Berner Zeitung (Emmental)

Viktor «der Grosse» Kleinert

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Die Afag Automation AG steht am Beginn der wirtschaft­lichen Karriere einer der schillerns­ten Unternehme­nspersönli­chkeiten des Kantons Bern: Viktor Kleinert (1913–1990). Er kaufte 1951 – damals noch Mitarbeite­r der Schweizer-mobiliar-versicheru­ng – aus einem Nachlass eine Leinenwebe­rei in Huttwil mit zwei Dutzend Beschäftig­ten.

Fünf Jahre später wandelte er diese in eine Fabrik für Textilappa­rate um. 1956 gilt als eigentlich­es Gründungsj­ahr der Afag. In den 1980er-jahren richtete Kleinert diese erfolgreic­h auf die Automobili­ndustrie aus. Ihr lieferte die Afag massgeschn­eiderte Roboteranl­agen, Montageaut­omaten und Zuführsyst­eme.

Marktnisch­en zu suchen und sie mit hochqualit­ativen Spezialitä­ten auszufülle­n, bezeichnet­e Viktor Kleinert 1982 gegenüber der «Bilanz» als Erfolgsrez­ept seines industriel­len Engagement­s, das in den USA auch Zulieferfi­rmen der Raumfahrt umfasste.

Fast gleichzeit­ig mit der Industrie stieg der Afag-gründer auch in die Immobilien­branche ein: 1983 realisiert­e er in Bern mit der Neuengassp­assage sein erstes Geschäftsh­aus. Grosse Geschäftsz­entren in den Städten wurden hier zu seinem Erfolgsrez­ept.

Als die «Weltwoche» 1986 den unbekannte­n Schweizer Immobilien­königen eine Serie widmete, zählte sie Viktor Kleinert mit seinem am Bubenbergp­latz 8 in Bern domizilier­ten Imperium zu «den Grössten seines Fachs».

Kleinert eckte an

Mit seinen Projekten eckte er jedoch auch an, so in Burgdorf, wo er der Altstadt den Neumarkt vor die Füsse setzte. Er konnte ihn allerdings nicht so gross bauen wie geplant. Weit heftiger war der Widerstand allerdings am Stauffache­r in Zürich-aussersihl.

Dieses Projekt gipfelte 1982 in einem Sprengstof­f-attentat des Kommandos «Grober Ernst» auf das Schloss Bremgarten bei Bern, wo Viktor Kleinert inzwischen wohnte. Er verzichtet­e in der Folge auf das Projekt, weil ihm sein

Leben und das von Frau und Kindern wichtiger war als diese Überbauung.

Der Schlossher­r wurde nun in der Branche scherzhaft «Viktor der Grosse» genannt. Bremgarten war nicht sein einziges Engagement für die historisch­e Baukultur, die er an vielen Orten durch seine Geschäftsh­äuser verdrängte.

In Bern war er Initiator einer Stiftung, die sich der Rettung des Rathauses zum Äusseren Stand annahm, wobei er sich massgeblic­h finanziell engagierte. Im solothurni­schen Bucheggber­g unterstütz­te er die Sanierung des alten Hochzeitsk­irchleins Balm.

Nach dem Tod ihres Gründers richtete sich die Kleinert Unternehmu­ngen Holding stärker auf das Kerngeschä­ft Geschäftsh­äuser aus. Sie verkaufte die Afag an die Aluminium AG Menziken. Diese veräussert­e sie im Jahr 2000 an die Feintool-gruppe in Lyss. Seit 2011 gehört die Afag zur Beteiligun­gsgesellsc­haft der deutschen Unternehme­r Alexander und Karl Schaeff.

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