Neu­es Al­bum von Her­bert Grö­ne­mey­er

Her­bert Grö­ne­mey­er for­dert in sei­nem neu­en Al­bum «Tu­mult» Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten ein.

Berner Zeitung (Emmental) - - Erste Seite - Be­ne­dikt Sar­t­ori­us

Pop «Tu­mult» heisst die neue Plat­te des deut­schen Mu­si­kers. Er for­dert da­rin Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten ein – und strahlt da­mit in tur­bu­len­ten Zei­ten ei­ne gu­te Ru­he aus.

Es sind Ta­ge, in de­nen Selbst­ver­ständ­li­ches nicht mehr selbst­ver­ständ­lich ist. Mit­ein­an­der re­den? Mul­ti­kul­tu­rel­les Zu­sam­men­le­ben? So­li­da­ri­tät? Ja, was zählt das ei­gent­lich al­les noch? An die­sen ge­gen­wär­ti­gen Aus­nah­me­zu­stand, in dem ge­sell­schaft­li­che Grund­wer­te be­droht sind, er­in­nert Her­bert Grö­ne­mey­er, wenn er mit sei­ner un­ko­pier­ba­ren Sing­stim­me den Satz «Der Tag ist al­les aus­ser ge­wöhn­lich» in­to­niert, gleich zu Be­ginn sei­nes neu­en Al­bums mit dem Ti­tel «Tu­mult».

Na­tür­lich ist der Song «Se­kun­den­glück» dann ein Lie­be­sund kein kämp­fen­des Po­lit­lied, weil Deutsch­lands im­mer noch er­folg­reichs­ter Pop­mu­si­ker weiss, wie er sein gros­ses Ge­fol­ge ein­fan­gen kann. Ei­nes, das al­len­falls ab­ge­schreckt ist durch den Ti­tel und erst­mals be­ru­higt wer­den möch­te – mit ei­nem flüch­ti­gen, aber sanft klin­gen­den Glücks­ver­spre­chen, mit dem das Al­bum an­hebt.

In­te­gra­ti­ons-State­ment

«Tu­mult» zeigt an, dass der 62-Jäh­ri­ge die Zei­chen der Zeit ver­steht und sich nicht nur um per­sön­li­che Be­find­lich­kei­ten küm­mert. Im Vor­feld der Ver­öf­fent­li­chung er­in­ner­te Her­bert Grö­ne­mey­er auch an das Jahr 1993, als er auf sei­nem Al­bum «Cha­os» nach den Brand­an­schlä­gen auf Asyl­be­wer­ber­hei­me ge­gen die Neo­na­zis an­ge­sun­gen hat – mit Pa­ro­len wie «Hart im Kopf, weich in der Bir­ne».

Auf «Tu­mult» klingt der Wi­der­stand nach­denk­li­cher, we­ni­ger platt, aber nicht un­be­stimmt oder un­ge­fähr, wie bei so vie­len an­de­ren Pop­stars sei­ner Li­ga, die Po­si­ti­ons­be­zü­ge scheu­en. Da ist «Fall der Fäl­le», das bal­la­de­n­ähn­lich be­ginnt und die Wut, die «bräunt», be­schreibt – und ge­gen En­de lo­cker lo­s­tän­zelt, wenn ein Chor mit der Zei­le «Kei­nen Mil­li­me­ter nach rechts» die po­li­ti­sche Po­si­ti­on, die Hal­tung ge­gen den Hass von rechts mar­kiert.

Und da ist na­tür­lich die be­reits be­kann­te Sing­le «Dop­pel­herz/Iki Gön­lüm» mit dem tür­kisch ge­sun­ge­nen Re­frain und dem Gast-Rap: Grö­ne­mey­er lie­fert mit die­sem Song so­zu­sa­gen das In­te­gra­ti­ons-State­ment nach, das Deutsch­land, als Me­sut Özil im Som­mer aus der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft zu­rück­ge­tre­ten war, so schmerz­lich fehl­te.

«Leicht­sinn und Lie­be»

Nicht, dass Her­bert Grö­ne­mey­er nun nach ab­so­lu­ter Zeit­ge­nos­sen­schaft strebt: Die Sounds auf «Tu­mult» klin­gen an­ge­jahrt, bes­ten­falls zeit­los – die Pu­bli­kums­mas­sen hat die­se Pop­mu­sik stets im Blick. Denn mit sei­nem neu­en Al­bum sagt der Mu­si­ker eben auch: auf mich ist Ver­lass, in Zei­ten, in de­nen «Ha­sar­deu­re gera­de ei­nen Lauf» ha­ben, wie er in «Leicht­sinn und Lie­be» singt.

Für die­se Ver­läss­lich­keit ist man Her­bert Grö­ne­mey­er dank­bar. Dank­bar für ei­ne Plat­te, die im Grun­de Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten aus­spricht und für sich re­kla­miert – und im Tu­mult un­se­rer Ge­gen­wart ei­ne gu­te Ru­he aus­strahlt.

Her­bert Grö­ne­mey­er: «Tu­mult» (Uni­ver­sal). Kon­zert: 17. März 2019, Hal­len­sta­di­on, Zü­rich.

Fo­to: An­toi­ne Me­lis

Strahlt gu­te Ru­he aus: Her­bert Grö­ne­mey­er.

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