«Sich ver­ges­sen zu kön­nen, ist ei­ne Wohl­tat»

Berner Zeitung (Emmental) - - Forum -

Wie wird je­mand zum Schrift­stel­ler? «Wer das Selbst­ver­ständ­li­che ver­liert, ist be­son­ders stark auf Ori­en­tie­rung an­ge­wie­sen», antwortet Alex Ca­pus. Er sei durch die Schei­dung der El­tern und den Um­zug von Pa­ris nach Ol­ten als Kind dop­pelt ent­wur­zelt wor­den, da ha­be ihm das Schrei­ben da­bei ge­hol­fen, ein Ge­fühl zu be­kom­men für sei­ne Iden­ti­tät.

Herr Ca­pus, Sie ma­chen All­täg­li­ches wie das Alt­glas-Ent­sor­gen zum Er­eig­nis durch den be­son­de­ren Blick des Schrift­stel­lers. Ha­ben Sie sehr ge­lit­ten in jun­gen Jah­ren als Jour­na­list bei der Nach­rich­ten­agen­tur SDA?

ALEX CA­PUS: Nein, über­haupt nicht. Die SDA war ja so et­was wie das Mi­nis­te­ri­um für die Wahr­heit, war­um soll­te ich da ge­lit­ten ha­ben?

Weil man sich bei ei­ner Nach­rich­ten­agen­tur meist auf die Wie­der­ga­be von Fak­ten be­schrän­ken muss und kaum Ge­schich­ten er­zäh­len kann. Von Tho­mas Bern­hard ist be­kannt, dass er als Jour­na­list die Wahr­heit ger­ne et­was an­ge­rei­chert hat.

Ich hal­te es für die wich­tigs­te und ehr­bars­te Art von Jour­na­lis­mus, klar und ver­ständ­lich zu be­rich­ten, was wann wo pas­siert ist. Ich bin noch heu­te dank­bar, dass ich da mei­nen Bei­trag leis­ten konn­te, und wür­de das je­der­zeit wie­der ma­chen. Und ich se­he kei­nen so gros­sen Ge­gen­satz zu mei­ner heu­ti­gen Tä­tig­keit. Auch Fik­ti­on muss wahr­haf­tig sein, da­mit sie et­was taugt.

Sie sind als Au­tor his­to­ri­scher Ro­ma­ne ei­nem brei­ten Pu­bli­kum be­kannt ge­wor­den. Ste­hen der His­to­ri­ker und der Ro­man­cier nicht im­mer auf Kriegs­fuss mit­ein­an­der?

His­to­ri­sche Er­zäh­lun­gen sind tat­säch­lich et­was Heik­les. Der His­to­ri­ker ist zur Fak­ten­hu­be­rei ver­dammt. So­bald er er­klärt und er­zählt, rutscht er in die In­ter­pre­ta­ti­on, ins Sub­jek­ti­ve, ver­lässt das Feld der Wis­sen­schaft­lich­keit. Des­we­gen braucht der His­to­ri­ker ja den Er­zäh­ler, da­mit sein Stoff le­ben­dig wird. Das Le­ben selbst er­zählt kei­ne Ge­schich­ten, es mä­an­dert, wa­bert her­um, ufert aus. Es braucht das Au­ge des Be­trach­ters, der in die­ser Form­lo­sig­keit ei­ne Struk­tur sieht oder schafft. Oh­ne Er­zäh­ler kei­ne Ge­schich­te. Un­ab­hän­gig da­von, ob wir Bü­cher schrei­ben, er­zäh­len wir uns al­le die Ge­schich­te un­se­res Le­bens, le­gen uns ei­ne Ver­si­on zu­recht, um ein Ge­fühl zu be­kom­men für un­se­re Iden­ti­tät.

Und wer das Schrei­ben zum Be­ruf macht, braucht sel­ber be­son­ders viel Ori­en­tie­rung?

Bei mir trifft das zu. Ich war ein Im­mi­gran­ten­kind, kam als Fünf­jäh­ri­ger aus Pa­ris nach Ol­ten. Mei­ne Mut­ter zog nach der Tren­nung mit mir in die Schweiz, um wie­der als Leh­re­rin ar­bei­ten zu kön­nen. Ich be­griff zu Be­ginn Alex Ca­pus: «Ich las­se mich nicht kau­fen und ge­be die­se Bar nicht her.»

nicht, was da pas­sier­te, war­um wir die ge­lieb­te Gross­mut­ter zu­rück­ge­las­sen hat­ten – mein Gr­und­ver­trau­en war er­schüt­tert und ich muss­te erst ein­mal die Spra­che der an­de­ren Kin­der ler­nen. Ver­mut­lich ist es kein Zu­fall, dass vie­le Schrift­stel­ler ei­ne Mi­gra­ti­ons­ge­schich­te ha­ben. Wer das Selbst­ver­ständ­li­che ver­liert, ist be­son­ders stark auf Ori­en­tie­rung, auf Ge­schich­ten an­ge­wie­sen. Des­halb ha­be ich mit Schrei­ben an­ge­fan­gen, so­bald ich al­le Buch­sta­ben kann­te, und nie wie­der da­mit auf­ge­hört. Als Ent­wur­zel­ter muss­te ich mei­nen Platz fin­den und be­haup­ten. Wer Af­fol­ter oder Nün­list heisst, muss sich in Ol­ten nicht be­haup­ten, dem ge­hört die Stadt seit 500 Jah­ren. Wenn ei­ner aber Chec­chi­ni heisst oder Ca­pus, dann muss er sich an­stren­gen. Durch die Schei­dung und den Um­zug war ich dop­pelt ver­un­si­chert und al­so dop­pelt an­ge­sta­chelt, es gut zu ma­chen, an­er­kannt zu wer­den.

