Smar­te lin­ke Kar­rie­ris­ten im bür­ger­li­chen Bern

In­sel­spi­tal Ist es gut, dass Bern­hard Pul­ver so schnell in die Wirt­schaft wech­selt?

Berner Zeitung (Emmental) - - Region - Jürg St­ei­ner

Bern­hard Pul­ver ist der Josch­ka Fi­scher von Bern. So smart, wie der vor­ges­tern zum Ver­wal­tungs­rats­prä­si­den­ten der In­sel-Grup­pe ge­kür­te grü­ne Ber­ner Ex-Re­gie­rungs­rat den Kar­rie­re­sprung in die Wirt­schaft schafft, da­von könn­te so­gar der mit al­len Was­sern ge­wa­sche­ne deut­sche OberG­rü­ne et­was ler­nen.

Der heu­te 70-jäh­ri­ge Fi­scher trat 1985 als hes­si­scher «Turn­schuh­mi­nis­ter» an die Öf­fent­lich­keit, spä­ter gab der bril­lan­te Rhe­to­ri­ker in der rot-grü­nen Re­gie­rung den Vi­ze­kanz­ler und Aus­sen­mi­nis­ter. 2006 stieg er um in die Wirt­schaft, er zog Man­da­te des Au­to­kon­zerns BMW oder des Tech­no­lo­gie­rie­sen Sie­mens an Land. Bis heu­te sieht sich Fi­scher mit Kri­tik kon­fron­tiert, er ver­ra­te für hor­ren­de Ho­no­ra­re frü­he­re Idea­le und lie­fe­re der In­dus­trie grü­ne Deck­män­tel­chen.

Pul­ver hin­ge­gen bran­det in Bern aus al­len La­gern nur Ap­plaus ent­ge­gen, seit man weiss, dass er im Fe­bru­ar 2019 das mit rund 200 000 Fran­ken ent­löhn­te 60- bis 80-Pro­zen­tPen­sum als In­sel-Prä­si­dent an­tritt. Pul­ver, ge­wählt vom bür­ger­li­chen Re­gie­rungs­rat, schlüpft auf An­hieb in die Top Ten der Ber­ner Wirt­schafts­ka­pi­tä­ne. Ein spek­ta­ku­lä­re­rer Sprung von der Po­li­tik in die Wirt­schaft ist in der Schweiz noch kei­nem Grü­nen ge­lun­gen.

Grü­ne um­weht der My­thos, ein idea­lis­ti­sches Welt­bild zu ze­le­brie­ren und wirt­schaft­li­che Rech­nun­gen ger­ne zu ver­nach­läs­si­gen. Mäch­ti­ge Seil­schaf­ten zwi­schen Po­li­tik und Wirt­schaft, wie sie die SVP im Kan­ton Bern jahr­zehn­te­lang pfleg­te, kri­ti­sier(t)en Lin­ke lei­den­schaft­lich. Aus­ge­rech­net im bür­ger­lich do­mi­nier­ten Kan­ton Bern eta­bliert sich ei­ne an­de­re Pra­xis.

Als Mo­ritz Leu­en­ber­ger (SP) 2010 aus dem Bun­des­rat zu­rück­trat, stieg er in den Ver­wal­tungs­rat des Bau­rie­sen Im­ple­nia ein. Es ha­gel­te Kri­tik, weil er auf ei­nem Ge­biet tä­tig wur­de, das er vor­her po­li­tisch be­ackert hat­te. Bern­hard Pul­ver war als Re­gie­rungs­rat an der Vi­si­on be­tei­ligt, Bern zum füh­ren­den Me­di­zi­nal­stand­ort der Schweiz zu ma­chen. Jetzt, ein hal­bes Jahr nach sei­nem Ab­gang aus der Po­li­tik, wech­selt er hin­über zum füh­ren­den Un­ter­neh­men die­ser Stra­te­gie – ein heik­ler Job, für den er viel mit­bringt. Aber: Öf­fent­li­che Be­den­ken über den su­per­schnel­len Sei­ten­wech­sel und die Macht­kon­zen­tra­ti­on im Kan­ton? Null. Im Ge­gen­teil.

