Fri­scher Wind im Pfarr­haus

Mit Ro­land Die­thelm über­nimmt ein ge­bür­ti­ger Zürcher das Pfarr­amt. Es ist aber nicht sei­ne Her­kunft, wel­che die Kirch­ge­mein­de be­wegt.

Berner Zeitung (Emmental) - - Erste Seite - Ju­li­an Per­re­noud

Wan­gen Ro­land Die­thelm ist be­wusst, dass der Kirch­ge­mein­de­rat mit sei­ner An­stel­lung Mut be­weist.

Der lan­ge Raum mit den nied­ri­gen De­cken­bal­ken und den tie­fen Fens­tern hat et­was Sa­kra­les. Am En­de an der Schiess­schar­te steht ei­ne Ma­don­na mit Kind­fi­gur, da­ne­ben bren­nen Ker­zen. Hier drin­nen hiel­ten einst die Be­ne­dik­ti­ner­mön­che ih­re And­acht ab – so zu­min­dest stellt sich das Ro­land Die­thelm vor. Die Ma­don­na hat er als An­den­ken aus Me­xi­ko mit­ge­bracht. Sie über­stand zwei Erd­be­ben. Und sie passt ganz gut in die­sen al­ten Raum des Pfarr­hau­ses in Wan­gen an der Aa­re, am Eck­turm der his­to­ri­schen Stadt­mau­er. Die­thelm ist mit sei­ner Fa­mi­lie frisch in die mehr­stö­cki­ge Woh­nung ein­ge­zo­gen. Auf dem Bü­ro­bo­den im ers­ten Stock ste­hen noch Zü­gel­kis­ten vol­ler Bü­cher und Ord­ner, die meis­ten Wer­ke sind aber be­reits im Re­gal ein­ge­ord­net. Mit sei­nem Amts­an­tritt im Städt­li steigt der 49-Jäh­ri­ge nach ei­ner Pau­se wie­der ins Ge­mein­de­pfarr­amt ein.

«Ein ver­wöhn­ter Jun­ge»

Pfar­rer, das woll­te Ro­land Die­thelm ei­gent­lich gar nicht wer­den. Auf­ge­wach­sen im Zürcher Wein­land, in­ter­es­sier­te er sich erst für al­te Spra­chen, Ge­schich­te und Geo­gra­fie. Das Wis­sen, wo­her sie kom­men und war­um Men­schen so sind, wie sie sind. «Ich war ein vom Schick­sal ver­wöhn­ter Jun­ge, der sich nicht um sei­ne Exis­tenz sor­gen muss­te», blickt Die­thelm auf sei­ne be­hü­te­te Ju­gend zu­rück. Im Gym­na­si­um be­fass­te er sich im­mer stär­ker mit Mu­sik und Theo­lo­gie. Mit 17 Jah­ren woll­te er Kan­tor (Vor­sän­ger oder Chor­lei­ter im Got­tes­dienst) oder Mu­si­ker wer­den. Mit an­de­ren Klas­sen­ka­me­ra­den grün­de­te er ein Orches­ter und ei­nen Chor, um re­gel­mäs­sig Bach-Kan­ta­ten im Got­tes­dienst auf­zu­füh­ren. Selbst sei­ne Vio­lon­cel­lo­leh­re­rin muss­te da als Di­ri­gen­tin mit­ma­chen. «Es war ein enor­mer Auf­wand.» Am liebs­ten hät­te sich Die­thelm da­mals in die Zeit von Bach zu­rück­ver­set­zen las­sen, in den ba­ro­cken All­tag. Doch der­lei Träu­me­rei­en fan­den im pro­tes­tan­ti­schen Zü­rich nur we­nig An­klang.

«Ich bin nicht mit fau­len Ei­ern be­wor­fen wor­den.» Ro­land Die­thelm, Pfar­rer

Bruch mit der Volks­kir­che

Spä­ter stu­dier­te Die­thelm evan­ge­li­sche Theo­lo­gie und zwei Se­mes­ter lang Volks­wirt­schaft, ei­ne zwei­te Lei­den­schaft von ihm, die er aber aus Zeit­man­gel auf­ge­ben muss­te. Er stu­dier­te der Mu­sik we­gen in Wi­en und leb­te dar­auf wäh­rend vier Jah­ren in Ber­lin. Zu­rück in Zü­rich be­gann Die­thelm als As­sis­tent an der Uni­ver­si­tät in der Kir­chen­ge­schich­te zu for­schen. «Aber ei­gent­lich in­ter­es­sier­te mich an der Re­li­gi­on viel mehr de­ren Sys­te­ma­tik», sagt er.

Trotz­dem ging er den Qu­el­len des re­for­mier­ten Got­tes­diens­tes auf die Spur, ent­zif­fer­te la­tei­ni­sche Hand­schrif­ten von Zwing­lis Nach­fol­ger Hein­rich Bul­lin­ger und tran­skri­bier­te so et­wa 1000 Pre­dig­ten und Ge­be­te. All die­se Do­ku­men­te fül­len ein di­ckes Buch, das es noch zu pu­bli­zie­ren gilt. An­de­re Tex­te hat er aber schon ver­öf­fent­licht, et­wa sei­ne 175 Bei­trä­ge in der Ko­lum­ne «Hei­li­ger Bimbam» von «Blick am Abend».

