«Das Ho­ckey­ge­fühl be­wah­ren»

Der NHL-STAR gibt Ein­blick in sei­nen All­tag, lobt die Yb-spie­ler und hofft auf ei­ne Fort­set­zung der Nhl-sai­son.

Berner Zeitung (Emmental) - - Erste Seite - Adri­an Ruch

Über zwei Mo­na­te ist Ro­man Jo­si nicht mehr auf dem Eis ge­stan­den. Der Cap­tain der Nash­ville Pre­da­tors hält sich zu Hau­se fit und hofft auf die Fort­set­zung der NHL.

Star­sta­tus schützt vor Co­ro­na nicht. Das Vi­rus hat auch das Le­ben des bes­ten Eis­ho­ckey­spie­lers der Schweiz ver­än­dert. Seit die Na­tio­nal Ho­ckey Le­ague am 11. März die Sai­son un­ter­bro­chen hat, ist Ro­man Jo­si nie mehr auf dem Eis ge­stan­den und hat sei­ne Team­kol­le­gen nur noch auf Bild­schir­men ge­se­hen. Un­tä­tig ist der Ber­ner frei­lich nicht. In der Ga­ra­ge sei­nes An­we­sens in Fo­rest Hills un­weit der Coun­try­mu­sik­me­tro­po­le Nash­ville hat er ei­nen Kraft­raum ein­ge­rich­tet, auf dem Vor­platz steht ein Tor. Je­den Vor­mit­tag stemmt er Gewichte und ab­sol­viert ein Schuss­trai­ning, ab und zu kurvt er auf In­line­skates her­um. «Ich will das Ho­ckey­ge­fühl be­wah­ren», er­zählt er am Te­le­fon.

Trotz­dem spricht er von «ei­ner ru­hi­gen Zeit», die er mit sei­ner Gat­tin El­lie Ot­ta­way ver­brin­ge. Denn auch das Mo­del hat der­zeit kei­ne Ar­beit. Zu­dem gal­ten im Bun­des­staat Ten­nes­see lang sehr stren­ge Re­geln, was das Ver­las­sen des Hau­ses be­traf. Im Stadt­zen­trum ist er nie mehr ge­we­sen. «Ich bin viel mit un­se­ren bei­den Hun­den un­ter­wegs, le­se Bü­cher, schaue fern», be­schreibt er sei­nen All­tag. Zu Ge­mü­te ge­führt hat er sich auch den zehn­tei­li­gen Do­ku­men­tar­film über Micha­el Jor­dan. «Er war ein un­glaub­li­cher Bas­ket­bal­ler, aber was mich am meis­ten be­ein­druckt, ist sei­ne men­ta­le Stär­ke. Er nahm im­mer den letz­ten Wurf, war im­mer je­ner Spie­ler, der das Spiel ent­schei­den woll­te.»

Die Team­kol­le­gen in­spi­rie­ren

Jor­dan war vom Er­folg be­ses­sen, gna­den­los, un­barm­her­zig, oft ging er selbst mit sei­nen Team­kol­le­gen unz­im­per­lich um. Auch Pre­da­tors­cap­tain Jo­si ist sehr ehr­gei­zig, und er kann in der Gar­de­ro­be auch mal laut wer­den, aber er ist stets re­spekt­voll und be­schei­den. «Ich bin auf je­den Fall ein an­de­rer Typ», sagt er und führt dann aus, was ihn selbst und die Bas­ket­bal­li­ko­ne ver­bin­det: «Jor­dan gab in je­dem Match und in je­dem Trai­ning Voll­gas – das ist für ei­nen Leader et­was vom Wich­tigs­ten. Wenn dei­ne Mit­spie­ler se­hen, dass du im­mer al­les gibst, wol­len sie dich nach­ah­men. Da­her ist es mein Ziel, in je­dem Trai­ning und Match hun­dert Pro­zent zu leis­ten, das ist für die Team­kol­le­gen in­spi­rie­rend.»

Sein Vor­ha­ben setz­te er bis zur co­ro­nabe­ding­ten Ab­sa­ge der Par­ti­en per­fekt um. Er war mit Ab­stand Nash­villes bes­ter Spie­ler; oh­ne ihn stün­de die über wei­te Stre­cken schwä­cheln­de Mann­schaft nicht auf ei­nem Play­off­platz. Be­züg­lich Eis­zeit pro Match ist Jo­si die Num­mer 3 der NHL, hin­sicht­lich der Sko­r­er­punk­te hin­ter Wa­shing­tons John Carl­son der zweiter­folg­reichs­te

Ver­tei­di­ger der Li­ga. Ein Zäh­ler fehlt ihm 13 Run­den vor Ab­schluss der Qua­li­fi­ka­ti­on zur Ega­li­sie­rung von Ti­mo Mei­ers Schwei­zer Sai­son­best­mar­ke (66), fünf Ein­hei­ten, um Kum­pel Mark Streit (449) als bes­ten hel­ve­ti­schen Sko­rer in der NHL­GE­schich­te ab­zu­lö­sen. Als be­son­ders är­ger­lich be­trach­tet er die ge­stopp­te Re­kord­jagd nicht. «Zum ei­nen kann ich nicht kon­trol­lie­ren, ob die Re­gu­lar Sea­son fort­ge­setzt wird, zum an­de­ren

gibt es der­zeit viel Wich­ti­ge­res als Sta­tis­ti­ken und Eis­ho­ckey.»

