Bun­des­rat gibt dem Ver­trag ei­ne letz­te Chan­ce

Der Bun­des­rat schickt den um­strit­te­nen Ver­trag in ei­ne Kon­sul­ta­ti­on.

Berner Zeitung (Emmental) - - Erste Seite - (red) Sei­te 14+15

Der Bun­des­rat hat ges­tern die Spe­ku­la­tio­nen be­en­det und die Tex­te zum ge­plan­ten Rah­men­ab­kom­men mit der EU ver­öf­fent­licht. Gros­se Über­ra­schun­gen gab es kei­ne mehr, sehr wohl aber in­ter­es­san­te De­tails. Das gilt zum Bei­spiel für die spe­zi­ell um­strit­te­nen Aspek­te des Schwei­zer Lohn­schut­zes: Bei den flan­kie­ren­den Mass­nah­men soll die Vor­an­mel­de­frist für Fir­men aus der EU nicht ein­fach auf vier Ta­ge, son­dern auf vier Werk­ta­ge ver­kürzt wer­den. Da­mit ist der Un­ter­schied zu den acht Ka­len­der­ta­gen, die heu­te gel­ten, we­ni­ger gross als an­ge­nom­men. Den­noch leh­nen die Ge­werk­schaf­ten das Ab­kom­men wei­ter­hin ab, eben­so die SVP.

Der Bun­des­rat hat ges­tern dar­auf ver­zich­tet, sei­ne ei­ge­ne Hal­tung zum Ab­kom­men fest­zu­le­gen. Er hat die­ses nur «zur Kennt­nis ge­nom­men». Gleich­zei­tig gibt er dem Ver­trag ei­ne letz­te Chan­ce, in­dem er im In­land ei­ne Kon­sul­ta­ti­on durch­führt. Die­se soll zei­gen, ob wi­der Er­war­ten doch noch ei­ne Ei­ni­gung mög­lich ist. Gleich­zei­tig ge­winnt die Schweiz da­mit ein paar Mo­na­te Zeit und kann mög­li­cher­wei­se ers­te Re­tour­kut­schen der EU ver­hin­dern. Im Vor­der­grund steht die Schwei­zer Bör­se, de­ren An­er­ken­nung durch die EU En­de Jahr aus­läuft.

Die of­fi­zi­el­le Re­ak­ti­on aus Brüs­sel fiel zer­knirscht aus: Die EU-Kom­mis­si­on re­spek­tiert zwar den Ent­scheid, er­war­tet aber ei­nen zü­gi­gen Ab­schluss der An­hö­rung. Die in­for­mel­len Rück­mel­dun­gen sind we­ni­ger freund­lich. Un­ter an­de­rem ist zu hören, die Schweiz ha­be of­fen­bar ei­ne Re­gie­rung, die nicht re­gie­ren wol­le.

Die Span­nung war grösser als vor den Bun­des­rats­wah­len die­ser Wo­che. Nach Mo­na­ten der Spe­ku­la­tio­nen soll­te end­lich der Show­down fol­gen: An ih­rer gest­ri­gen Sit­zung woll­te die Lan­des­re­gie­rung über das hart um­kämpf­te Rah­men­ab­kom­men mit der EU ent­schei­den. Al­ler­dings konn­te sie sich trotz mehr­ma­li­ger Dis­kus­si­on nicht da­zu durch­rin­gen, ei­ne Hal­tung fest­zu­le­gen. Der Bun­des­rat liess ges­tern of­fen, ob er den Ver­trag, den sei­ne Un­ter­händ­ler in den letz­ten vier­ein­halb Jah­ren aus­ge­han­delt hat­ten, gut fin­det oder nicht. Schmal­lip­pig liess er am spä­ten Nach­mit­tag ver­kün­den, er ha­be den Text zum in­sti­tu­tio­nel­len Ab­kom­men, das in­zwi­schen das net­te Kür­zel «InstA» er­hal­ten hat, «zur Kennt­nis ge­nom­men».

Gleich­zei­tig hat der Bun­des­rat be­schlos­sen, das Ab­kom­men im In­land in ei­ne Kon­sul­ta­ti­on zu schi­cken. Par­tei­en, Ar­beit­ge­ber, Ge­werk­schaf­ten und Kan­to­ne sol­len bis zum Früh­ling ih­re Hal­tung kund­tun. So will der Bun­des­rat sei­nen Spiel­raum aus­lo­ten und da­nach «al­len­falls» noch ein­mal mit der EU das «Ge­spräch su­chen». Gleich­zei­tig hielt er fest, die EU sei nicht be­reit, die Ver­hand­lun­gen fort­zu­füh­ren. Mehr Klar­heit schaff­te der Bun­des­rat, in­dem er das Ab­kom­men ver­öf­fent­licht hat.

