Das Bun­des­per­so­nal ist zu gut

Mit­ar­bei­ter­be­ur­tei­lung Heu­te er­hal­ten 96 Pro­zent des Per­so­nals die No­te «gut» oder «sehr gut». SVP und FDP wol­len das än­dern. Für die An­ge­stell­ten ist das lohn­re­le­vant.

Berner Zeitung (Emmental) - - Schweiz - Fa­bi­an Schä­fer Phil­ip­pe Rei­chen

Die For­de­rung klingt ei­gen­ar­tig, ist aber ernst ge­meint: Der Bund soll sei­nem Per­so­nal schlech­te­re No­ten ge­ben. SVP- und FDPNa­tio­nal­rä­te ha­ben ges­tern in der Fi­nanz­kom­mis­si­on be­schlos­sen, die Spiel­re­geln für die all­jähr­li­chen Mit­ar­bei­ter­ge­sprä­che der Ver­wal­tung in ei­nem zen­tra­len Punkt zu ver­schär­fen. Beim Bund gibt es vier Stu­fen der Beur­tei­lung von «un­ge­nü­gend» bis «sehr gut», in wel­che die knapp 40 000 An­ge­stell­ten der Ver­wal­tung von ih­ren Vor­ge­setz­ten ein­ge­teilt wer­den.

SVP und FDP ver­lan­gen nun, dass die­se Ein­tei­lung künf­tig ei­ner Nor­mal­ver­tei­lung fol­gen muss. So­mit müss­te die grosse Mehr­heit et­wa gleich­mäs­sig in den Stu­fen 2 («ge­nü­gend») und 3 («gut») klas­siert wer­den. Da­von ist der Bund heu­te weit ent­fernt: 2017 er­hiel­ten 96 Pro­zent die No­ten «gut» oder «sehr gut». In den Vor­jah­ren war das nicht an­ders.

«Ab­strus, de­mo­ti­vie­rend»

Die­se schie­fe Ver­tei­lung ist bür­ger­li­chen Par­la­men­ta­ri­ern schon lan­ge ein Dorn im Au­ge. Denn beim Bund ha­ben die Mit­ar­bei­ter­ge­sprä­che hand­fes­te fi­nan­zi­el­le Fol­gen: An­ge­stell­te mit ei­nem «gut» oder «sehr gut» ha­ben An­spruch auf ei­ne in­di­vi­du­el­le Lohn­er­hö­hung, so­lan­ge sie das Ma­xi­mum ih­rer Lohn­klas­se noch nicht er­reicht ha­ben. Die­se jähr­li­chen Zu­schlä­ge lie­gen zwi­schen 1,5 und 4 Pro­zent. Sie kom­men je­weils zu den ge­ne­rel­len Lohn­er­hö­hun­gen hin­zu. 2019 zum Bei­spiel will der Bun­des­rat die Löh­ne um 0,6 Pro­zent an­he­ben, um ei­nen Teil der Teue­rung aus­zu­glei­chen.

In Zu­kunft sol­len we­ni­ger An­ge­stell­te in den Ge­nuss au­to­ma­ti­scher Lohn­er­hö­hun­gen kom­men, wenn es nach den Fi­nanz­po­li­ti­kern aus SVP und FDP geht. Da sie die Mit­ar­bei­ter­be­ur­tei­lun­gen nicht di­rekt steu­ern kön­nen, muss­ten sie ei­nen in­di­rek­ten Weg su­chen. Ge­fun­den ha­ben sie ihn im Klein­ge­druck­ten des Bud­gets, wo für je­des Amt «Leis­tungs­zie­le» de­fi­niert sind. Die Fi­nanz­kom­mis­si­on hat nun dem Per­so­nal­amt kur­zer­hand ein Vie­le Bun­des­an­ge­stell­te ar­bei­ten of­fen­bar «sehr gut». So wirkt sich die Mit­ar­bei­ter­be­ur­tei­lung auf den Lohn aus

Mit­ar­bei­ter­be­ur­tei­lung der ge­sam­ten Bun­des­ver­wal­tung, 2017 An­tei­le in Pro­zent (ge­run­det)

Die Lohn­er­hö­hun­gen wer­den au­to­ma­tisch ge­währt, bis der Ma­xi­mal­lohn der je­wei­li­gen Lohn­klas­se er­reicht ist. neu­es Ziel ver­passt: «Die ge­führ­ten Beur­tei­lun­gen stel­len mit­tels ge­eig­ne­ter Kri­te­ri­en ei­ne Nor­mal­ver­tei­lung über al­le vier Stu­fen si­cher.» So­mit müss­te das Per­so­nal­amt die an­de­ren Äm­ter da­zu be­we­gen, gleich­mäs­si­ge­re No­ten zu ver­ge­ben. Der Ent­scheid der Kom­mis­si­on fiel nur mit 13 ge­gen 12 Stim­men. Da die CVP nicht mit­hilft, ist un­si­cher, ob der Plan im De­zem­ber im Par­la­ment ei­ne Chan­ce hat.

