Die Haupt­schlag­ader ent­las­ten

Mit­hil­fe ei­nes spe­zi­el­len Ver­fah­rens wur­den im Orts­kern neue Was­ser­roh­re ver­legt. Lan­ge war gar nicht klar, ob das ri­si­ko­rei­che Un­ter­fan­gen ge­lin­gen wür­de.

Berner Zeitung (Emmental) - - Region - Me­lis­sa Burk­hard und Gi­an­nis Mavris Oli­ver Schmidt

Ins­ge­samt 39 Guss­roh­re mit ei­nem hal­ben Me­ter In­nen­durch­mes­ser sind es, die am Mitt­woch­nach­mit­tag mit­hil­fe ei­nes Krans und Man­nes­kraft eins nach dem an­de­ren in­ein­an­der ver­keilt und in den Bo­den ge­las­sen wer­den. An der Bau­stel­le an der Melchnau­stras­se sin­ken sie in den schlam­mi­gen Un­ter­grund und wer­den in bis zu 9 Me­tern Tie­fe un­ter dem Spi­tal­platz zur an­de­ren Bau­stel­le an der St.-Ur­banS­tras­se ge­zo­gen. Die mun­te­re Stim­mung un­ter den Ar­bei­tern täuscht aber nicht dar­über hin­weg, an welch heik­lem Punkt sich die Ar­bei­ten be­fin­den. Wie Bau­lei­ter Mar­kus Graf knapp zu­sam­men­fasst: «Wenn jetzt et­was schief­geht, wä­re das ei­ne Ka­ta­stro­phe.»

Es ist nichts schief­ge­gan­gen. Die bei­den En­den der Roh­re konn­ten im 115 Me­ter lan­gen Tun­nel ex­akt plat­ziert wer­den, über Nacht lief die Druck­prü­fung, die eben­falls stö­rungs­frei ab­ge­schlos­sen wur­de. «Wir ha­ben das per­fekt hin­ge­bracht», sagt Oli­ver Schmidt sicht­lich stolz. Laut dem Ge­schäfts­füh­rer des Ge­mein­de­ver­ban­des Was­ser­ver­sor­gung un­te­re Lan­ge­te (WUL) wer­de nun ein Pro­blem ge­löst, das schon län­ger be­steht.

Ge­fahr ei­nes Lei­tungs­bruchs

Die Lei­tun­gen un­ter­halb des Spi­tal­plat­zes ge­hö­ren zur Trans­port­ach­se zwi­schen den gros­sen Grund­was­ser­pump­wer­ken im Hard und dem Re­ser­voir Moos­rain. Das Was­ser fliesst be­reits gröss­ten­teils durch Roh­re mit ei­nem hal­ben Me­ter In­nen­durch­mes­ser. Im Stadt­zen­trum be­fin­den sich je­doch auf ei­ner Län­ge von rund 600 Me­tern noch klei­ne­re Roh­re. «Die­se Lü­cke schlies­sen wir etap­pen­wei­se», so Schmidt.

Der WUL be­hebt mit dem neu­en Rohr al­so ei­ne hy­drau­li­sche Schwach­stel­le. «Un­ter­halb des Af­fen­platz­krei­sels be­fin­det sich un­ge­fähr die Haupt­schlag­ader der re­gio­na­len Was­ser­ver­sor­gung», fasst Schmidt die Si­tua­ti­on zu­sam­men. Das Schie­ber­kreuz, das die un­ter­schied­li­chen Roh­re ver­bin­de, sei zu­dem star­ken Be­las­tun­gen aus­ge­setzt, die in Zu­kunft noch grösser wür­den. «Die Ge­fahr ei­nes Lei­tungs­bruchs ist gross», so Schmidt. Die Trans­port­ach­se muss­te des­halb drin­gend ent­las­tet wer­den. Denn: Ein Bruch un­ter ei­nem zen­tra­len Ver­kehrs­kno­ten­punkt wä­re das schlimmst­mög­li­che Sze­na­rio. Die Boh­rung war um­so schwie­ri­ger, als es sich um kei­ne kon­ven­tio­nel­le Bau­stel­le han­delt. Denn nicht nur an der Ober­flä­che gibt es viel Ver­kehr, auch un­ter­halb des Spi­tal­plat­zes ist ei­ni­ges los. Auf den Plä­nen des Un­ter­grunds zeigt sich ein Wirr­warr aus un­ter­schied­li­chen Ka­nä­len und Lei­tun­gen. Durch die­sen Rohr­d­schun­gel muss­te sich das für die Ober­bau­lei­tung zu­stän­di­ge In­ge­nieur­bü­ro pla­nen, be­vor mit Die Bau­ar­bei­ter set­zen Stück für Stück zu­sam­men.

den ers­ten Boh­run­gen be­gon­nen wer­den konn­te.