Was die Lan­des­re­gie­rung ges­tern auf­führ­te, war ein kom­mu­ni­ka­ti­ver

Was in Brüs­sel nach ei­nem «Ja, aber» klin­gen muss­te, soll­te da­heim eher als «Nein, aber» an­kom­men.

Hoch­seil­akt der Son­der­klas­se. Ei­ner­seits muss­te sie der EU si­gna­li­sie­ren, dass sie mit der Kon­sul­ta­ti­on nicht ein­fach auf Zeit spielt. An­de­rer­seits woll­te sie sich in­nen­po­li­tisch nicht fest­le­gen, zu­mal die ab­leh­nen­de Front, die von der SVP bis zu den Ge­werk­schaf­ten reicht, zu­letzt noch brei­ter ge­wor­den ist. Was in Brüs­sel nach ei­nem «Ja, aber» klin­gen muss­te, soll­te da­heim eher als «Nein, aber» an­kom­men.

Zwei gros­se Dif­fe­ren­zen

Ent­spre­chend ver­klau­su­liert fiel die Stel­lung­nah­me aus. Der Bun­des­rat schick­te ei­ne Drei­er­de­le­ga­ti­on vor, was sel­ten vor­kommt: Aus­sen­mi­nis­ter Igna­zio Cas­sis (FDP) wur­de be­glei­tet vom am­tie­ren­den und vom künf­ti­gen Bun­des­prä­si­den­ten, von Alain Ber­set (SP) und Ue­li Mau­rer (SVP), was par­tei­po­li­tisch ei­ne per­fek­te Ver­tre­tung er­gab. An ih­rer Sei­te sass der Ver­hand­lungs­füh­rer, Staats­se­kre­tär Ro­ber­to Bal­za­ret­ti. Ih­re Bot­schaft: In meh­re­ren, wich­ti­gen Fra­gen ha­be man Fort­schrit­te er­zielt und ei­ne Ei­ni­gung er­reicht. Das gilt aus Sicht des Bun­des­rats ins­be­son­de­re für die in­sti­tu­tio­nel­len Fra­gen von der Rechts­über­nah­me bis zur Streit­bei­le­gung. Das ist in­so­fern be­mer­kens­wert, als die­se Aspek­te lan­ge im Zen­trum der Dis­kus­si­on stan­den und für den ve­he­men­ten Wi­der­stand der SVP ver­ant­wort­lich sind.

Dass sich der Bun­des­rat trotz­dem nicht hin­ter den Ver­trag stellt, be­grün­de­te Cas­sis mit meh­re­ren «of­fe­nen Dif­fe­ren­zen», in de­nen der Ent­wurf von den «ro­ten Li­ni­en» im Ver­hand­lungs­man­dat ab­weicht. Da­bei geht es vor al­lem um zwei The­men: um die Uni­ons­bür­ger­richt­li­nie, wel­che die EU mit dem Ab­kom­men der Schweiz mög­li­cher­wei­se auf­zwin­gen könn­te. Der Text lässt da­zu aber vie­le Fra­gen of­fen.

An­ders beim zwei­ten Streit­the­ma: Bei den flan­kie­ren­den Mass­nah­men, mit de­nen die Schweiz die hie­si­gen Löh­ne und Ar­beits­be­din­gun­gen schützt, schafft der Text Klar­heit. Hier soll vor al­lem die Vor­an­mel­de­frist für Fir­men aus der EU ver­kürzt und die Kon­trol­len ein­ge­schränkt wer­den. Laut dem Bun­des­rat han­delt es sich da­bei um ei­nen «Vor­schlag» der EU, weil die Schwei­zer Un­ter­händ­ler auf­grund des Man­dats dar­über nicht ver­han­deln durf­ten. Die EU stellt das an­ders dar. Sie sah sich ges­tern ver­an­lasst, «klar­zu­stel­len», dass

Un­ter­wegs zur Me­di­en­kon­fe­renz über das Rah­men­ab­kom­men: Ue­li Mau­rer, Ro­ber­to Bal­za­ret­ti (Staats­se­kre­tär), Alain Ber­set und Igna­zio

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