«Vie­les war nur mög­lich, weil ich nicht ver­plant war»

Berner Zeitung (Emmental) - - Stellen Markt - In­ter­view: Ma­thi­as Mor­gen­tha­ler ma­thi­as.mor­gen­tha­[email protected]­me­dia.ch

Vom Stu­di­um an der HSG in den Zir­kus­wa­gen und von dort di­rekt in die Di­rek­ti­on des Ca­si­no­thea­ters Winterthur: Nik Leu­en­ber­ger hat im­mer dann den nächs­ten Kar­rie­re­schritt ge­macht, wenn er kei­ne Plä­ne hat­te. Seit zwei Jah­ren ist der 43-jäh­ri­ge Thu­ner nun in Bern tä­tig, wo er als Lei­ter Kul­tur neu­es Pu­bli­kum fürs Ca­si­no begeistern soll.

Herr Leu­en­ber­ger, wie ge­lingt ei­ne gu­te Kar­rie­re?

NIK LEU­EN­BER­GER: Ich ken­ne kein Ge­heim­re­zept. Ver­mut­lich ha­be ich bis jetzt ein­fach viel Glück ge­habt. Ich fiel nie zwi­schen Stuhl und Bank, son­dern er­hielt im­mer wie­der ei­ne Chan­ce, mich in ei­nem neu­en Um­feld zu be­wäh­ren.

Das klingt jetzt sehr be­schei­den für ei­nen, der vom Wohn­wa­gen in die Di­rek­ti­on des Ca­si­no­thea­ters Winterthur auf­stieg, wie die NZZ schrieb, und jetzt die Kul­tur­spar­te des Ca­si­no Bern neu ge­stal­ten darf.

Ein wich­ti­ger Punkt ist: Ich wech­sel­te je­weils nicht naht­los von der ei­nen zur nächs­ten Auf­ga­be, son­dern ich gab et­was auf, oh­ne schon et­was Neu­es zu ha­ben. Vie­les in mei­ner Lauf­bahn hat sich schein­bar zu­fäl­lig er­ge­ben, aber bei ge­naue­rem Hin­se­hen war das nur mög­lich, weil ich nicht ver­plant war. So schal­te­te ich zwi­schen Ma­tu­ra und Stu­di­en­be­ginn ein Zwi­schen­jahr ein und kam in die­ser Zeit mit Lau­rent Car­rel, dem gros­sen Spe­zia­lis­ten für Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on, in Kon­takt. Er för­der­te mich sehr, ob­wohl ich da­mals in ers­ter Li­nie ein Su­chen­der war. So durf­te ich die Bun­des­ver­wal­tung sehr nah ken­nen­ler­nen und pro­gram­mier­te in den spä­ten Neun­zi­ger­jah­ren Web­sites für die Bun­des­kanz­lei. Par­al­lel da­zu spiel­te ich in ei­ner Band Ham­mond­or­gel und be­trieb mit ei­nem Kol­le­gen ei­ne klei­ne Agen­tur für De­sign und In­ter­net­auf­trit­te.

So nah­men Sie das Stu­di­um mit dem Ge­fühl in An­griff, Ih­nen stün­den al­le Tü­ren of­fen.

Es war ei­ne gu­te Er­fah­rung, in jun­gen Jah­ren selbst­stän­dig zu sein. Die­sen Schwung nahm ich mit an die Hoch­schu­le St. Gal­len, wo ich ein Stu­di­um in Staats­wis­sen­schaf­ten be­gann und dann auf Be­triebs­wirt­schaft so­wie Kom­mu­ni­ka­ti­onsu. Me­di­en­wis­sen­schaf­ten um­schwenk­te. Der Ein­stieg war hef­tig, denn ich hat­te kei­nen aka­de­mi­schen Hin­ter­grund; um­so über­wäl­ti­gen­der war es für mich, zum ers­ten Mal auf dem HSG-Hü­gel die­se gi­gan­ti­sche Welt des Wis­sens zu er­le­ben. Was ich vom El­tern­haus hin­ge­gen gut kann­te, war die Klein­kunst­sze­ne, und so zog ich in St. Gal­len mit Kol­le­gen bald ei­ne ei­ge­ne Ver­an­stal­tungs­rei­he auf, ein bun­tes Cross­over-Pro­gramm. Nach er­folg­rei­chem Ab­schluss des Stu­di­ums war mir klar, dass ich et­was im Be­reich Me­di­en oder Kul­tur ma­chen woll­te. Nik Leu­en­ber­ger: «Gi­a­cob­bos Zir­kus­wa­gen war prak­tisch leer – bis auf die Kaf­fee­ma­schi­ne.»

Kein sehr prä­zi­ses Pro­fil für die Stel­len­su­che.

Als ich im Som­mer beim Mon­treux Jazz­fes­ti­val jobb­te, schick­te mir mei­ne Mut­ter ein Stel­len­in­se­rat aus der AL­PHA-Bei­la­ge mit der Post-it-No­tiz: «Wer nichts wagt, kann nichts ge­win­nen!» So be­warb ich mich frisch ab Stu­di­um aus ei­nem In­ter­net­ca­fé in Mon­treux beim Schwei­zer Na­tio­nal-Cir­cus Knie für die Stel­le des Me­di­en­ver­ant­wort­li­chen – und muss­te selbst ein we­nig stau­nen über mei­ne Cou­ra­ge. Mein Vor­gän­ger, Chris Kren­ger, war 40 Jah­re lang der Spre­cher des Na­tio­nal-Cir­cus ge­we­sen, grös­se­re Fuss­stap­fen gab es kaum. Über­ra­schen­der­wei­se be­kam ich den Job.