Sie ha­ben mit Ih­rer Frau fünf Söh­ne, be­trei­ben in Ol­ten die Ga­li­cia Bar und Ihr vor­letz­tes Buch heisst schlicht: «Das Le­ben ist gut.» Das klingt in­zwi­schen fast schon nach hei­ler Welt. Die­ser Ti­tel ist im­mer wie­der falsch ver­stan­den wor­den. Ich be­haup­te ja nicht, das Le­ben sei nur schön. Wir müs­sen al­le ster­ben, vie­le wer­den krank, lei­den ent­setz­lich. Aber wenn wir da­mit Frie­den schlies­sen, ist das Le­ben gut. Wich­tig ist mir, dass wir uns dar­auf be­sin­nen, wie zer­brech­lich das Kost­bars­te ist und dass wir Wich­ti­gem Sor­ge tra­gen soll­ten. Un­se­re Zeit wird von nach­fol­gen­den Ge­ne­ra­tio­nen sehr streng be­ur­teilt wer­den als ei­ne ober­fläch­li­che Epo­che, die nur den ei­ge­nen He­do­nis­mus be­dient und mehr Bäu­me ge­fällt als ge­pflanzt hat. Wer fünf­zig wird, tauscht sei­ne Frau ge­gen zwei 25-Jäh­ri­ge ein in der Hoff­nung auf et­was Spass. Das ist nicht mei­ne Welt. Mei­ne Welt ist die­ses Ei­chen­par­kett hier, das wir un­ter dem Li­n­ole­um ge­fun­den ha­ben. Ei­nen sol­chen Bo­den mit die­ser Pa­ti­na kannst du nicht kau­fen, nur be­wah­ren. Wenn ich die­ser Bar hier nicht Sor­ge tra­ge, sieht bald al­les so aus wie das Ge­bäu­de auf der an­de­ren Stras­sen­sei­te, kalt, cha­rak­ter­los, oh­ne Er­in­ne­rung. Man hat mir schon öf­ter Geld ge­bo­ten, aber ich las­se mich nicht kau­fen und ge­be die­se Bar nicht her – ge­nau so we­nig wie mei­nen Töff dort, der noch sie­ben Jah­re äl­ter ist als ich.

Viel­leicht wä­ren Sie ein bes­se­rer Schrift­stel­ler, wenn Sie nicht auch noch die Ga­li­cia Bar füh­ren wür­den.

Ich ha­be das Glück, mein Le­ben so ein­rich­ten zu kön­nen, wie es mir passt. Ich muss nichts ma­chen, was ich nicht will – und ich mag es, wie un­ter­schied­lich mei­ne drei Haupt­tä­tig­kei­ten sind. Beim Schrei­ben bin ich ganz für mich und will nicht ab­ge­lenkt wer­den. Da gibt es nichts aus­ser mei­nen Ge­dan­ken, mei­nem Emp­fin­den, mei­ner Ar­beit am Text. In der sie­ben­köp­fi­gen Fa­mi­lie hin­ge­gen ist im­mer et­was los. Da bin ich nicht so furcht­bar wich­tig. Sich ver­ges­sen zu kön­nen, ist ei­ne Wohl­tat, de­mü­tig Alt­glas zu ent­sor­gen, ver­schafft See­len­frie­den. In der Zeit, als ich mich be­son­ders wich­tig fand, litt ich am meis­ten. In der Bar schliess­lich ist An­pa­cken ge­fragt, da bin ich auch Putz­mann und Hand­wer­ker, und manch­mal er­zäh­len mir Leu­te am spä­ten Abend ih­re Le­bens­ge­schich­te. Nur Schrei­ben wä­re mir zu we­nig, zu sehr Er­satz­le­ben. Und ich könn­te auch oh­ne Schrei­ben glück­lich sein.

Schrei­ben Sie im­mer zur glei­chen Zeit oder je nach In­spi­ra­ti­on?

Wenn ich ein Buch be­gon­nen ha­be, ar­bei­te ich sehr dis­zi­pli­niert. Am Mor­gen, wenn al­le fünf Söh­ne und mei­ne Frau aus dem Haus sind, set­ze ich mich hin und schrei­be. Das dau­ert in der Re­gel bis zum ge­mein­sa­men Mit­tag­es­sen. Am Nach­mit­tag bin ich meis­tens nicht mehr sehr pro­duk­tiv. Manch­mal kom­me ich auch am Vor­mit­tag nicht vom Fleck – dann ma­che ich ei­nen Spa­zier­gang oder ge­he Spa­ghet­ti ein­kau­fen. In­zwi­schen kann ich das, oh­ne wü­tend auf mich zu sein. Ich weiss nun, dass das Un­pro­duk­tiv-Sein zum krea­ti­ven Pro­zess ge­hört wie die Re­ge­ne­ra­ti­on zum Spit­zen­sport.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.