In ei­nem dop­pel­ten Bo­gen

Dies sei nur ei­ne von vie­len Her­aus­for­de­run­gen ge­we­sen, sagt Bau­lei­ter Mar­kus Graf von der Schei­deg­ger AG. Auch die Geo­lo­gie des Un­ter­grun­des ha­be Pro­ble­me be­rei­tet. Ab 4 Me­tern stösst man auf Fels, aus­ser­dem sei man in dem Be­reich rasch im Grund­was­ser. Auch die Art der Gra­bung sei sehr spe­zi­ell, so Graf. Es muss­te näm­lich in ei­nem dop­pel­ten Bo­gen von un­ten nach oben und von links nach rechts ge­bohrt wer­den. Das er­schwer­te die Steue­rung der Bohr­ge­rä­te.

Von sechs ge­tes­te­ten Ver­fah­ren kam le­dig­lich ei­nes für die Un­ter­que­rung des Spi­tal­plat­zes in­fra­ge: die Spühl­boh­rung. Ei­ne Tech­nik, bei der Flüs­sig­keit in den Bohr­kopf ge­pumpt und so mit­hil­fe von Druck das Fels­ge­stein weg­ge­raf­felt wird. «Das gan­ze Pro­ze­de­re ist sehr hei­kel», sagt Graf.

Et­was mehr als ei­ne Mil­li­on Fran­ken wur­de für die Un­ter­que­rung des Spi­tal­plat­zes ein­ge­plant. Mit der Be­an­tra­gung ei­nes Nach­kre­dits rech­net Schmidt

nicht, je­doch wer­de der be­wil­lig­te Kre­dit wahr­schein­lich et­was über­schrit­ten – vor­aus­sicht­lich we­ni­ger als zehn Pro­zent.

Er­schwer­te Kom­mu­ni­ka­ti­on

Um die Bau­stel­le gab es im­mer wie­der Dis­kus­sio­nen: So hat­ten sich be­trof­fe­ne Ge­werb­ler be­schwert, im Vor­feld nicht in­for­miert wor­den zu sein. Der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­weg sei et­was er­schwert ge­we­sen, da man ei­gent­lich ge­plant ha­be, zu­sam­men mit der Stadt zu bau­en, be­stä­tigt Oli­ver Schmidt. Im April be­schloss je­doch die Stadt, die Sa­nie­rung der St.-Ur­ban-Stras­se zu ver­schie­ben. «Wir stan­den dann plötz­lich al­lein da», so Schmidt, was sich auch auf die Kom­mu­ni­ka­ti­on aus­wirk­te. Den­noch ha­be man al­le Be­trof­fe­nen recht­zei­tig schrift­lich in­for­miert und auf ei­ner Ver­an­stal­tung über die ge­naue Pla­nung in Kennt­nis ge­setzt. Auch die Stadt­ver­ei­ni­gung wur­de im­mer über den ak­tu­el­len Stand ori­en­tiert. «Es gab ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kon­zept, wel­ches un­se­rer An­sicht nach funk­tio­niert hat», sagt Schmidt.

Das Rohr wird nun an das Netz an­ge­schlos­sen und die Bau­gru­ben zu­ge­schüt­tet. Die Melchnau­stras­se wird ab dem 20. De­zem­ber wie­der be­fahr­bar sein, bei der St.-Ur­ban-Stras­se muss es schnel­ler ge­hen. Nächs­te Wo­che be­ginnt die «Stär­ne Wieh­nacht» in der In­nen­stadt. «Der Zeit­plan ist et­was sport­lich», so Schmidt, «aber nichts, was uns aus der Ru­he brin­gen wür­de.»

«Wir stan­den dann plötz­lich al­lein da.»

Fo­tos: Beat Ma­thys

Mit Man­nes­kraft und der Un­ter­stüt­zung ei­nes Krans wer­den die Guss­roh­re in den schlam­mi­gen Bo­den ge­las­sen. Ge­schäfts­füh­rer WUL

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