«Das pas­siert uns Schwei­zern zu oft»

Bei der letz­ten Pra­ger WM war Pe­ter Düg­ge­li (48) noch Na­tio­nal­trai­ner, heu­te ar­bei­tet er als SRF-Kor­re­spon­dent in Wa­shing­ton – und wünscht sich ame­ri­ka­ni­sches Selbst­ver­trau­en im Schwei­zer Team.

Berner Zeitung (Emmental) - - Sport - Re­to Kirch­ho­fer, Prag

Über die Po­li­tik von Do­nald Trump be­rich­ten oder die Schweiz an der Unihockey-WM be­treu­en: Pe­ter Düg­ge­li, was macht mehr Spass?

Über Trump zu be­rich­ten, das ist viel, viel, viel in­ten­si­ver. Aber du kriegst wohl nir­gends sol­che Emo­tio­nen, wie sie dir der Sport ge­ben kann. Die­sen Mo­ment, als wir 2008 in Prag Bron­ze ge­holt ha­ben: So et­was kannst du mit Po­li­tik und Trump nicht ver­glei­chen. Auch wenn es bei Trump manch­mal eben­falls emo­tio­nal zu- und her­geht. (lacht)

Wie wür­den Sie den Ame­ri­ka­nern Unihockey be­schrei­ben? Die Ame­ri­ka­ner schaf­fen schon, sich das vor­zu­stel­len. Sie ken­nen «field ho­ckey» oder «in­door ho­ckey». Dann er­klärst du ih­nen, dass die Stö­cke an­ders sind und der Ball Lö­cher hat. Mei­ne Frau spielt üb­ri­gens ein­mal in der Wo­che Unihockey mit aus­ge­wan­der­ten Frau­en und Män­nern aus Skan­di­na­vi­en und Tsche­chi­en.

Sie ha­ben die letz­te WM in Prag er­wähnt. Wel­che Er­in­ne­run­gen ver­bin­den Sie mit dem Tur­nier? Wir hat­ten den Halb­fi­nal ge­gen Schwe­den 2:3 nach Ver­län­ge­rung ver­lo­ren. Bei der Team­sit­zung am Abend ap­pel­lier­ten ei­ni­ge Spie­ler ein­dring­lich, wie­der auf­zu­ste­hen, um am nächs­ten Tag Bron­ze zu ho­len – um je­den Preis. Das hat mich sehr be­ein­druckt. Es folg­te die wohl emo­tio­nals­te Par­tie, die ich als Trai­ner er­lebt ha­be.

Die Schweiz sieg­te vor 14 000 Zu­schau­ern ge­gen Tsche­chi­en 5:4 nach Ver­län­ge­rung.

14 000 Tsche­chen in der Hal­le! Da dach­test du im ers­ten Mo­ment: Die­ser He­xen­kes­sel wird uns emo­tio­nal fer­tig­ma­chen. Aber wir ha­ben die Ku­lis­se als High­light be­trach­tet. Sie hat uns stär­ker ge­macht. Das Sie­ges­tor durch Si­mon Stucki schaue ich mir ab und an auf Youtube an. Awe­so­me!

Sie ge­hör­ten an drei Ti­tel­kämp­fen zum Trai­ner­stab. Je­des Mal war der Halb­fi­nal End­sta­ti­on. Das Schei­tern zieht sich durch die Ge­schich­te.

In men­ta­ler Hin­sicht war die Haupt­auf­ga­be vor dem Halb­fi­nal im­mer, all das Na­gen­de, all die müh­sa­men Er­in­ne­run­gen zu zer­stö­ren. Und auch da­für zu sor­gen, dass ge­wis­se Ängs­te wäh­rend des Spiels nicht wie­der auf­kom­men, soll­ten wir in Rück­stand ge­ra­ten. Wir ha­ben das gut hin­ge­kriegt – es hat trotz­dem nie ge­reicht. (lacht)

Ein­mal mehr ist Re­kord­welt­meis­ter Schwe­den im Halb­fi­nal der Geg­ner. Die ak­tu­el­le Schwei­zer Aus­wahl be­steht aus vie­len jun­gen, for­schen Spie­lern. Ist das ein Vor­teil?