Bei Per­so­nal­ver­tre­tern stösst der Vor­schlag auf hef­ti­ge Ab­wehr. Er sei «völ­lig ab­strus und de­mo­ti­vie­rend», sagt Bar­ba­ra Gy­si (SP), die Prä­si­den­tin des Bun­des­per­so­nal­ver­bands. Vor­ge­setz­te sei­en da­mit ge­zwun­gen, für je­den An­ge­stell­ten, dem sie ei­ne gu­te No­te ge­ben wol­len, ei­nen an­de­ren schlech­ter ein­zu­stu­fen. Ei­ne solch sche­ma­ti­sche Vor­ga­be füh­re zu Un­ge­rech­tig­kei­ten. «Die rechts­bür­ger­li­che Mehr­heit will ein­mal mehr auf dem Bu­ckel des Per­so­nals spa­ren.» Auf die Fra­ge, ob die heu­ti­ge Ver­tei­lung nicht tat­säch­lich et­was ei­gen­ar­tig sei, sagt Gy­si: «Das kann man dis­ku­tie­ren – aber bit­te sach­lich und nicht auf der Ba­sis ei­nes Hau­ruck­an­trags.» Und so­wie­so, fin­det Gy­si, sol­le das Par­la­ment zur Kennt­nis neh­men, dass sehr vie­le Bun­des­an­ge­stell­te sehr gut ar­bei­ten.

Zu den trei­ben­den Kräf­ten hin­ter dem Ein­griff zählt FDPNa­tio­nal­rat Hans-Ul­rich Big­ler. Sei­ne Dia­gno­se: «Im heu­ti­gen Sys­tem geht es den Chef­be­am­ten of­fen­bar kaum dar­um, ei­ne nüch­ter­ne Leis­tungs­be­ur­tei­lung vor­zu­neh­men, son­dern ih­ren Leu­ten eher ei­ne ver­steck­te Lohn­er­hö­hun­gen zu ge­wäh­ren.» So­lan­ge die Ein­tei­lung lohn­re­le­vant sei, gä­ben die Vor­ge­setz­ten im Zwei­fel lie­ber ei­ne hö­he­re No­te, so Big­ler. «Es wi­der­spricht dem ge­sun­den Men­schen­ver­stand, dass es in ei­ner Ver­wal­tung mit 37000 Voll­zeit­stel­len kei­ne gleich­mäs­si­ge Ver­tei­lung ge­ben soll.» Der Di­rek­tor des Ge­wer­be­ver­bands be­tont, in der Pri­vat­wirt­schaft sei­en solch star­re Lohn­sys­te­me im­mer sel­te­ner.

An­de­re sind aus­ge­gli­che­ner

Ver­glei­che mit an­de­ren Ar­beit­ge­bern könn­ten zei­gen, ob die No­ten­ver­ga­be beim Bund wirk­lich so exo­tisch ist. SBB, Co­op und UBS wei­gern sich aber, ih­re Zah­len zu ver­öf­fent­li­chen; ver­füg­bar sind da­für je­ne der Ber­ner Kan­tons­ver­wal­tung und der Post. Ei­ne Nor­mal­ver­tei­lung gibt es auch hier nicht, den­noch er­scheint das Bild aus­ge­gli­che­ner als beim Bund. In Bern er­rei­chen 62 Pro­zent die mitt­le­re von fünf Stu­fen und 34 Pro­zent die zweit­bes­te. Bei der Post, die sechs Stu­fen kennt, sind 48 Pro­zent in Stu­fe 3 (gut) und 36 Pro­zent in Stu­fe 4 (sehr gut). Ei­nen ganz an­de­ren Weg geht die Zürcher Kan­to­nal­bank. Sie sorg­te 2016 für Auf­se­hen, als sie die jähr­li­che Mit­ar­bei­ter­be­ur­tei­lung ab­schaff­te und ein fle­xi­ble­res Sys­tem eta­blier­te, das we­ni­ger Auf­wand und Är­ger ver­ur­sa­chen soll.

