sol­chen, die nicht mit den Be­hör­den zu­sam­men­ar­bei­ten wol­len», sagt Dmi­tri As­tasch­kin, For­scher am Pe­ters­bur­ger In­sti­tut für Ge­schich­te der Rus­si­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten.

Täg­lich gibt es neue ab­sur­de Fäl­le. Di­na Ga­ri­na, Bus­fah­re­rin aus St. Pe­ters­burg, ver­lor ih­ren Job we­gen ei­nes Posts in Vkon­tak­te. Im Jahr 2015 hat­te die Frau ei­nen Text in na­tio­na­lis­ti­schem Ton ge­schrie­ben, nach­dem Män­ner aus der mus­li­misch ge­präg­ten Teil­re­pu­blik Da­ges­tan ei­nen rus­si­schen Mann aus St. Pe­ters­burg er­mor­det hat­ten. Auf ih­rer Pro­fil­sei­te sag­te sie, die Po­li­zis­ten aus der Haupt­ver­wal­tung zur Be­kämp­fung des Ex­tre­mis­mus sei­en «Fau­len­zer». Da­für be­kam Ga­ri­na ei­ne Ge­fäng­nis­stra­fe. Doch nach ih­rer Haft wur­de ihr Na­me nicht von der Ex­tre­mis­mus­lis­te ge­stri­chen. Des­halb kann sie nicht mehr als Bus­fah­re­rin ar­bei­ten, wie das In­ter­net­por­tal Me­du­za An­fang Au­gust be­rich­te­te.

And­rei Scha­sche­rin, ein Bau­ar­bei­ter aus Bar­naul, wur­de we­gen 40 Bil­dern an­ge­klagt, die er auf Vkon­tak­te hoch­ge­la­den hat­te. Vor al­lem an ei­ner Karikatur stör­ten sich die Be­hör­den: Je­sus fragt dar­in den Pa­tri­ar­chen Ki­rill, wie spät es ist. Auf dem Bild ist zu se­hen, dass der Pa­tri­arch ei­ne 30 000 Dol­lar teu­re Uhr trägt – ei­ne An­spie­lung auf den Reich­tum man­cher Geist­li­cher.

Bank­kon­ten ge­sperrt

Das für Ex­tre­mis­mus zu­stän­di­ge Po­li­zei­de­par­te­ment wer­tet das als Be­lei­di­gung der rus­si­schor­tho­do­xen Kir­che. Nun wol­len die Straf­ver­fol­ger ein psych­ia­tri­sches Gut­ach­ten von Scha­sche­rin ein­ho­len. Sein Bank­kon­to wur­de ge­sperrt, sei­ne Fa­mi­lie hat nun fi­nan­zi­el­le Pro­ble­me.

Dass schon das Ver­tei­len von Li­kes straf­bar sein kann, be­legt die Ge­schich­te ei­nes Arz­tes aus Cha­ba­rowsk. Der Mann lik­te letz­tes Jahr ein Bild im Netz­werk Od­no­klass­ni­ki, im Ju­li wur­de er fest­ge­nom­men. Ihm droht ei­ne Haft­stra­fe von bis zu fünf Jah­ren. «Ge­set­ze und In­stru­men­te, die so et­was mög­lich ma­chen, er­lau­ben den Be­hör­den nicht nur, Ter­ro­ris­ten zu ver­fol­gen, son­dern auch Op­po­si­tio­nel­le», sagt der For­scher As­tasch­kin.

Da die Nut­zung po­pu­lä­rer Netz­wer­ke wie Vkon­tak­te ge­fähr­lich sein kann, se­hen sich vie­le Rus­sen nach Al­ter­na­ti­ven um. Vor al­lem die Smart­pho­ne-App Te­le­gram wächst ra­pi­de. Sie ist der ein­zi­ge Mes­sen­ger-Di­enst, auf dem man sich in Russ­land frei un­ter­hal­ten kann, ob­wohl die Be­hör­den ver­su­chen, den Zu­gang zum Mes­sen­ger zu blo­ckie­ren, der seit April ver­bo­ten ist.

Anz­he­li­ka Sau­er

«Sol­che Ge­set­ze er­lau­ben den Be­hör­den nicht nur, Ter­ro­ris­ten zu ver­fol­gen, son­dern auch Op­po­si­tio­nel­le.» Dmi­tri As­tasch­kin

Wis­sen­schaft­ler

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