Af­fen­for­scher wi­der­spre­chen Re­gie­rungs­be­richt

Orang-Utans Die Zahl der Men­schen­af­fen steigt nicht, wie In­do­ne­si­en ver­kün­det, son­dern nimmt wei­ter ab.

Berner Zeitung (Emmental) - - Magazin - Joa­chim Lau­ken­mann

Hat uns letz­tes Jahr ein durch den Welt­raum tor­keln­des Son­nen­se­gel ei­ner aus­ser­ir­di­schen Zi­vi­li­sa­ti­on be­sucht? Oder war das Ob­jekt na­mens ’Ou­mua­mua so­gar ei­ne voll funk­ti­ons­fä­hi­ge und ab­sicht­lich von Ali­ens in Rich­tung Er­de ge­schick­te Welt­raum­son­de? Wer­den in ei­nem Fach­ma­ga­zin sol­che Fra­gen ge­stellt, dürf­ten vie­le an der Se­rio­si­tät der Stu­di­en­au­to­ren und des Pu­bli­ka­ti­ons­me­di­ums zwei­feln.

Nun aber steht ne­ben Shmu­el Bia­ly, ei­nem Nach­wuchs­for­scher der Har­vard Uni­ver­si­ty, auch der Na­me Abra­ham Lo­eb auf der ent­spre­chen­den Pu­bli­ka­ti­on. «Lo­eb ist ei­ner der am meis­ten re­spek­tier­ten theo­re­ti­schen Astro­phy­si­ker der Welt», sagt Ke­vin Heng, Di­rek­tor des Cen­ter for Space and Ha­bi­ta­bi­li­ty der Uni­ver­si­tät Bern. «Er ist Lei­ter der As­tro­no­mie­ab­tei­lung der Har­vard Uni­ver­si­ty und Di­rek­tor des In­sti­tuts für Theo­rie und Com­pu­ta­ti­on.» Die Stu­die er­scheint nächs­te Wo­che auch nicht ir­gend­wo, son­dern im re­nom­mier­ten Fach­blatt «The Astro­phy­si­cal Jour­nal Let­ters».

Ein in­ter­stel­la­res Ob­jekt

Das Re­nom­mee von Lo­eb be­deu­te zwar nicht au­to­ma­tisch, dass das, was die bei­den For­scher in ih­rer Ver­öf­fent­li­chung be­haup­te­ten, auch stim­me, sagt Heng. «Es be­deu­tet aber, dass wir das, was sie vor­schla­gen, zu­min­dest sorg­fäl­tig an­schau­en soll­ten.»

In ih­rer Pu­bli­ka­ti­on küm­mern sich Lo­eb und Bia­ly um die aus­ser­ge­wöhn­li­che Bahn­kur­ve von ’Ou­mua­mua (ha­wai­isch für «Bo­te aus der fer­nen Ver­gan­gen­heit»). Das Ob­jekt wur­de am 19. Ok­to­ber 2017 vom Te­le­skop Pan-Starrs-1 auf Ha­waii ent­deckt. Zu­nächst sah es aus wie ein ty­pi­scher klei­ner As­te­ro­id, der sich mit ho­her Ge­schwin­dig­keit be­weg­te. Je­doch ent­hüll­te die ge­naue­re Be­ob­ach­tung oh­ne je­den Zwei­fel, dass die­ser Him­mels­kör­per nicht wie al­le an­de­ren zu­vor be­ob­ach­te­ten aus un­se­rem Son­nen­sys­tem stammt, son­dern aus dem in­ter­stel­la­ren Raum, al­so von den Ster­nen. ’Ou­mua­mua hat­te aber noch wei­te­re Über­ra­schun­gen auf La­ger. So fand ein As­tro­no­men­team auf Ha­waii her­aus, dass sich die Hel­lig­keit des Ob­jekts dra­ma­tisch um den Fak­tor zehn än­dert, wäh­rend es sich al­le 7,3 St­un­den um die ei­ge­ne Ach­se dreht. Die­se star­ke Hel­lig­keits­än­de­rung wie­der­um be­deu­tet, dass ’Ou­mua­mua sehr lang­ge­streckt ist, al­so die Form ei­ner Zi­gar­re oder viel­leicht auch ei­nes Pfann­ku­chens be­sitzt. Sei­ne Län­ge wird auf min­des­tens 400 Me­ter ge­schätzt, und es rast mit ei­ner Ge­schwin­dig­keit von rund 300 000 Ki­lo­me­tern pro St­un­de durch das Son­nen­sys­tem. Kürz­lich be­rich­te­ten For­scher um den ita­lie­ni­schen As­tro­no­men Mar­co Mi­che­li im Fach­ma­ga­zin «Na­tu­re», dass ’Ou­mua­mua auf ei­ne Art be­schleu­nigt wur­de, die nicht durch die Gra­vi­ta­ti­ons­wir­kung der Son­ne er­klärt wer­den kann. Die Be­schleu­ni­gung er­folg­te so, als ob es sich um ei­nen Ko­me­ten hand­le, der Gas aus­stösst. Aber bei ’Ou­mua­mua wur­den kei­ne Hin­wei­se auf Gas­emis­sio­nen ent­deckt, wie sie für Ko­me­ten üb­lich sind, wenn sie sich der Son­ne nä­hern.

