Ein Test für Toll­pat­sche

Berner Zeitung (Emmental) - - Magazin -

Wenn Kin­der häu­fig stol­pern und Tel­ler fal­len las­sen, soll­te man sie be­reits früh för­dern. Um die De­fi­zi­te zu er­ken­nen, hat das Kin­der­spi­tal Zü­rich ei­nen neu­en Test ent­wi­ckelt.

Zwei Ste­cker darf Finn ver­suchs­hal­ber be­reits in die Lö­cher ver­sen­ken, be­vor die Stopp­uhr läuft. «Ach­tung, fer­tig, los», ruft dann Neu­ro­phy­sio­lo­gin Tan­ja Ka­ke­bee­ke und drückt auf den Knopf. Jetzt gehts flink: In we­ni­ger als 12 Se­kun­den steckt der Bub mit der rech­ten Hand die rest­li­chen zehn Plas­tiknä­gel ins Holz­brett. Mit der lin­ken braucht er für die glei­che Übung knapp 15 Se­kun­den. Auch beim Schrau­ben, Hüp­fen so­wie Vom-Stuhl-Auf­ste­hen und Ab­sit­zen ist der 12-Jäh­ri­ge schnell und ge­schickt.

Für die Be­loh­nung mit ei­ni­gen Pa­ni­ni-Bild­chen hat sich Finn zur Ver­fü­gung ge­stellt, den neu aus­ge­ar­bei­te­ten Test des Kin­der­spi­tals Zü­rich vor­zu­zei­gen. Wäh­rend zwei­er Jah­re ha­ben die For­schen­den gut 600 ge­sun­de Kin­der ver­schie­de­ner Zürcher Stadt­krei­se un­ter­sucht, um al­ters­spe­zi­fi­sche Norm­da­ten zu den mo­to­ri­schen Fä­hig­kei­ten zu er­hal­ten. Im Mai wur­den die Da­ten im Fach­jour­nal «De­ve­lop­men­tal Me­di­ci­ne and Child Neu­ro­lo­gy» pu­bli­ziert. Sie sol­len Kin­der­ärz­te und The­ra­peu­ten da­bei un­ter­stüt­zen, den Ent­wick­lungs­stand von Kin­dern und Ju­gend­li­chen ein­zu­schät­zen.

«Wir ge­hen da­von aus, dass Kin­der we­gen der Di­gi­ta­li­sie­rung heu­te fein­mo­to­risch ge­schick­ter sind.» Neu­ro­phy­sio­lo­gin Tan­ja Ka­ke­bee­ke

Di­gi­ta­li­sie­rung zeigt Fol­gen

Ei­ne frü­he­re Ver­si­on des Tests na­mens «Zürcher Neu­ro­mo­to­rik» ist be­reits seit über zwan­zig Jah­ren im Ein­satz. Er ba­siert auf Da­ten, die einst der Zürcher Kin­der­arzt Re­mo Lar­go er­ho­ben hat­te, der Au­tor von Best­sel­ler­bü­chern wie «Ba­by­jah­re». Der mitt­ler­wei­le 74-Jäh­ri­ge führ­te sei­ne Er­he­bun­gen an Kin­dern und Ju­gend­li­chen von 5 bis 18 Jah­ren durch und hat auch jetzt bei der Über­ar­bei­tung mit­ge­wirkt. Die neu­en Wer­te be­zie­hen 3- und 4Jäh­ri­ge mit ein. Dies sei un­ter an­de­rem sinn­voll, weil der Ein­tritt in den Kin­der­gar­ten heu­te frü­her er­fol­ge, oft schon mit 4 Jah­ren, sagt Stu­di­en­lei­te­rin Ka­ke­bee­ke.

Aus­ser­dem ha­be der ge­sell­schaft­li­che Wan­del seit den 90erJah­ren ei­ne Neu­auf­la­ge er­for­dert. «Wir ge­hen da­von aus», so die Neu­ro­phy­sio­lo­gin, «dass Kin­der we­gen der Di­gi­ta­li­sie­rung heu­te fein­mo­to­risch ge­schick­ter sind, grob­mo­to­risch da­ge­gen et­was schwä­cher ge­wor­den sind.»

Mäd­chen sta­gnie­ren ab 14

Der neue Test setzt sich aus ein­fa­chen Übun­gen zu­sam­men, die ma­nu­el­le Fer­tig­kei­ten, aber auch Kraft, Schnel­lig­keit von Ar­men und Bei­nen so­wie die Ba­lan- ce ab­bil­den. Um ei­nen Lern­ef­fekt aus­zu­schlies­sen, ach­te­ten die Wis­sen­schaft­ler dar­auf, dass die meis­ten Be­we­gun­gen un­ge­wohnt sind. Ei­ne da­von be­steht zum Bei­spiel dar­in, mit der Hand aus dem Hand­ge­lenk her­aus mög­lichst schnell auf das Knie zu schla­gen. Et­was, das nicht al­len der jüngs­ten Teil­neh­men­den ge­lang. Rund ein Drit­tel der 3- und 4-Jäh­ri­gen ha­be nur zu ei­nem Teil der Übun­gen mo­ti­viert wer­den kön­nen, sagt Tan­ja Ka­ke­bee­ke. «Vie­len klei­nen Kin­dern fehlt noch der kom­pe­ti­ti­ve Ansporn.» Sie ta­ten sich leich­ter mit den Ver­su­chen, bei de­nen man ein Re­sul­tat sieht – et­wa beim Auf­zie­hen von Holz­per­len auf ei­ne Plas­tik­schnur.