Wie er­klä­ren Sie Ih­re 29 000 Fran­ken Spe­sen pro Jahr? An­ders als ge­wis­se Kol­le­gen bin ich sel­ten auf Stadt­kos­ten mit dem Ta­xi ge­fah­ren. Bei mir sind der gröss­te Teil Rei­se­kos­ten. Ich bin für die Kul­tur und den Sport ver­ant­wort­lich und ak­tu­ell Stadt­prä­si­dent. Bei die­sen Auf­ga­ben sind Aus­sen­be­zie­hun­gen zen­tral. Kommt da­zu: Die UNO-Stadt Genf ist in­ter­na­tio­nal aus­ge­rich­tet. Ich bin al­so viel un­ter­wegs, in der Schweiz, Eu­ro­pa und manch­mal auch in Über­see…

… und flie­gen Bu­si­ness­klas­se. Auf Flü­gen bis sechs St­un­den Flug­zeit flie­gen wir Eco­no­my. Da­nach in der Bu­si­ness­klas­se. Wenn man ein- bis zwei­mal pro Jahr ei­nen Langstre­cken­flug hat, fällt das na­tür­lich bei den Spe­sen stark ins Ge­wicht. Auch die Es­sens­ein­la­dun­gen für Part­ner, Spon­so­ren, Mä­ze­ne und Ex­per­ten. Um kei­ne In­ter­es­sen­kon­flik­te zu ris­kie­ren, la­de ich die Leu­te lie­ber ein, als ein­ge­la­den zu wer­den.

Die Staats­an­walt­schaft hat die­se Wo­che we­gen Ver­dachts auf un­ge­treue Amts­füh­rung ein Straf­ver­fah­ren er­öff­net. Auch Ih­re Be­rufs­a­gen­da und Spe­sen­ab­rech­nun­gen wur­den kon­fis­ziert. Sind Sie be­un­ru­higt? Das Ver­fah­ren ist zwar un­an­ge­nehm, aber will­kom­men, um ob­jek­ti­ve Klar­heit über all­fäl­li­ge straf­recht­li­che Vor­komm­nis­se zu schaf­fen. Bei der Be­rufs­a­gen­da und Spe­sen­ab­rech­nun­gen wur­den seit Amts­an­tritt Ko­pi­en er­stellt, sie wur­den al­so nicht kon­fis­ziert. Die Jus­tiz führt ein Ver­fah­ren ge­gen un­be­kannt, nicht ge­gen ei­ne Per­son. Ich kann sämt­li­che Spe­sen er­klä­ren. Sie ste­hen al­le in Zu­sam­men­hang mit mei­ner po­li­ti­schen Funk­ti­on.

Das wird bei ei­ni­gen Ih­rer Kol­le­gen mit Cham­pa­gner, Cock­tails und Ta­xi­fahr­ten schwie­ri­ger. Als «tous pour­ri», al­so Ver­dor­be­ne, be­schimp­fen Bür­ger die Stadt­rä­te.

Ich ver­su­che mit In­ter­views die Din­ge zu er­klä­ren und zu zei­gen, dass kon­kre­te Mass­nah­men ge­trof­fen wur­den. Das Kon­troll­sys­tem ist sub­stan­zi­ell ver­bes­sert und die Trans­pa­renz er­höht wor­den. Sol­che Miss­brauchs­fäl­le kön­nen sich nicht wie­der­ho­len.

Was sagt Ih­re Par­tei, die SP, zur Af­fä­re?

Un­se­re Wäh­ler sind in sol­chen Din­gen we­nig to­le­rant. Zu Recht. Mei­ne Par­tei- und Stadt­rats­kol­le­gin San­d­ri­ne Sa­ler­no und ich ha­ben uns mit Ge­nos­sen ge­trof­fen und uns al­len Fra­gen ge­stellt. Der Rech­nungs­hof hat uns ge­gen­über kei­ne spe­zi­fi­sche Kri­tik ge­äus­sert, doch es ging dar­um, Trans­pa­renz zu schaf­fen. Wir müs­sen nun Din­ge än­dern und die Spe­sen­re­ge­lun­gen an­de­rer Städ­te an­schau­en.

Schwer wiegt der Vor­wurf des Rech­nungs­hofs, der Stadt­rat ha­be die Spe­sen­un­ter­su­chung zu be­hin­dern ver­sucht.

Das ist über­trie­ben. Es gab Span­nun­gen und Miss­ver­ständ­nis­se, aber nur in ei­ner ers­ten Pha­se. Die Prü­fer ha­ben uns Stadt­rä­te wie Be­am­te be­han­delt, woll­ten Krank­heits­ab­sen­zen und Fe­ri­en­ab­rech­nun­gen se­hen. Wir ha­ben aber kei­ne Ar­beits­zeit­kon­trol­le. Wir ha­ben ei­ne kom­ple­xe Funk­ti­on, sind viel un­ter­wegs und ha­ben kei­ne 40-St­un­den-Wo­che. Da­nach hat­ten sie vol­len Zu­gang zu al­len Da­ten, und wir ha­ben ak­tiv ko­ope­riert.

Fo­to: Keysto­ne

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