Bar­ba­ra Eg­ger (SP), 16 Jah­re lang Ber­ner Ener­gie­di­rek­to­rin und im Som­mer gleich­zei­tig mit Pul­ver ab­ge­tre­ten, wur­de kurz nach ih­rem Rück­tritt für den (vom Bür­ger­li­chen Wer­ner Lu­gin­bühl, BDP, prä­si­dier­ten) Ver­wal­tungs­rat der Kraft­wer­ke Ober­has­li (KWO) vor­ge­schla­gen. Andre­as Ri­cken­ba­cher (SP), seit sei­nem Rück­tritt als Re­gie­rungs­rat 2016 selbst­stän­di­ger Un­ter­neh­mer, liess sich noch im po­li­ti­schen Amt in den Ver­wal­tungs­rat von Bern­ex­po wäh­len und sitzt in­zwi­schen auch im (von Urs Ga­sche, BDP, prä­si­dier­ten) Ver­wal­tungs­rat der BKW. Der frü­he­re SPGross­rat Mar­kus Mey­er sitzt im Ver­wal­tungs­rat der Ge­bäu­de­ver­si­che­rung, Alt-SP-Gross­rat Bern­hard An­te­ner im Ver­wal­tungs­rat der BLS. Das ist der Main­stream im Kan­ton Bern.

Wo ist der Filz­vor­wurf ge­blie­ben? Selbst Bür­ger­li­che nei­gen zur An­sicht, dass be­son­ders in staats­na­hen Un­ter­neh­mun­gen auch lin­ke Ex-Po­li­ti­ke­rin­nen und -Po­li­ti­ker mit un­ter­neh­me­ri­schem Flair und ih­rem weit ver­zweig­ten Netz­werk gu­te Di­ens­te leis­ten – be­son­ders dann, wenn Pro­jek­te an­ste­hen, die Wi­der­stand we­cken könn­ten. Man kann auch ar­gu­men­tie­ren: In Spi­tä­lern oder bei Ener­gie­dienst­leis­tern kön­nen Ex-Po­li­ti­ker Ge­währ bie­ten, dass das öf­fent­li­che In­ter­es­se ge­wahrt bleibt. «Für Re­gie­rungs­rä­te ste­hen nicht ein­fach al­le Tü­ren of­fen», sag­te Bern­hard Pul­ver in die­ser Zei­tung kurz vor sei­nem Ab­tritt aus der Re­gie­rung. Heu­te kann man sa­gen: Im Kan­ton Bern ste­hen für Po­li­ti­ker vie­le Tü­ren of­fen. Auch für Lin­ke.

1985, als Josch­ka Fi­scher in Turn­schu­hen die deut­sche Po­li­tik auf­zu­mi­schen be­gann, hat­te Bern­hard Pul­ver in Bern gera­de die Ma­tur hin­ter sich und im Gym­na­si­um Neu­feld den Ruf hin­ter­las­sen, ein hart­nä­cki­ger Hin­ter­fra­ger eli­tä­rer Macht­struk­tu­ren zu sein. Mög­li­cher­wei­se wür­de der Pul­ver von 1985 dem Pul­ver von 2018 ein paar un­an­ge­neh­me Fra­gen stel­len. Die Feind­bil­der sind nicht mehr, was sie wa­ren, auf bei­den Sei­ten, und das ist gut so. Aber da­vor, sich an Macht und Ein­fluss zu ge­wöh­nen, ist nie­mand ge­feit. In der Me­di­zi­nalbran­che: Ex-Re­gie­rungs­rat Bern­hard Pul­ver. In der Ener­gie­bran­che: Ex-Re­gie­rungs­rä­tin Bar­ba­ra Eg­ger.

Fo­tos: bm

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