Ei­ne An­la­ge für den Ernst­fall, der nie ein­traf

Der Be­such im In­fan­te­rie­bun­ker Lö­wen­berg bei Mur­ten ist ei­ne fas­zi­nie­ren­de Rei­se in ver­gan­ge­ne Zei­ten.

Berner Zeitung (Emmental) - - Region - Mar­kus Zah­no

Der Wald­weg beim Schloss Lö­wen­berg ist be­deckt mit nas­sen Blät­tern. Er führt zu ei­nem Be­ton­bau, der in­mit­ten von Tan­nen und Sträu­chern aus dem Hü­gel ragt. Die Git­ter­tür, die man durch ei­nen schma­len Be­ton­durch­gang er­reicht, ist ab­ge­schlos­sen. Re­né St­ei­ner nimmt ei­nen Schlüs­sel­bund aus dem Ho­sen­sack, öff­net zu­erst die Git­ter­tür und da­hin­ter ei­ne mas­si­ve Stahl­tür. Im In­nern ist es stock­dun­kel. «Hier, neh­men Sie die», sagt St­ei­ner und reicht ei­ne Ta­schen­lam­pe.

Der Licht­ke­gel der Ta­schen­lam­pe zün­det zu­rück ins Jahr 1940, als die Angst vor den deut­schen Trup­pen all­ge­gen­wär­tig war. An den geo­gra­fisch engs­ten Stel­len wur­den ei­lends Ver­tei­di­gungs­li­ni­en mit Pan­zer­sper­ren und Bun­kern ge­baut. Der In­fan­te­rie­bun­ker im Lö­wen­berg-Hü­gel bei Mur­ten war ein zen­tra­les Ele­ment. 2002 hat ihn die Ar­mee of­fi­zi­ell aus­ser Be­trieb ge­nom­men und spä­ter dem Ver­ein His­to­ri­sche Mi­li­tär­an­la­gen Frei­burg/Bern über­ge­ben. Re­né St­ei­ner ist Vor­stands­mit­glied des Ver­eins und führt re­gel­mäs­sig Grup­pen durch die Räu­me.

We­nig Platz für 13 Mann

Mit ei­ner Gr­und­flä­che von viel­leicht 4 mal 8 Me­tern ist der Bun­ker er­staun­lich klein – und noch fast gleich ein­ge­rich­tet wie vor 75 Jah­ren. «Das hier ist ei­ne Pak 50», sagt St­ei­ner und zün­det mit sei­ner Ta­schen­lam­pe auf die Pan­zer­ab­wehr­ka­no­ne 50. Ein paar Me­ter da­ne­ben steht das Ma­schi­nen­ge­wehr 51, mit dem 1000 Schuss pro Mi­nu­te ab­ge­feu­ert wer­den könn­ten. Mit ge­üb­ten Hand­grif­fen de­mons­triert Re­né St­ei­ner, wie die Sol­da­ten im Kriegs­fall ge­zielt, ge­schos­sen und den heis­sen Ge­wehr­lauf ge­kühlt hät­ten. «Zum Glück trat der Ernst­fall nie ein.»

Zu­hin­terst, durch ei­ne Öff­nung im Bo­den, führt ei­ne Lei­ter in den un­te­ren Stock. Die­ser Raum, um­ge­ben von 2,6 Me­ter di­cken Be­ton­mau­ern, ist nichts für Leu­te mit Platz­angst. Hier ste­hen dop­pel­stö­cki­ge Feld­bet­ten, auch das Tro­cken-WC, der Kur­bel­ven­ti­la­tor und die meis­ten an­de­ren Ge­rät­schaf­ten sind noch im Ori­gi­nal er­hal­ten. Im Kriegs­fall hät­ten bis zu 13 Mann in die­sem klei­nen Bun­ker Stel­lung be­zo­gen und, falls sie ge­nü­gend Was­ser- und Es­sens­vor­rä­te da­bei ge­habt hät­ten, bis zu drei Wo­chen über­lebt.

Nach dem Kal­ten Krieg

Re­né St­ei­ner klet­tert wie­der zu­rück in den obe­ren Stock, ver­räumt das her­vor­ge­hol­te Ma­te­ri­al, schliesst die Stahl- und die Git­ter­tür wie­der ab. «Kom­men Sie», sagt der 59-Jäh­ri­ge. Er mar­schiert durch den Wald, er­reicht ei­ne Be­ton­trep­pe, steigt hin­un­ter, öff­net ei­ne di­cke Be­ton­tür und drückt den Licht­schal­ter. Mo­der­ne De­cken­lam­pen ge­hen an und er­hel­len den so­ge­nann­ten Cen­tu­ri­on-Bun­ker, der an ei­ne mo­der­ne Zi­vil­schutz­an­la­ge er­in­nert. Den Na­men hat der Bun­ker vom bri­ti­schen Cen­tu­ri­on-Pan­zer, des­sen Ka­no­ne hier ein­ge­baut ist.

Kon­zi­piert wur­de die­se An­la­ge als Schutz vor den Trup­pen des War­schau­er Pak­tes. Ge­baut wur­de sie aber in ei­ner Zeit, als der Kal­te Krieg be­reits vor­bei war: 1993/94 näm­lich. Ist das nicht wi­der­sin­nig? Jürg Kel­ler, der Prä­si­dent des Ver­eins His­to­ri­sche Mi­li­tär­an­la­gen Frei­burg/ Bern, schüt­telt den Kopf. «Ei­ne sol­che An­la­ge zu pla­nen und zu rea­li­sie­ren, dau­ert 15 Jah­re. Und wenn die Kre­di­te ein­mal ge­spro­chen sind, muss man bau­en. Sonst dro­hen ho­he Kon­ven­tio­nal­stra­fen.»

«Wis­sen Sie», sagt Kel­ler nach der Füh­rung, «ein Bun­ker ist eben­so ein Kul­tur­gut wie zum Bei­spiel ein Schloss, das frü­her eben­falls ein­mal mi­li­tä­ri­schen Zwe­cken dien­te.» Das sei die Mo­ti­va­ti­on, die­se An­la­gen zu un­ter­hal­ten und der Öf­fent­lich­keit zu­gäng­lich zu ma­chen.

270 Mit­glie­der

Füh­run­gen durch die Bun­ker sind nach ei­ner Vor­an­mel­dung (www.fort-fri­be.ch) mög­lich. Der Ver­ein zählt rund 270 Mit­glie­der, die jüngs­ten sind knapp 60-jäh­rig. «Je äl­ter man wird, des­to mehr über­legt man, war­um et­was so ist, wie es ist», sagt Al­tB­ri­ga­dier Jürg Kel­ler. Er ist des­halb zu­ver­sicht­lich, dass der Ver­ein auch in Zu­kunft Mit­glie­der fin­det – und die Ge­schich­te im Lö­wen­berg-Hü­gel wei­ter­lebt.

«Ein Bun­ker ist eben­so ein Kul­tur­gut wie ein Schloss, das frü­her eben­falls mi­li­tä­ri­schen Zwe­cken dien­te.»

Jürg Kel­ler Prä­si­dent des Ver­eins His­to­ri­sche Mi­li­tär­an­la­gen FR/BE

Fo­to: Ra­pha­el Mo­ser

Für Ar­meen­ost­al­gi­ker: Ei­ne Pan­zer­ab­wehr­ka­no­ne Pak 50 im ehe­ma­li­gen In­fan­te­rie­bun­ker im Lö­wen­berg-Hü­gel bei Mur­ten.

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