Auf je­den Fall. Wir brau­chen un­er­schro­cke­ne, un­be­las­te­te Spie­ler, wie wir sie jetzt of­fen­bar ha­ben. Un­be­dingt. Sich viel vor­neh­men, aber im ent­schei­den­den Mo­ment men­tal zer­bre­chen: Das pas­siert uns Schwei­zern zu oft, auch im Sport. In den USA herrscht ei­ne an­de­re Kul­tur. Die kon­se­quen­te, kom­pro­miss­lo­se Ori­en­tie­rung an die Spit­ze, mit aus­ge­fah­re­nen Ell­bo­gen, die­se Hal­tung wird ge­sell­schaft­lich ak­zep­tiert und nicht ab­ge­lehnt wie in der Schweiz. Wer sich in die­ser in­di­vi­dua­li­sier­ten Ge­sell­schaft und dem ka­pi­ta­lis­ti­schen Sys­tem durch­set­zen will, der muss nicht nur sehr gut sein, son­dern uner­schüt­ter­lich an sich glau­ben. Die­ses ame­ri­ka­ni­sche Selbst­ver­trau­en wün­sche ich den Schwei­zern im Halb­fi­nal – und am Sonn­tag im Fi­nal!

Sie ver­lies­sen das Unihockey 2010, tra­ten als Trai­ner in Chur zu­rück, um beim Fern­se­hen den Job als Wirt­schafts­re­dak­tor an­zu­neh­men. Ha­ben Sie den Ab­gang nie be­reut?

Ich muss­te Chur qua­si Hals über Kopf ver­las­sen, hät­te die Sai­son sehr ger­ne zu En­de ge­coacht. Das Team war gross­ar­tig. Aber mit 40 Jah­ren noch zum Fern­se­hen ge­hen zu kön­nen – die­se Mög­lich­keit er­hal­ten die we­nigs­ten. Die Chan­ce muss­te ich pa­cken.

Und jetzt sind Sie seit drei Jah­ren SRF-Kor­re­spon­dent in Wa­shing­ton.

Ach, mein Le­bens­mot­to ist: Ich ken­ne das Ziel nicht, aber un­ter­wegs ge­be ich Gas. Es ist oft ei­ne Fra­ge des Glücks, des Zu­falls. Nun bin ich in Wa­shing­ton. Ich lie­be mei­nen Job und be­glei­te sehr ger­ne noch­mals ei­nen Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf.

Was ist wahr­schein­li­cher: ein «Im­peach­ment», al­so ei­ne Amts­ent­he­bung von Prä­si­dent Trump, oder WM-Gold im Unihockey für die Schweiz? Al­so mit «Im­peach­ment» mei­nen Sie, dass er wirk­lich ab­ge­setzt wird, nicht dass er vor­her zu­rück­tritt, und nicht dass ihn nur ei­ne Kam­mer «im­peacht», son­dern bei­de Kam­mern, al­so dass er wirk­lich weg ist? In die­sem Fall . . .

«Die­sen Mo­ment, als wir in Prag Bron­ze ge­holt ha­ben: So et­was kannst du mit Po­li­tik und Trump nicht ver­glei­chen.»

. . . Sie schei­nen der Schweiz kein Gold zu­zu­trau­en . . . ...(lacht) Doch, WM-Gold! Es ist höchs­te Zeit.

Trump lie­fert vie­le Ge­schich­ten. Sie als Kor­re­spon­dent wür­den ei­ne Amts­ent­he­bung mit Si­cher­heit be­reu­en.

Die USA sind auch sehr in­ter­es­sant oh­ne Prä­si­dent Trump, sei­ne Tweets, sei­ne Po­li­tik. Ein tol­les Land, un­glaub­lich di­vers, wi­der­sprüch­lich und zerrissen dar­ob, wie der Weg in die Zu­kunft aus­se­hen soll. Das macht mei­ne Ar­beit so span­nend.

Fo­to: Aleksan­dar Djo­ro­vic (Ima­go)

2008: Na­tio­nal­coach Pe­ter Düg­ge­li ju­belt nach WM-Bron­ze in Prag.

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