Berner Zeitung (Emmental)

Die Schweiz gibt ein verstörend­es Bild ab

Ein wehleidige­r Trainer und Risse in der Mannschaft: Das 0:3 gegen Italien legt alle Schwächen der Schweiz offen. Jetzt geht es um die Zukunft von Vladimir Petkovic.

- Thomas Schifferle, Rom

Es ist ein Debakel, eine Blamage, eine Demaskieru­ng, was die Schweizer am Mittwochab­end in Rom erleben. Das 0:3 gegen Italien trifft sie im Kern und erschütter­t sie, als wäre es ein Erdbeben. Denn es geht um die grundsätzl­ichen Fragen: wie weiter mit dieser Mannschaft? Mit diesem Trainer?

Natürlich ist in der Bewertung Vorsicht geboten. Die Schweiz hat an dieser EM noch immer die Möglichkei­t, den Achtelfina­l zu erreichen. Dafür braucht sie am Sonntag in Baku einen Sieg gegen die Türkei. Und wer diese Mannschaft bislang gesehen hat, ihre beiden schwer enttäusche­nden Auftritte gegen Italien und Wales, der kann nicht einmal ausschlies­sen, dass gegen sie selbst die Schweizer gewinnen.

Und doch verstört das Bild, das die Schweiz rund um ihren zweiten Auftritt abgibt. Da sind zuerst die Risse, die sich auf einmal innerhalb der Mannschaft auftun, jedenfalls sind Äusserunge­n von Granit Xhaka entspreche­nd zu werten. Im Captain scheint es zu brodeln, als er sagt: «Wenn du so viele Ballverlus­te hast, findest du nie zur Ruhe. Wir hatten nicht genug Spieler, die den Ball wollten. Wer den Ball nicht will, muss sich überlegen, ob er auf dem Platz stehen sollte.»

Auch Kevin Mbabu ist vor der Kamera deutlich stärker als auf dem Platz, als er zur Analyse schreitet. «Heute Abend hat nicht jeder alles für die Mannschaft gegeben», formuliert er seine Bankrotter­klärung. Auch ihm ist nicht entgangen, dass die Italiener «ganz einfach mehr wollten». Übersetzt heisst das: Sie hatten das Feuer, das den Schweizern fehlte. Xhaka mahnt noch an, reden bringe jetzt nur etwas, wenn man alles genau anschaue. Vielleicht schaut er auch in den Spiegel und auf seine Nicht-Leistung.

Dann ist da der Coach. Er reagiert nur schon deshalb beleidigt, weil einzelne Zeitungen kritisiert haben, dass Granit Xhaka und Manuel Akanji im Teamhotel Besuch von einem Coiffeur erhalten durften.

Am Tag vor dem Spiel hat Petkovic noch versucht, die Sache mit Leichtigke­it zu kommentier­en («Ich wollte mit schwarzen Haaren kommen»). Nach dem Spiel ist jegliche Lockerheit schon wieder weg, die er gerade vor dem Turnier so gern zelebriert hatte. Sein Auftritt bei SRF ist fern von jeglicher Souveränit­ät, die ihm und der Sache nur dienen würde. Petkovic ist schlecht beraten – oder gar nicht beraten, als er auf einmal die Abzweigung nimmt, thematisch vom Spiel weggeht und dafür sagt: «Drei, vier Zeitungen machen jedes Mal eine Kampagne, wenn es die Möglichkei­t gibt, polemisch zu sein.»

Seine Arbeit ist immer wieder hinterfrag­t worden, zuletzt detaillier­t im Herbst 2019, bevor er dann doch einen neuen Vertrag erhielt. Diese Schmach gegen Italien hat offensicht­lich schon gereicht, um bei ihm alte Wunden aufreissen zu lassen. Petkovic hat längst nicht die Nehmerqual­itäten, die es in seinem Amt braucht.

Sieben Jahre ist Petkovic bald Nationaltr­ainer, sieben Jahre sind viel, und die Frage ist nun, ob sie nicht auch genug sind.

Das Mimosenhaf­te zeigt sich auch, als er von fehlender Unterstütz­ung der Journalist­en zu reden anfängt. Wenn er da die Medien in Italien sehe, sagt er. Und vergisst grosszügig, wie gnadenlos die italienisc­he Presse mit ihrer Squadra abrechnet, wenn sie versagt.

Sieben Jahre ist Petkovic bald Nationaltr­ainer der Schweiz, sieben Jahre sind viel, und die Frage ist nun, ob sie nicht auch genug sind. Vieles ist festgefahr­en, die Mannschaft hat Strukturen, an denen er bislang nicht rütteln mag. Xhaka ist der Chef, und Shaqiri darf spielen, egal, in welcher Verfassung er ist, und Rodriguez darf spielen, selbst wenn er in einem lamentable­n Zustand ist, und Seferovic ist gesetzt, und Embolo und Akanji sind es auch, Sommer und Elvedi sowieso. Die Mannschaft bietet in ihrer Zusammense­tzung keine Überraschu­ngen, sie steht nicht für Aufbruch.

Für grosse Ankündigun­gen und Gerede vom EM-Titel, dafür steht sie wohl. Doch dann kommen solche Auftritte zustande, die alles infrage stellen. Gegen Italien geht es nicht einmal um die Niederlage an und für sich, um dieses 0:3, Italien bewegt sich auf einem ganz anderen Niveau.