Und wie ge­fiel es dem HSG-Ab­sol­ven­ten im Zir­kus­wa­gen?

Ich war stolz, Teil die­ser In­sti­tu­ti­on zu sein, aber der An­fang war wirk­lich hart. Schon nur, weil ich auf Tour­nee 40-mal den Wohn­wa­gen sel­ber zü­geln muss­te, aber na­tür­lich auch we­gen des enor­men öf­fent­li­chen In­ter­es­ses. Als wir zum Bei­spiel ins Fa­den­kreuz der mi­li­tan­ten Tier­schüt­zer ge­rie­ten, gab es kei­ne Ver­schnauf­pau­se.

Sie muss­ten sich nicht nur ver­tei­di­gen, son­dern knüpf­ten auch wert­vol­le Kon­tak­te.

Ja, 2006 kam Vik­tor Gi­a­cob­bo mit dem Cir­cus Knie auf Tour­nee. Sein Wohn­wa­gen war prak­tisch leer bis auf die wun­der­ba­re Kaf­fee­ma­schi­ne, die spä­ter in der TV-Sen­dung «Gi­a­cob­bo/Müller» Be­rühmt­heit er­lang­te. Wir freun­de­ten uns an und der Kon­takt blieb auch in den fol­gen­den Jah­ren be­ste­hen. Nach acht Jah­ren bei Knie wur­de mir An­fang 2012 be­wusst: Wenn ich hier nicht Teil des In­ven­tars wer­den will, wä­re es jetzt der Mo­ment, et­was Neu­es in An­griff zu neh­men. Ich weiss noch, wie schwer ich mich da­mit tat, zu Fran­co Knie sen. in den Di­rek­ti­ons­wa­gen zu ge­hen und ihm mei­nen Ent­scheid mit­zu­tei­len – es kam mir ein we­nig vor wie ein Ver­rat.

Lan­ge su­chen muss­ten Sie dann nicht. Nach ei­ni­gen Wo­chen rief Vik­tor Gi­a­cob­bo an und bot mir die Stel­le des künst­le­ri­schen Lei­ters am Ca­si­no­thea­ter in Winterthur an, was für al­le Sei­ten ein Wag­nis war. Aber Vik­tor funk­tio­niert so, er ist als Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent be­kannt für mu­ti­ge Ent­schei­dun­gen und ir­gend­wie hat er es ge­schafft, den gan­zen Ver­wal­tungs­rat da­von zu über­zeu­gen, dass der Zir­kus-Pres­se­spre­cher ein gu­ter In­ten­dant wer­den kann – so­gar ich sel­ber ha­be es ihm am En­de ge­glaubt. So lern­te ich mit viel Sup­port des Teams das Hand­werk der Pro­gramm­Ge­stal­tung, wo man sich im Span­nungs­feld zwi­schen Kunst und Kom­merz zu­recht­fin­den und die Zah­len eben­so ernst neh­men muss wie das Bauch­ge­fühl.

War­um zo­gen Sie nach vier Jah­ren er­neut wei­ter?

Mei­ne Frau ist Gen­fe­rin und ar­bei­te­te in Bern, ich war in Winterthur. Un­ter die­sen Um­stän­den wä­re nicht an ei­ne Fa­mi­lie zu den­ken ge­we­sen. Wir woll­ten mehr Zeit zu­sam­men ver­brin­gen, und so trat ich im Ju­li 2016 wie­der ei­nen schwie­ri­gen Gang an und teil­te Vik­tor mit, dass ich nach Bern zu­rück­keh­ren möch­te und das Haus ver­las­sen wer­de. Wie­der war es ein Schritt ins Un­ge­wis­se. Dann kam ich via Ro­man Tschäp­peler, den ich von der Klein­kunst­sze­ne her kann­te, mit Ivo Adam in Kon­takt und er­fuhr vom Um­bau­pro­jekt rund ums Ca­si­no Bern, mit wel­chem er als Ge­schäfts­füh­rer be­traut war. Mir ge­fiel die Vor­ga­be der Bur­ger­ge­mein­de, wel­che Be­sit­ze­rin des Ge­bäu­des ist, dass das tra­di­ti­ons­rei­che Haus für ein brei­te­res Pu­bli­kum ge­öff­net wer­den soll.

Ge­ben Ih­nen die Er­fol­ge in Winterthur ei­ne ge­wis­se Si­cher­heit?

Ich kann nicht ein­fach Din­ge von dort ko­pie­ren. In Bern ist es ei­ne ganz an­de­re, kniff­li­ge Auf­ga­be. Klar ist, dass das Ca­si­no hier künf­tig mehr Über­ra­schun­gen bie­ten und Künst­ler aus ver­schie­de­nen Spar­ten zu­sam­men­brin­gen soll – et­wa in­dem wir nach ei­nem Sym­pho­nie­kon­zert noch ei­ne «La­te Night»-Ver­an­stal­tung für ein er­wei­ter­tes Pu­bli­kum an­bie­ten. Wir ha­ben si­cher we­ni­ger Nar­ren­frei­heit, der An­spruch ist hö­her. Aber das Ca­si­no soll neue For­ma­te lan­cie­ren und ab Herbst 2019 wie­der zu dem Ge­sell­schafts­haus wer­den, als das es vor über 100 Jah­ren kon­zi­piert wor­den ist.

In­for­ma­ti­on und Kon­takt: www.ca­si­no­bern.ch oder nik.leu­en­ber­[email protected]­si­no­bern.ch

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