Die gol­de­ne Ge­ne­ra­ti­on im Spät­herbst

Berner Zeitung (Emmental) - - Sport -

Löst Mat­thi­as Sem­pach mit sei­nem ver­let­zungs­be­ding­ten Ab­gang bei den Ber­ner Ü-30Spit­zen­schwin­gern nun ei­ne Rück­tritts­wel­le aus?

Mat­thi­as Sem­pach war der Kom­plet­tes­te: ein Per­fek­tio­nist durch und durch, der zwei An­läs­se mit eid­ge­nös­si­schem Cha­rak­ter für sich ent­schied.

Mat­thi­as Sie­gen­tha­ler war der Sti­list: ein tech­nisch ex­zel­len­ter Schwin­ger, der oh­ne Ver­let­zun­gen ei­ne noch er­folg­rei­che­re Kar­rie­re ge­habt hät­te.

Chris­ti­an Stucki ist der Er­folgs­ga­rant: ein wuch­ti­ger Kämp­fer mit aus­ge­zeich­ne­tem Ge­spür für Zwei­kampf und Geg­ner, der seit ei­ni­gen Sai­sons der stärks­te Ber­ner ist.

Tho­mas Sem­pach ist der Un­ter­schätz­te: ein wert­vol­ler Hau­de­gen im Ber­ner Team, der kaum zu be­zwin­gen ist und zwei grosse Berg­fes­te (Schwä­galp, Brü­nig) für sich ent­schie­den hat.

Si­mon An­de­regg ist der Kon­stan­te: ein hart­nä­cki­ger Schwin­ger, der seit Jah­ren zur er­wei­ter­ten Spit­ze zählt und das jüngs­te Mit­glied im Hun­der­ter­club (min­des­tens hun­dert Krän­ze) ist.

Mat­thi­as Glar­ner ist der Mus­ter­ath­let: ein Sport­ler mit Kraft und Köpf­chen, der sich ste­tig ge­stei­gert hat und mit 30 Jah­ren Kö­nig ge­wor­den ist.

Wil­ly Gra­ber schliess­lich ist der Pu­bli­kums­lieb­ling: ein wen­di­ger Bo­den­a­kro­bat, der mit sei­nem ein­zig­ar­ti­gen Stil das Pu­bli­kum zu be­geis­tern weiss.

Glar­ners Pres­se­kon­fe­renz

Sie al­le zäh­len zur gol­de­nen Ge­ne­ra­ti­on der Ber­ner Schwin­ger, wel­che die Jahr­gän­ge 1984, 1985 und 1986 um­fasst. Das Sep­tett to­ta­li­siert 118 (!) Kranz­fest­sie­ge, ga­ran­tiert dem Ber­ner Ver­band seit über ei­nem Jahr­zehnt Er­folg und den Sta­tus als stärks­ter Teil­ver­band. Zieht ei­ner ei­nen schwa­chen Tag ein, schwin­gen die an­de­ren in die Bre­sche. So ist das – oder doch eher: So war das.

Die Kräf­te­ver­hält­nis­se ha­ben sich ver­scho­ben, jün­ge­re Ath­le­ten drän­gen mit Wucht und Ex­plo­si­vi­tät an die Spit­ze. Die Ab­lö­sung ist im Gang, das Gros der gol­de­nen Ge­ne­ra­ti­on im Spät­herbst der Kar­rie­re. Re­spek­ti­ve: Zwei Ver­tre­ter sind be­reits zu­rück­ge­tre­ten: Sie­gen­tha­ler und Sem­pach. Der Schwin­ger­kö­nig ver­ab­schie­de­te sich ges­tern. Der Ber­ner Te­am­chef Pe­ter Schmutz hat­te noch ver­sucht, Sem­pach um­zu­stim­men. Schmutz ist sich be­wusst, dass der Ge­ne­ra­tio­nen­wech­sel nach dem «Eid­ge­nös­si­schen» 2019 wohl voll­zo­gen wird. Nun fürch­tet der tech­ni­sche Lei­ter, die Rück­tritts­wel­le könn­te nach den Ab­gän­gen von Sie­gen­tha­ler und Sem­pach be­reits ein Jahr frü­her über die Ber­ner Mann­schaft her­ein­bre­chen.

Mat­thi­as Glar­ner lacht und sagt: «Ich woll­te für Frei­tag ei­ne Pres­se­kon­fe­renz an­set­zen. Sem­pach kam mir zu­vor.» Für den Mei­rin­ger (32 Jah­re alt) ste­hen die­se Wo­che me­di­zi­ni­sche Un­ter­su­chun­gen an. Da­nach wird der Schwin­ger­kö­nig von 2016 ent­schei­den, ob er die Sai- son ab­bre­chen oder al­len­falls noch an Re­gio­nal­fes­ten im Fie­scher­tal und in Ae­schi­ried an­tre­ten wird. «Aber wenn es die Ge­sund­heit zu­lässt, möch­te ich bis zum nächs­ten ‹Eid­ge­nös­si­schen› wei­ter­fah­ren», sagt Glar­ner.

Stucki (33), An­de­regg (32) und Tho­mas Sem­pach (33) blei­ben den Ber­nern mit Si­cher­heit er­hal­ten. Letz­te­rem feh­len drei Krän­ze bis zum Ju­bi­lä­um. «Ich hät­te nach all den Ver­let­zun­gen in jün­ge­ren Jah­ren nie ge­dacht, die Zahl von hun­dert Krän­zen ein­mal er­rei­chen zu kön­nen», sagt Sem­pach. An sei­nem 25. Ge­burts­tag hat­te er ge­ra­de ein­mal 23 Krän­ze auf dem Kon­to. Seit 2010 aber spielt der Kör­per fast im­mer mit. «Ich ma­che wei­ter», sagt er.

Gra­bers Plan

Wil­ly Gra­ber ist mit Jahr­gang 1984 der Äl­tes­te der er­wähn­ten Ge­ne­ra­ti­on und seit die­sem Som­mer drei­fa­cher Va­ter. Ges­tern gab er nach ei­ner Schul­ter­ver­let­zung das Come­back – an sei­nem letz­ten «Kan­to­na­len»? «Ma­che ich wei­ter, will ich noch­mals et­was reis­sen und mei­nen fünf­ten eid­ge­nös­si­schen Kranz ge­win­nen», sagt Gra­ber. «Da­für müss­te ich vier-, fünf­mal pro Wo­che schwin­gen. Das könn­te schwie­rig wer­den.» Der Mit­tel­län­der wird den Ent­scheid in den nächs­ten Wo­chen ge­mein­sam mit sei­ner Frau fäl­len. «Sie muss da­hin­ter­ste­hen.» Was wä­re Gra­bers Wunsch? «Ach wis­sen Sie: Ich könn­te ein Le­ben lang schwin­gen.» Vor­stell­bar ist auch, dass Gra­ber im Win­ter re­du­ziert trai­nie­ren und im Früh­ling am Hal­len­schwin­get in Bol­li­gen auf­hö­ren wird.»

Ges­tern hol­ten al­le vier an­ge­tre­te­nen Ath­le­ten aus der gol­de­nen Ge­ne­ra­ti­on den Kranz. Stucki wur­de Zwei­ter, Tho­mas Sem­pach klas­sier­te sich im drit­ten Rang. Gold zählt eben nicht zum Alt­ei­sen. rek

Fo­to: Ra­pha­el Mo­ser

Ab­schied vom Kö­nig: Mat­thi­as Sem­pach mit sei­ner Fa­mi­lie.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.