Zu­erst Tor­na­dos, dann Vi­rus

Das sind mehr als lee­re Wor­te. Als der am 1. Ju­ni 30­jäh­rig wer­den­de Os­ter­mun­di­ger über die Fol­gen der Pan­de­mie spricht, kommt ihm im­mer wie­der die Wen­dung «ex­trem trau­rig» über die Lip­pen. Als Licht­blick emp­fin­det er hin­ge­gen, wie die Men­schen aus Nash­ville in der Kri­se zu­sam­men­ste­hen. «Die

Stadt er­lebt ei­ne sehr schwie­ri­ge Pha­se, zu­erst ka­men die Tor­na­dos, dann das Co­ro­na­vi­rus. Es ist schön, zu se­hen, dass hier ein Ge­mein­schafts­ge­fühl herrscht.» Wild­frem­de Leu­te hät­ten nach den Wir­bel­stür­men Be­trof­fe­nen beim Auf­räu­men ge­hol­fen oder die­sen Nah­rungs­mit­tel ge­lie­fert, be­rich­tet Jo­si. Auch die Pre­da­tors­spie­ler leg­ten an ei­nem frei­en Tag Hand an. «Wir ver­sorg­ten Men­schen, die ihr Haus ver­lo­ren hat­ten, mit Din­gen des täg­li­chen Be­darfs; wir lie­fer­ten Zahn­bürs­ten, Trink­was­ser und vie­les mehr.»

Im Spit­zen­sport wird der­zeit vie­ler­orts über das The­ma Lohn­ver­zicht dis­ku­tiert. Die NHLPro­fis ha­ben bis jetzt die letz­te Sa­lär­tran­che noch nicht er­hal­ten. Fast al­le könn­ten es fi­nan­zi­ell ver­schmer­zen, soll­te die Zah­lung de­fi­ni­tiv aus­blei­ben. In Not sind hin­ge­gen die zahl­rei­chen Mit­ar­bei­ter, die an Match­ta­gen für ei­nen be­schei­de­nen St­un­den­lohn Ti­ckets kon­trol­lie­ren, Hot­dogs ver­kau­fen oder an­de­re Tä­tig­kei­ten über­neh­men. Laut Jo­si sorg­ten das Ma­nage­ment und die Mann­schaft der Pre­da­tors da­für, dass die­se Leu­te für die ver­pass­ten Heim­spie­le ent­schä­digt wur­den. Ähn­lich ist es in Bern bei den Young Boys: Die Pro­fis und die Mit­glie­der der Chef­eta­ge neh­men zu­guns­ten der an­de­ren Club­mit­ar­bei­ter ei­ne Lohn­ein­bus­se in Kauf. «Ich fin­de es schön, hel­fen die Yb­spie­ler den An­ge­stell­ten – das ist ei­ne Su­per­sa­che», lobt Jo­si.

Ho­hes Ni­veau im Play­off

Über zehn Wo­chen nach der letz­ten Par­tie zeich­net sich ab, dass die Nhl­meis­ter­schaft doch noch fort­ge­führt wird – oh­ne Zu­schau­er, mit 24 auf zwei Stand­or­te ver­teil­ten Teams. «Die Lust auf Eis­ho­ckey ist auf je­den Fall noch da. Es wä­re cool, könn­ten wir die Sai­son be­en­den», sagt Jo­si. Das Wich­tigs­te sei al­ler­dings, dass die Ge­sund­heit ge­währ­leis­tet sei. Sor­gen macht er sich kei­ne. «Es lau­fen Dis­kus­sio­nen mit di­ver­sen me­di­zi­ni­schen Ex­per­ten. Wir wer­den nur spie­len, wenn es si­cher ist. Ich ha­be Ver­trau­en in die Li­ga­ver­ant­wort­li­chen.»

Es wür­de in­des nicht nur An­ste­ckungs­, son­dern auf­grund der lan­gen Pau­se auch er­höh­te Ver­let­zungs­ge­fahr herr­schen. Weil sich die Be­we­gun­gen auf dem Eis nur be­dingt si­mu­lie­ren las­sen, denkt Jo­si, ein drei­ bis vier­wö­chi­ges Trai­nings­la­ger sei nö­tig, um Ver­let­zun­gen vor­zu­beu­gen. Dass der Stan­ley­cup ein­fa­cher zu ho­len wä­re, glaubt der 29­Jäh­ri­ge nicht. «Al­le Spie­ler wä­ren ge­sund und er­holt. Wenn wir die Mög­lich­keit be­kom­men, vor­her im Te­am­ver­band zu trai­nie­ren und uns ans Tem­po zu ge­wöh­nen, wird das Ni­veau im Play­off sehr hoch sein.»

Fo­to: Mark Hum­phrey (Keysto­ne)

Ro­man Jo­si ist das Gesicht der Nash­ville Pre­da­tors. Er hofft, dass die Nhl-sai­son ei­ne Fort­set­zung fin­det.

Fo­to: zvg

Jo­si ab­sol­viert da­heim fast je­den Vor­mit­tag ein Schuss­trai­ning.

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