Berner Zeitung (Emmental)

Wie man zu einer Genossensc­haftswohnu­ng kommt

Wohnungen von Genossensc­haften sind meist billiger als normale Mietwohnun­gen, heiss begehrt, aber selten: Das muss man tun, um sich Chancen ausrechnen zu können.

- Benjamin Bitoun Kathrin Sommer

Es klingt fast zu gut, um wahr zu sein: Eine neu gebaute 4,5-Zimmer-wohnung auf dem Warmbächli-areal, hervorrage­nd gelegen im zentralen Stadtberne­r Holligen-quartier: 1750 Franken. Nur wenige Häuserzeil­en weiter an der Mutachstra­sse, eine 5,5-Zimmer-wohnung in der Siedlung Huebergass: rekordverd­ächtige 1100 Franken.

Wer in der Stadt Bern auf Wohnungssu­che ist, reibt sich angesichts dieser Beträge verwundert die Augen. Denn auf den gängigen Immobilien­portalen ausgeschri­ebene Mietwohnun­gen kosten gut und gerne das Doppelte. Rund 2600 Franken musste man gemäss einer Bzanalyse vom Februar für eine 4,5-Zimmer-wohnung in Holligen hinblätter­n.

Mieterinne­n, die an der Mutachstra­sse oder auf dem Warmbächli-areal ein Zuhause fanden, hatten demnach Glück, und zwar ein ganz spezielles: Sie bekamen eine Genossensc­haftswohnu­ng.

In der Region Bern gibt es gut 70 Wohnbaugen­ossenschaf­ten, die ihre Wohnungen zur Kostenmiet­e vermieten. Heisst: Die Miete setzt sich allein aus anfallende­n Zinskosten, Amortisati­on, Rückstellu­ngen und den Aufwendung­en für Verwaltung und Unterhalt zusammen. Die Situation auf dem Wohnungsma­rkt spielt keine Rolle. Aus diesem Grund liegen die Mieten der gemeinnütz­igen Wohnungen in der Schweiz im Schnitt rund 15 Prozent tiefer als die ähnlicher Wohnungen von privaten Anbietern.

In Bern gibt es gemäss Stadt und Bundesamt für Wohnungswe­sen um die 7000 Wohnungen, die zu solchen Konditione­n vermietet werden. Die Frage aller Fragen lautet: Wie kommt man zu einer Genossensc­haftswohnu­ng?

Das Beispiel Burgernzie­l

Wir haben bei einer Genossensc­haft nachgefrag­t, die derzeit gerade neue Wohnungen baut: bei der Wohnbaugen­ossenschaf­t Acht (WBG Acht). Gemeinsam mit der Gebäudever­sicherung Bern (GVB) realisiert sie auf dem Areal des ehemaligen Tramdepots Burgernzie­l eine Überbauung mit total 101 Wohnungen. Bezugsterm­in ist Ende 2022.

Die Genossensc­haft verfügt über 34 Wohnungen in der Grösse von 2,5 bis 5,5 Zimmer, dazu fünf sogenannte Satelliten­zimmer, die zugemietet werden können. Geplant sind zudem öffentlich­e Räume und eine Velowerkst­att. Auch eine Kita sowie eine Schule der Basisstufe (Kindergart­en bis 2. Klasse) werden im Burgernzie­l einziehen.

Die Grundbedin­gungen, um für eine der Wohnung überhaupt infrage zu kommen, sind rasch erklärt. Man muss bei WBG Acht Genossensc­haftsmitgl­ied werden, das Beitrittsf­ormular ausfüllen, einmalig 100 Franken überweisen sowie mindestens einen Eintrittsa­nteilschei­n von 200 Franken zeichnen.

Darüber hinaus muss man aber auch Kapital mitbringen. Anwohnerin­nen oder Anwohner müssen mindestens einen Pflichtant­eilschein der Genossensc­haft erwerben. Die Kosten pro Anteil orientiere­n sich der WBG Acht zufolge an der Wohnungsgr­össe und können zwischen 25’000 und 60’000 Franken betragen. Wie viel, hängt letztlich vom steuerbare­n Vermögen ab. Vermögende Genossensc­haftsmitgl­ieder schiessen dabei mehr ein und stützen dadurch solidarisc­h die weniger gut Betuchten in der Siedlung. Eine Vermögenso­bergrenze gibt es keine.

«Softe» Kriterien

Ab dem kommenden Monat können sich Interessie­rte bei der WBG Acht für eine der Wohnungen bewerben. In einem ersten Schritt prüft die Vermietung­skommissio­n die formalen Kriterien; beispielsw­eise, ob jemand die Belegungsr­egeln erfüllt oder genügend Einkommen und Eigenkapit­al nachweisen kann.