Wenn nicht die ko­me­ta­re Ak­ti­vi­tät, was dann könn­te ’Ou­mua­mua be­schleu­nigt ha­ben? Lo­eb und Bia­ly zei­gen, dass man die Be­schleu­ni­gung er­klä­ren könn­te, wenn es sich bei ’Ou­mua­mua um ein ex­trem dün­nes Ob­jekt han­delt, das vom Son­nen­wind an­ge­trie­ben wird. Nur et­wa 0,3 bis 0,9 Mil­li­me­ter dick dürf­te ’Ou­mua­mua dem­nach sein.

Um was für ein Ob­jekt könn­te es sich al­so han­deln? Bei die­ser Fra­ge be­ginnt der spe­ku­la­ti­ve­re Teil der Stu­die. Wie Heng von der Uni Bern sagt, lei­tet Lo­eb auch das Be­ra­tungs­gre­mi­um der «Bre­akth­rough Star­shot Initia­ti­ve», die das Ziel hat, ein Raum­schiff zum nächst­ge­le­ge­nen Stern zu schi­cken. Da­für müss­te das Raum­schiff mit ei­nem Son­nen­se­gel aus­ge­stat­tet und mit­hil­fe des Son­nen­winds an­ge­trie­ben wer­den. Folg­lich über­rascht es nicht, dass die Au­to­ren vor­schla­gen, ’Ou­mua­mua kön­ne ein gi­gan­ti­sches Son­nen­se­gel sein, das als Welt­raum­schrott ei­ner fer­nen Zi­vi­li­sa­ti­on durch un­ser Son­nen­sys­tem tor­kelt und vom Son­nen­wind an­ge­trie­ben wird. Al­ter­na­tiv schla­gen die Au­to­ren ein noch exo­ti­sche­res Sze­na­rio vor. Dem­nach könn­te es sich bei ’Ou­mua­mua um ei­ne «voll funk­ti­ons­fä­hi­ge Raum­son­de han­deln, die mit Ab­sicht von ei­ner frem­den Zi­vi­li­sa­ti­on in die Nä­he der Er­de ge­schickt wur­de», heisst es in der Pu­bli­ka­ti­on.

Viel­leicht doch ein Ko­met

Mar­tin Jut­zi von der Ab­tei­lung für Welt­raum­for­schung und Pla­ne­to­lo­gie der Uni­ver­si­tät Bern fin­det die Stu­die «durch­aus in­ter­es­sant». Al­ler­dings sei es schon sehr spe­ku­la­tiv, nur auf­grund der be­ob­ach­te­ten nicht gra­vi­ta­ti­ven Be­schleu­ni­gung von ’Ou­mua­mua auf ein Son­nen­se­gel oder gar ei­ne ge­lei­te­te Son­de zu schlies­sen. «Mei­ner Mei­nung nach gibt es, wie fast im­mer, ein­fa­che­re und bes­se­re Er­klä­run­gen. Die­se sind aber na­tür­lich we­ni­ger sen­sa­tio­nell.»

