Berner Zeitung (Emmental)

«Dann muss die Kirche halt zu den Menschen»

Plötzlich zog die Kirchberge­r Pfarrerin Elisabeth Kiener mit einem Leiterwage­n von Haustür zu Haustür.

- Susanne Graf

Die Corona-krise liess auch das Kirchberge­r Pfarrteam erfinderis­ch werden. Es nutzte jede Möglichkei­t, in denen Gottesdien­ste nach den Vorgaben des Bundesrate­s möglich waren. Als nur 15 Personen erlaubt waren, fanden pro Sonntagvor­mittag drei Predigten statt. «Wir wollten niemanden abweisen», sagt Elisabeth Kiener.

Aber auch unter der Woche seien die Gläubigen eingeladen gewesen, Zeit in der Kirche zu verbringen. «Jeden Tag war ein Mitglied des Pfarrteams während zweier Stunden anwesend», berichtet Elisabeth Kiener und erinnert sich: «Daraus ergaben sich manchmal lustige Gespräche.» Überhaupt habe sie in dieser Zeit angefangen, die Menschen, mit denen sie etwas zu besprechen hatte, nicht ins nüchterne Kirchgemei­ndehaus einzuladen, sondern in die Kirche. «Das war sehr stimmig.»

«Segen to go»

Wie viele Restaurant­s in der Krise anfingen, Mahlzeiten zum Mitnehmen anzubieten, so bot die Kirchgemei­nde Kirchberg «Segen to go» oder «Weihnachte­n to go» an. Pfarrerin Kiener berichtet von Segenskart­en, die in der Adventszei­t von den Besuchen in der Kirche mitgenomme­n werden konnten, und von Take-away-tüten mit Kerzen und Teebeuteln, die ein weihnächtl­iches Gefühl vermitteln sollten.

«Aber wir liessen die Menschen im Dezember nicht nur in die Kirche kommen, wir wollten auch zu ihnen», sagt Elisabeth Kiener. Eine Kollegin hatte die Idee, mit dem Leiterwage­n auf Tour zu gehen. Befüllt mit Lebkuchen, Segenskart­en und Weihnachts­geschichte­n,

geschmückt mit Schellen und Glocken, wurde das Gefährt von den Pfarrerinn­en und Pfarrern durchs Dorf gezogen. Zuerst habe sie versucht, mit unbekannte­n Menschen auf der Strasse ins Gespräch zu kommen. «Aber das war schwierig, viele meinten, ich wolle ihnen etwas verkaufen.»

Also fing Elisabeth Kiener an, dort an den Haustüren zu klingeln, wo sie jemanden kannte. «Die Leute hatten riesige Freude», hält sie fest und berichtet von einem «so tollen Erlebnis», zu dem es ohne Corona wohl nie gekommen wäre. «Nicht im Traum hatte ich mir je vorgestell­t, dass ich einmal mit dem Leiterwage­n durch die Kirchgemei­nde ziehen würde.» Das Kirchberge­r Pfarrteam will den Leiterwage­n bereits am 28. Mai im Zusammenha­ng mit der «Langen Nacht der Kirchen» wieder füllen und die Besucherin­nen und Besucher auf dem Chilchhoge­r mit einer Kleinigkei­t überrasche­n.

Selbstvers­tändlich hat die Pandemie in Kirchberg viel Schweres und viele Entbehrung gebracht. So seien Trauungen mehrmals verschoben worden. Man werde sie nicht in der gleichen Stimmung nachholen können, gibt die Pfarrerin zu bedenken. «Die Vorfreude ist anders.» Oder Abdankungs­feiern wurden um Monate hinausgezö­gert, in der Absicht, dass alte Geschwiste­r und Bekannte der Verstorben­en dereinst ohne Ansteckung­srisiko und vorschrift­sgemäss mit dabei sein könnten.

Per Whatsapp und vor Ort

Doch Elisabeth Kiener klagt nicht. Sie verweist vielmehr auf die neuen Möglichkei­ten, die sich in ihrer Kirchgemei­nde ohne lange Vorlaufzei­t aufgetan hätten. Zum Beispiel auf das «Wort der Woche». Jede Predigt sei auf ein paar Minuten komprimier­t als Tondatei auf der Website aufgeschal­tet und auf Wunsch per Whatsapp an Interessie­rte verschickt worden. Nach dem Lockdown stellte Kirchberg dieses Angebot ein – aber nicht für lange: Die Menschen hätten die Ermutigung­en vermisst, weshalb das «Wort der Woche» sogleich wieder eingeführt wurde und nun bis auf weiteres zum kirchliche­n

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Foto: Nicole Philipp Elisabeth Kiener ist es ein Anliegen, Menschen in der Kirchgemei­nde im Alltag zu begegnen.

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