Schwer fiel es vie­len klei­ne­ren Kin­dern, nur ei­ne Kör­per­sei­te zu ge­brau­chen und die an­de­re ru­hig zu hal­ten. Mit­be­we­gun­gen der un­be­tei­lig­ten Hand sei­en bei Kn­a­ben häu­fi­ger zu be­ob­ach­ten, er­klärt Ka­ke­bee­ke. Die be­tref­fen­de Ge­hirn­re­gi­on ent­wick­le sich bei ih­nen et­wa zwei­ein­halb Jah­re spä­ter als bei Mäd­chen. Sonst er­rei­chen bei­de Ge­schlech­ter ähn- li­che Leis­tun­gen. Doch ab et­wa 14 Jah­ren ver­bes­sern sich jun­ge Frau­en mo­to­risch kaum mehr, wäh­rend sich jun­ge Män­ner bis 18 ste­tig stei­gern. Dies ha­be mit dem Tes­to­ste­ron­an­stieg zu tun, er­klärt die For­sche­rin. «Das Hor­mon regt den Mus­kel­zu­wachs an.» Un­ter­schie­de zei­gen sich des­halb vor al­lem bei Übun­gen, die Kraft er­for­dern wie et­wa dem Stand­weit­sprung.

Wich­tig für die Ent­wick­lung

Die ge­won­ne­nen Er­kennt­nis­se sind be­son­ders für die Un­ter­su­chung früh­ge­bo­re­ner Kin­der und sol­cher mit Herz­feh­lern von Be­deu­tung. Mit dem ein­fa­chen Test kön­ne man ih­ren Ent­wick­lungs­stand am bes­ten ein­schät­zen, er­klärt die For­sche­rin. «Al­ters­ge­rech­te mo­to­ri­sche Fä­hig­kei­ten sind ein ent­schei­den­der Fak­tor für die ge­sun­de kör­per­li­che, geis­ti­ge und so­zia­le Ent­wick­lung ei­nes Kin­des.» De­fi­zi­te soll­ten mög­lichst früh ent­deckt wer­den, weil För­der­mass­nah­men im frü­hen Al­ter be­son­ders er­folg­ver­spre­chend sind. Um ei­ne ein­heit­li­che Er­he­bung und Aus­wer­tung si­cher­zu­stel­len, be­su­chen Fach­per­so­nen, die den Test an­wen­den, ei­ne Schu­lung.

In ei­ner wei­te­ren Stu­die will das Zürcher For­scher­team her­aus­fin­den, wie sich die Mo­to­rik mit zu­neh­men­dem Al­ter ent­wi­ckelt. Be­reits un­ter­sucht wur­de ei­ne Grup­pe 35-jäh­ri­ger Pro­ban­den. Bei ih­nen wa­ren im Ver­gleich zu den 18-Jäh­ri­gen noch kei­ne Ein­bus­sen zu be­ob­ach­ten. Bei Men­schen über 60 er­war­ten die Wis­sen­schaft­ler aber ei­ne ge­rin­ge­re Leis­tung. Denn im Al­ter ent­wi­ckelt sich die Ge­hirn­mas­se leicht zu­rück, und auch die Leit­fä­hig­keit der Ner­ven nimmt ab. Norm­da­ten könn­ten hel­fen, aus­ser­or­dent­li­che Ab­bau­pro­zes­se schnell und ein­fach zu er­ken­nen.

Da­von ist der 12-jäh­ri­ge Finn na­tür­lich noch weit ent­fernt. Die Schrau­ben dreht er rechts wie auch links im Re­kord­tem­po in die Lö­cher. Auf ei­nem Bein ste­hen ge­lingt ihm mit of­fe­nen und ge­schlos­se­nen Au­gen bes­tens, und in­nert we­ni­ger als 9 Se­kun­den hüpft er 20-mal über die am Bo­den ein­ge­zeich­ne­te Li­nie hin und her. Dass er in der Frei­zeit Gi­tar­re und Fussball spielt, wirkt sich deut­lich auf sei­ne fein- und grob­mo­to­ri­schen Fä­hig­kei­ten aus. Und ein Ansporn zu gu­ten Leis­tun­gen ist wohl auch sein gros­ses sport­li­ches Vor­bild: Fuss­bal­ler Is­co, der bei Re­al Ma­drid spielt.

Andrea Söl­di

Fo­to: Do­ris Fan­co­ni

Ein Ju­gend­licher zieht Holz­per­len auf: Ein neu­er Testzeigt den mo­to­ri­schen Ent­wick­lungsstand auf.

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