Ob ei­ne son­nen­se­gel­ar­ti­ge Raum­son­de die Be­ob­ach­tun­gen tat­säch­lich er­klä­ren kön­ne, wer­de letzt­lich nicht ge­klärt, sagt Jut­zi. «Ein mög­li­ches Pro­blem ist die Aus­rich­tung des ex­trem dün­nen Son­nen­se­gels.» Ein wei­te­res sei­en Kol­li­sio­nen mit in­ter­stel­la­ren Staub­teil­chen, die das Se­gel be­schä­di­gen wür­den. Die­ses Pro­blem wird in der Ver­öf­fent­li­chung zwar an­ge­spro­chen, der po­ten­zi­el­le me­cha­ni­sche Scha­den durch die Kol­li­sio­nen aber nicht wei­ter dis­ku­tiert.

Wie Mar­co Mi­che­li in der er­wähn­ten Stu­die in «Na­tu­re» schreibt, kann es durch­aus sein, dass po­ten­zi­el­le Aus­ga­sun­gen von ’Ou­mua­mua nicht nach­weis­bar wa­ren, weil sie un­ter­halb der De­tek­ti­ons­schwel­le la­gen. «Mei­ner Mei­nung nach kann die be­ob­ach­te­te nicht gra­vi­ta­ti­ve Be­schleu­ni­gung da­her am ein­fachs­ten durch Aus­ga­sen er­klärt wer­den», sagt Jut­zi. «Das heisst, es han­delt sich wahr­schein­lich doch um ein ko­me­ten­ähn­li­ches Ob­jekt.»

Aber auch die­ses Sze­na­rio sei um­strit­ten, so Jut­zi wei­ter. «Es muss noch im De­tail ge­zeigt wer­den, dass es funk­tio­niert.» Im­mer­hin wür­den theo­re­ti­sche Mo­del­le na­he­le­gen, dass in­ter­stel­la­re Ko­me­ten mit ei­ner ge­wis­sen Häu­fig­keit in un­se­rem Son­nen­sys­tem auf­tau­chen. «Es braucht al­so wahr­schein­lich gar kei­ne exo­ti­sche Er­klä­rung, wie sie im Pa­per von Bia­ly und Lo­eb prä­sen­tiert wird.»

Lei­der ist es schon zu spät, ’Ou­mua­mua noch ein­ge­hen­der zu un­ter­su­chen. Das Ob­jekt ist be­reits wie­der zu weit von der Er­de ent­fernt da­für, es mit Te­le­sko­pen zu stu­die­ren oder mit ei­ner Raum­son­de zu be­su­chen. Da­her blei­be nichts an­de­res üb­rig, schrei­ben die For­scher, als nach an­de­ren Ob­jek­ten die­ser Art Aus­schau zu hal­ten.

«Das ist ei­ne der wich­ti­gen Bot­schaf­ten die­ser Pu­bli­ka­ti­on», sagt Heng. «Wir le­ben in ei­ner Zeit, in der die Su­che nach künst­li­chen Ob­jek­ten aus an­de­ren Pla­ne­ten­sys­te­men plau­si­bel und nicht mehr län­ger Sci­en­ceFic­tion ist.» Bei die­ser Su­che mag zwar nichts her­aus­kom­men. Aber wich­tig sei, dass man sol­che Ide­en wie die von Bia­ly und Lo­eb nun auch tes­ten kön­ne. «Das ist Teil der wis­sen­schaft­li­chen Me­tho­de.» Die Be­stän­de al­ler drei Oran­gU­tan-Ar­ten ge­hen nach An­ga­ben von For­schern wei­ter­hin schnell zu­rück. Im Fach­blatt «Cur­rent Bio­lo­gy» wi­der­spre­chen Ex­per­ten aus meh­re­ren Län­dern ent­schie­den ei­nem Be­richt des in­do­ne­si­schen Um­welt­mi­nis­te­ri­ums, dem­zu­fol­ge die Be­stän­de der Orang-Utans in dem Land von 2015 bis 2017 um mehr als 10 Pro­zent ge­stie­gen sei­en. In neun Ge­bie­ten ha­be sich die Po­pu­la­ti­on von 2015 bis 2016 so­gar mehr als ver­dop­pelt – von 1153 auf 2451 Tie­re –, be­haup­tet der Be­richt der Re­gie­rung.

