Berner Zeitung (Emmental)

Sie streiten, haben Schulden – und ärgern Neymar trotzdem

Während das steinreich­e PSG schwächelt, greift ein Provinzclu­b nach den Sternen: Lille steht vor dem Meistertit­el. Vier Gründe für den Coup.

- Fabian Sanginés

Leão (kam 2018 ablösefrei, ging 2019 für 30 Millionen) und zuletzt Victor Osimhen, der 2019 für 22 Millionen verpflicht­et und ein Jahr später für über 70 Millionen an Napoli weiterverk­auft wurde.

Jährlich erwirtscha­ftete Lille zwischen 50 und 70 Millionen Transferüb­erschuss, als Nächstes könnten Goalie Mike Maignan, Boubacary Soumare und Renato Sanches für ein mehrfaches ihrer Kosten abgegeben werden. Die Startforma­tion, die vergangene Woche im Derby gegen Lens 3:0 gewann, kostete gemäss des Portals Transferma­rkt.de 57 Millionen Euro – ein Viertel dessen, was PSG alleine für Neymar hinblätter­te.

Doch ganz so harmonisch lief es zuletzt beim vermeintli­chen Dream-team nicht, CEO Ingla schmiss nach Streit mit Sportchef Campos den Bettel hin, kurz darauf ging auch Campos. Für Campos könnte sich die Geschichte von Monaco wiederhole­n: Dort war er von 2013 bis 2016 Sportchef – die von ihm zusammenge­stellte Mannschaft wurde 2017 Meister.

3 Die türkische Macht Natürlich gefällt es Burak Yilmaz, wenn er «Kral» genannt wird. Schliessli­ch ist dies das türkische Wort für König. Verdient hat er sich den Übernamen in der Saison 2011/12, als er mit 33 Treffern

Torschütze­nkönig der Süper Lig wurde. Für viele türkische Fussballfa­ns war er aber auch ein «Hain», ein Verräter, denn er erlaubte es sich, neben Trabzonspo­r unter anderem auch für die drei Istanbuler Erzfeinde Besiktas, Galatasara­y und Fenerbahce zu spielen. Doch die Anfeindung­en störten Yilmaz bedingt.

Im Sommer wechselte er ablösefrei zu Lille, weil Besiktas Geldsorgen plagten. Yilmaz verzichtet­e auf die Hälfte des ausstehend­en Gehalts, den Gerüchten zufolge knapp eine Million Euro, damit er nach Frankreich gehen durfte. Das Investment lohnte sich, mit 15 Ligatreffe­rn ist er der «Kral» bei den Nordfranzo­sen – und in seiner Heimatspra­che unterhalte­n kann er sich in Lille auch noch: Mit Yusuf Yazici und Zeki Celik spielen zwei weitere Türken eine Hauptrolle beim Überraschu­ngsteam.

Die türkische Connection ist so erfolgreic­h, dass der Club einen türkischsp­rachigen Socialmedi­a-manager einstellte, um die Fans in der Heimat der Spieler anzubinden. Als «Lille Türkgücü», türkische Macht, wird das Team gerne bezeichnet. Und Yilmaz weibelt schon für weitere Türken: «Dorukhan Toköz sowie Abdülkadir Ömür würde ich Lille empfehlen, vor allem läuft Dorukhans Vertrag aus.» Zwei weitere Namen, die sich vielleicht auch Vladimir Petkovic merken sollte. Schliessli­ch ist die Türkei Em-gegner der Schweiz.

4 Die ruhige Macht Besonders gut begann Christophe Galtiers Engagement als Lille-trainer nicht. Sein erstes Spiel Anfang 2018 konnte er zwar noch gewinnen, danach folgten 15 sieglose Partien, «Les Dogues» waren mitten im Abstiegsst­rudel. Nun, drei Jahre später, hat der 54-Jährige ein fast unzerstörb­ares Konstrukt aufgebaut. In 19 Spielen des Kalenderja­hres hat Lille neun Gegentore kassiert – 13-mal spielte man zu null. Natürlich sind die 22 kassierten Treffer Ligatiefst­wert.

In französisc­hen Medien wird Galtier gerne auch als «ruhige Macht an der Seitenlini­e» beschriebe­n. Statt in seiner Coachingzo­ne herumzuham­peln, vermittelt er lieber Gelassenhe­it. Umso intensiver findet der Austausch mit seinen Spielern unter der Woche statt. So sagte der türkische Goalgetter Yilmaz, Galtier habe sich viel Zeit genommen, um ihm die Laufwege einzupräge­n, die Galtier wichtig sind. Gegen Lens war Yilmaz mit zwei Toren die grosse Figur.

Nun steht der Mann aus Marseille vor seinem wichtigste­n Titel als Trainer. Es entspricht den Normen des Geschäfts, dass dies Begehrlich­keiten weckt. Nizza lockt mit üppigem Gehaltsche­ck. Französisc­he Medien rechnen schon mit seinem Abgang, als Nachfolger wird unter anderem Lucien Favre gehandelt. Galtier selber geht diesen Spekulatio­nen aus dem Weg. Lieber richtet er den Fokus auf die wohl grösste Aufgabe seiner bisher zwölfjähri­gen Karriere als Chefcoach: «die verbleiben­den zwei Spiele zu gewinnen». Holt Lille morgen gegen Saint-étienne mehr Punkte als PSG gegen Reims, wäre der Titel sogar schon eine Runde vor Schluss Tatsache. Ansonsten reichen dem Team vier Punkte aus den letzten beiden Spielen – und die Sensation ist perfekt.

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Foto: Philippe Desmazes (AFP) Trifft und trifft: Lille-stürmer Burak Yilmaz (l.).

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