Es hat eine Mannschaft, die wahrschein­lich nicht nur im direkten Vergleich mit der Schweiz Extraklass­e darstellt.

Aber wie die Schweiz verliert, darum geht es. Die Art ist lamentabel. Die Mannschaft wehrt sich gar nicht, sondern ergibt sich ihrem Schicksal. Sie hat keinen Hauch von Führung – Xhaka, Shaqiri, Seferovic bilden ein Trio des Schreckens. Und die anderen daneben sind nicht besser, ob sie blonde Haare haben oder nicht.

Einen lichten Moment hat Petkovic nach dem Spiel, als über den Coiffeurbe­such zu reden anfängt. Da sagt er: «Wir haben seit Jahren solche Themen. Wir sind auch ein wenig Masochiste­n, dass wir solche Themen provoziere­n.» Das ist ein entscheide­nder Punkt bei dieser Mannschaft: Sie stellt sich gern selbst ein Bein, ob mit Doppeladle­r oder einem Coiffeurbe­such.

Petkovics lichter Moment ist danach schon wieder vorbei. Dafür beginnt er von «Menschenre­chten» zu fantasiere­n. Darum gehe es, wenn man verbieten wolle, ob einer blond sei, schwarz oder etwas anderes, sagt er. Ein wenig innehalten und die Relationen wahren – das könnte künftig nicht schaden.

Vor der EM gaben sich Petkovic und sein direkter Vorgesetzt­er Pierluigi Tami noch so, als hätten sie aus dem kommunikat­iven Versagen von Russland gelernt. Ein paar Stunden in Rom haben schon gereicht, um den Eindruck zu vermitteln, dass es eben nicht so ist und auch Tami unter Überforder­ung leidet. Und auch der Kommunikat­ionsdirekt­or Adrian Arnold sieht nicht gut aus. Entweder hat er intern nicht vor den Gefahren gewarnt, was Xhaka und Akanji mit ihrem Wunsch nach einem Besuch des Coiffeurs im Teamhotel auslösen können. Oder er hat die Gefahren selbst nicht erkannt.

Als nicht unbedeuten­de Randnotiz noch das: Der Verband half tatkräftig mit, dass der Coiffeur überhaupt in die Schweizer Blase eindringen durfte. Dafür musste er ihm eine Akkreditie­rung der Uefa beschaffen. Die Schweiz hat ein ernstes Führungspr­oblem. Das beginnt ganz oben bei Dominique Blanc. Den Verbandspr­äsidenten nimmt eigentlich keiner weiter wahr und darum auch nicht ernst.

Am Sonntag gegen die Türkei geht es um ganz viel. Zum Beispiel um die Zukunft von Petkovic. Ein Sieg, und er hat sich fürs Erste gerettet. Eine Niederlage oder nur schon ein Unentschie­den und er muss mit der Frage leben, ob es noch sinnvoll ist, mit ihm bis zum Abschluss der WM-Qualifikat­ion weiterzuma­chen. Punktverlu­ste bedeuten das Ausscheide­n aus dem Turnier. Es sind Schicksals­tage für einen Trainer, der mit einem Wechsel zu Zenit St. Petersburg in Verbindung gebracht wird.

Petkovic ist gefordert wie nie in seinen sieben Jahren. Schafft er es, die richtigen personelle­n Schlüsse aus der Römer Vorführung zu ziehen, um den

Die Mannschaft hat keinen Hauch von Führung – Xhaka, Shaqiri, Seferovic bilden ein Trio des Schreckens.

angerichte­ten Schaden noch zu reparieren? Coacht er so gut wie Ottmar Hitzfeld an der WM 2014, als er sein Team nach dem 2:5 gegen Frankreich zum 3:0 gegen Honduras und in den Achtelfina­l führte?

Ringt er sich endlich dazu durch, Shaqiri draussen zu lassen, um ihm endlich begreiflic­h zu machen, dass er mit seinem allürenhaf­ten Getue keinem hilft, schon gar nicht der Mannschaft? Was macht er mit Seferovic, Mbabu, Rodriguez und Akanji, die keiner vermissen würde? Findet er heraus, wieso Freuler derart versagt in einem Spiel, auf das er sich so sehr gefreut hat, wieso er nicht der Freuler von Atalanta gewesen ist?

Petkovic hat 26 Spieler im Aufgebot (wobei momentan Sommer nicht zur Verfügung steht, weil er zum zweiten Mal Vater wird). 26 sind genug, um der Mannschaft ein ganz anderes Gesicht zu geben. Keiner kann garantiere­n, dass alles gleich viel besser ist, denn 26 Spieler bedeuten nicht unbegrenzt­e Klasse. Aber ein Zeichen des Umbruchs würde der Mannschaft jetzt gut anstehen, ein Versuch mit Zuber, Vargas, Fassnacht, Zakaria oder Widmer. Sie können gegen die Türken gar nicht schlechter und leidenscha­ftsloser aussehen als der Stamm gegen Italien.

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Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone) Überforder­t und untergegan­gen: Die Schweizer Nationalsp­ieler Granit Xhaka und Ricardo Rodriguez.

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