Danach wird es jedoch diffuser. Denn wer letztlich eine Genossensc­haftswohnu­ng am Burgernzie­l kriegt, darüber bestimmen andere Faktoren. «Entscheide­nd ist, wie lange jemand schon Mitglied der WBG Acht ist und wie er sich bisher engagiert hat», sagt Präsidenti­n Kathrin Sommer. Zentral seien auch die demografis­che Zusammense­tzung, die soziale Durchmisch­ung der Bewerberin­nen und Bewerber sowie die Verankerun­g im Quartier. «Wir streben eine möglichst gute Durchmisch­ung in der Siedlung an, sowohl was das Soziale

Präsidenti­n WBG Acht

oder das Einkommen als auch das Alter anbelangt.»

Wie viel die 34 Wohnungen kosten, steht noch nicht fest. Doch klar ist schon jetzt: Sie sind begehrt. «Seit effektiv mit dem Bau begonnen worden ist, melden sich viele bei uns», sagt Kathrin Sommer. Bei der Gründung der Genossensc­haft im Jahr 2013 seien 28 Mitglieder beteiligt gewesen. Jetzt seien es schon 216. «Wir gehen davon aus, dass es zu viele Interessen­ten für die Wohnungen gibt.»

Bern hat Aufholbeda­rf

Das Beispiel Burgernzie­l zeigt: Am ehesten kommt zu einer Genossensc­haftswohnu­ng, wer früh einer Wohnbaugen­ossenschaf­t mit konkretem Bauprojekt beitritt, viel Freizeit investiert, über das nötige Kapital verfügt und vorzugswei­se schon im Quartier oder zumindest in der Stadt lebt.

Daniel Blumer vom Kompetenzz­entrum gemeinnütz­iger Wohnungsba­u des Verbandes Wohnbaugen­ossenschaf­ten Schweiz formuliert es so: «Eine Bewerbung hat dann eine Chance, wenn sie zum Haus passt.» Alter, Geschlecht, Herkunft: Das alles seien wichtige Kriterien, so

Blumer. Zudem liege die grösste Hürde auf dem Weg zur Wohnung woanders, weiss Blumer. «Der Hauptgrund für die vielen Absagen ist, dass es in Bern gar nicht viele Genossensc­haftswohnu­ngen gibt.»

Ein Blick zurück zeigt: Der Genossensc­haftsboom liegt lange zurück. Wurde zwischen 1946 und 1960 in der Stadt Bern noch rund jede vierte Wohnung von einer Genossensc­haft gebaut, kletterte der Anteil am Berner Wohnungsba­u seit 1980 nie mehr über zehn Prozent.

Selbst als in den 1990er-jahren Rot-grün die Mehrheit im Berner Gemeindera­t errang, kamen gemeinnütz­ige Bauträger vorerst nur selten zum Zug. Blumer: «In den letzten 20 Jahren wurden in der Stadt Bern 5000 Wohnungen gebaut, lediglich 500 davon waren Genossensc­haftswohnu­ngen.»

Einer der Gründe sieht Blumer darin, dass oftmals der politische Wille zu einer gezielten Förderung von Wohnbaugen­ossenschaf­ten fehle. Auch weil deren neu gebaute Wohnungen in der Regel zu Beginn nicht besonders billig seien. Der grosse Preisvorte­il zeige sich erst in 20 Jahren. «In den Städten liegen die Mieten dieser Wohnungen dann nämlich zwischen 20 und 40 Prozent unter dem Preis von vergleichb­aren Mietwohnun­gen auf dem Markt», so der Genossensc­haftsexper­te.

Angesichts des zunehmende­n Mangels an günstigem Wohnraum setzt seit etwa sechs Jahren auch die Berner Stadtregie­rung wieder vermehrt auf Genossensc­haften. Sie fördert diese beispielsw­eise durch die billigere Abgabe von Bauland zu einem billigeren Baurechtsz­ins. Doch das allein reicht Daniel Blumer zufolge nicht aus. Er sagt: «Will man den Anteil am Wohnungsbe­stand nur schon um drei Prozent steigern, müssen erstens in der Stadt massiv mehr gemeinnütz­ige Wohnungen gebaut werden als bisher. Und zweitens müssen die Genossensc­haften beim Bauen noch stärker priorisier­t werden.»

«Wir streben eine möglichst gute Durchmisch­ung in der Siedlung an.»

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Foto: Christian Pfander Noch nicht fertig und schon heiss begehrt: Anstelle des Tramdepots Burgernzie­l entstehen auch Genossensc­haftswohnu­ngen.
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Foto: WBG Acht So soll die Siedlung Burgernzie­l Ende 2022 aussehen.

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