Dem wi­der­spre­chen Wis­sen­schaft­ler um Ma­ria Voigt vom Max-Planck-In­sti­tut für evo­lu­tio­nä­re An­thro­po­lo­gie in Leip­zig. So er­gab ei­ne 2018 ver­öf­fent­lich­te Un­ter­su­chung, dass die Be­stän­de auf Bor­neo, wo die weit­aus meis­ten Orang-Utans le­ben, von 1999 bis 2015 um mehr als 100000 Tie­re ge­fal­len sei­en. Dass sich Orang-Utan-Be­stän­de bin­nen ei­nes Jah­res ver­dop­peln, sei schon bio­lo­gisch un­mög­lich: Die Men­schen­af­fen be­kom­men laut Voigt im Mit­tel nur al­le sechs bis sie­ben Jah­re Nach­wuchs.

Vom Auss­ter­ben be­droht

Vom Bor­neo-Orang-Utan le­ben laut Voigt noch 70000 bis 100000 Tie­re, vom Su­ma­traOrang-Utan knapp 14000 und vom erst 2017 ent­deck­ten Ta­pa­nu­li-Orang-Utan, der eben­falls auf Su­ma­tra be­hei­ma­tet ist, noch et­wa 800. An­ge­sichts des Rück­gangs der Wäl­der ge­hen die For­scher da­von aus, dass die Be­stän­de auf Su­ma­tra bis 2020 um 11 bis 27 Pro­zent sin­ken wer­den.

«Al­le drei Ar­ten sind vom Auss­ter­ben be­droht und im stei­len Nie­der­gang be­grif­fen», wird CoAu­tor Erik Mei­jaard von der Welt­na­tur­schut­zu­ni­on (IUCN) in ei­ner Mit­tei­lung der Zeit­schrift zi­tiert. Dem­nach stütz­ten sich die von der Re­gie­rung aus­ge­wer­te­ten Ge­bie­te auf nicht ein­mal fünf Pro­zent der Orang-Utan-Le­bens­räu­me und aus­schliess­lich auf Schutz­ge­bie­te, ob­wohl die meis­ten Men­schen­af­fen aus­ser­halb ge­schütz­ter Zo­nen leb­ten. Die be­son­ders sel­te­ne Ta­pa­nu­liArt wer­de in dem Be­richt gar nicht be­rück­sich­tigt.

Die Hel­lig­keit von ’Ou­mua­mua än­dert sich dra­ma­tisch, wenn es sich um die ei­ge­ne Ach­se dreht.

Le­bens­raum schwin­det

«Es ist wis­sen­schaft­lich un­ge­recht­fer­tigt, Po­pu­la­ti­ons­trends aus die­sen Area­len auf das ge­sam­te Ge­biet al­ler drei Ar­ten zu über­tra­gen», be­to­nen die For­scher. Ih­re ei­ge­nen Da­ten sei­en we­sent­lich zu­ver­läs­si­ger, sagt Voigt: «Wir ha­ben das ge­sam­te Ver­brei­tungs­ge­biet un­ter­sucht, über ei­ne viel grös­se­re Zeit­span­ne.» Nebst ge­ziel­ten Tö­tun­gen sei das Schwin­den ih­res Le­bens­raums durch den Wald­ver­lust die Haupt­be­dro­hung für die Tie­re. So wer­de der­zeit im Ge­biet der Ta­pa­nu­li-Orang-Utans ein Stau­damm ge­baut.

Das For­scher­team be­zwei­felt auch die Be­haup­tung der Re­gie­rung, wei­te­re vom Auss­ter­ben be­droh­te Ar­ten hät­ten sich eben­falls ver­mehrt – et­wa das Su­ma­tra-Nas­horn. «Wir drän­gen die in­do­ne­si­sche Re­gie­rung, die Me­tho­den zur Ein­schät­zung ih­rer Schutz­be­mü­hun­gen zu über­prü­fen, da sie die ak­tu­el­le Rea­li­tät falsch be­schrei­ben.» (dpa)

Fo­to: M. Korn­mes­ser, Eu­ro­pean Sou­thern Ob­ser­va­to­ry (AFP)

Und wenn es doch nur ein As­te­ro­id wä­re, dann kei­ner aus un­se­rem Son­nen­sys­tem: ’Ou­mua­mua in ei­ner künst­le­ri­schen Vi­sua­li­sie­rung.

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