In Zü­rich über­nahm Die­thelm auch die Ver­ant­wor­tung für Re­form­pro­jek­te. Denn die Volks­kir­che woll­te sich er­neu­ern. Die idea­le Auf­ga­be für ihn. «Ich ha­be zwar Freu­de an al­ten For­men.» Den­noch fin­de er die Aus­sa­ge «Das macht man halt von je­her ein­fach so» schreck­lich. «Ich will wis­sen, wes­halb man ge­wis­se Din­ge in ei­ner ge­wis­sen Wei­se macht.»

Mit ei­ner Stu­die be­leg­te das Pro­jekt­team, dass die re­for­mier­te Kir­che Zü­richs mi­lieu­ver­engt auf­ge­stellt war. Nur ein An­ge­bot und ein Ge­fäss, um al­le Leu­te zu er­rei­chen. «34 Kirch­ge­mein­den bo­ten 34-mal das Glei­che an. Wir soll­ten uns aber viel mehr di­ver­si­fi­zie­ren», sagt Die­thelm. Schliess­lich hät­ten sie die Re­form je­doch ab­ge­würgt, er und sein Team sei­en ent­las­sen wor­den, so der Pfar­rer. «Das war ei­ne Rie­sen­ent­täu­schung.»

Sohn lebt in Genf

Al­so nahm sich Die­thelm ei­ne Aus­zeit. Mit sei­nem Le­bens­part­ner, der als stell­ver­tre­ten­der Chef der Schwei­zer Bot­schaft in Me­xi­ko ar­bei­te­te, reis­te er nach Latein­ame­ri­ka, wo sie wäh­rend vier Jah­ren leb­ten. Die bei­den zo­gen dort auch zwei ih­rer drei Söh­ne und ei­ne Toch­ter auf. Der äl­tes­te Sohn lebt vor al­lem bei sei­ner Mut­ter in Genf. Die Dis­tanz von Wan­gen zur West­schweiz war mit ein Grund, wes­halb er sich auf die of­fe­ne 70-Pro­zent-Stel­le am Ju­rasüd­fuss be­warb. «Es stimm­te vie­les für mich, auch, dass hier ein­mal ei­ne Be­ne­dik­ti­ner­props­tei exis­tier­te.» In der neu­en Kirch­ge­mein­de konn­te er be­reits vor dem Amts­an­tritt den Weih­nachts­got­tes­dienst lei­ten. Sei­ne Kol­le­gin, Pfar­re­rin Pa­me­la Wyss, hat­te ihn da­zu er­mun­tert.

Sei­ne Fa­mi­lie sei gut auf­ge­nom­men wor­den, er­zählt Die­thelm, im Be­wusst­sein, dass die Kirch­ge­mein­de Wan­gen mit sei­ner Ver­pflich­tung auch Mut be­weist. Denn kon­ser­va­tiv ein­ge­stell­te Leu­te könn­ten mit ei­nem ho­mo­se­xu­el­len Pfar­rer ja durch­aus ein Pro­blem ha­ben. Er lacht und sagt: «Ich bin nicht mit fau­len Ei­ern be­wor­fen wor­den.»

Ei­ni­ge sind aus­ge­tre­ten

In Wan­gen war der Pfar­rer aus Zü­rich der Wunsch­kan­di­dat. «Wir dach­ten erst, er sei fast über­qua­li­fi­ziert», sagt Kirch­ge­mein­de­rats­prä­si­dent Horst Sie­gen­tha­ler. Die fa­mi­liä­ren Ver­hält­nis­se spiel­ten da­bei ei­ne zweit­ran­gi­ge Rol­le. «Schliess­lich wol­len und dür­fen wir des­we­gen nie­man­den dis­kri­mi­nie­ren.» En­de letz­ten Jah­res kam es in der Kirch­ge­mein­de zu ei­ni­gen Aus­trit­ten, wo­bei sich le­dig­lich zwei auf die Neu­an­stel­lung be­rie­fen.

In Wan­gen hat Die­thelm in den nächs­ten Jah­ren vie­les vor, aber vor al­lem möch­te er das geist­li­che Er­be pfle­gen. Denn dass hier ein­mal Be­ne­dik­ti­ner wirk­ten, wüss­ten vie­le heu­te gar nicht mehr. Solch ge­schicht­li­ches Wis­sen will er an sei­nem neu­en Wir­kungs­ort un­be­dingt ver­mit­teln.

«Wir wol­len und dür­fen nie­man­den dis­kri­mi­nie­ren.» Horst Sie­gen­tha­ler, Kirch­ge­mein­de­rats­prä­si­dent

Fo­to: Beat Ma­thys

Ro­land Die­thelm muss erst noch über­le­gen, ob er an Got­tes­diens­ten den Ta­lar, ein Ge­lehr­ten­ge­wand aus dem 19. Jahr­hun­dert, tra­gen will.

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