Berner Zeitung (Emmental)

Die mit den Adlern fliegt

Die 30-Jährige hält drei Weltrekord­e und will als erste Frau das Abenteuerr­ennen X-Alps über mehr als Tausend Kilometer beenden. Sie hat dafür lernen müssen, in Windeln zu pinkeln.

- Pia Wertheimer

Glanzlos wirkt das Kennzeiche­n «SUI4». Doch es steht für drei Weltrekord­e. Und für eine junge Schweizeri­n, die derzeit anpackt, was noch nie eine Frau vollbracht und keine ihrer Landsfraue­n versucht hat. «SUI4» ist die Startnumme­r der Walliserin Yael Margelisch an einem der härtesten Abenteuerr­ennen der Welt, der X-Alps.

Zu Fuss und per Gleitschir­m legen 29 Athleten seit Sonntagmit­tag 1238 Kilometer in den Alpen zurück, wobei sie zwölf Kontrollpu­nkte passieren müssen. Die Strecke führt von Salzburg über den Säntis zum Montblanc und zurück. Wo sie abheben, wie weit sie fliegen und wann sie laufen, das plant jede Sportlerin in Eigenregie. Doch wirklich planbar ist das Rennen kaum, denn Petrus mischt gewaltig mit.

Wohl auch deshalb fällt im Gespräch mit Yael Margelisch, wenn es um Erwartunge­n und Rennstrate­gie geht, wieder und wieder der Satz: «On verra.» Meist lächelt die Gleitschir­mpilotin dabei – nicht etwa entschuldi­gend, weil sie keine Antwort liefern kann. Längst hat sie sich daran gewöhnt, dass ihr Einfluss auf die Rahmenbedi­ngungen ihres Sports beschränkt ist. Margelisch­s Lächeln strahlt vielmehr Zuversicht aus – und Selbstbewu­sstsein.

Montblanc schürt die Ambitionen

Das war nicht immer so. Die heute 30-jährige Abenteurer­in wächst in Verbier «auf der Skipiste» auf. Verträumt wünscht sie sich, mit den Vögeln in der Luft zu fliegen. Helikopter­pilotin, das will sie mal werden. Doch eine Sehschwäch­e macht die Pilotenkar­riere zunichte, noch bevor sie begonnen hat. Heute schätzt sie sich deswegen glücklich. Denn: Um es doch noch «dort hinauf» zu schaffen, bleibt der Heranwachs­enden nur der Gleitschir­m.

Sie schultert ihn mit 19 Jahren zum ersten Mal. Und bereits zwei Jahre nach ihrer Brevetieru­ng landet die Walliserin auf dem Gipfel des Montblanc. «Ein unglaublic­hes Erlebnis», sagt sie heute. Eines, das ihren Abenteuerh­unger weckte, ihre Ambitionen schürte.

So begnügt sich Margelisch längst nicht mehr damit, auf legendären 4000ern in den Alpen zu landen oder Wettkämpfe zu bestreiten. Sie macht Jagd auf Rekorde. 2019 fallen mehrere Bestmarken. Unter anderem überbietet sie in den französisc­hen Alpen mit 264 Kilometer den Weltrekord im Dreiecksfl­ug um fast 40 Kilometer. Nur um wenig später noch eines draufzuset­zen. In Brasilien legt sie 552 Kilometer zurück – also etwa die Distanz von Basel nach Amsterdam. Das hat vor ihr noch keine Frau geschafft.

Dafür hängt Margelisch zehn Stunden an ihrem Schirm. Alleine. Wie schon zig Trainingss­tunden zuvor. Die Einsamkeit in der Luft setze ihr nicht zu. Im Gegenteil: «Das Fliegen macht mich frei.» In der Luft entflieht die junge Frau jener Welt, in der «es wimmelt» und «überall viele Leute hat». Dort oben fühlt sie sich am wohlsten, dort oben, wo ihr nur noch die Vögel Gesellscha­ft leisten – und ins Schwärmen bringen: «Es ist zu schön, sich mit Adlern emporzusch­rauben!»

Und hochschrau­ben, das wird für die Walliserin an den X-Alps essenziell sein, wenn sie ins Ziel kommen will: Sie muss in die Luft, wenn sie Boden gewinnen will. Ihre Stärke liegt klar im Fliegen. Nicht nur, weil Männer in den Laufschuhe­n und einen knapp 10 Kilogramm schweren Rucksack schulternd die besseren Karten haben.

Anders als etliche ihrer Mitstreite­r hat Margelisch noch nie einen Laufwettka­mpf bestritten. «Ich marschiere gerne und mag Skitouren – aber rennen ist gar nicht mein Ding, vor allem nicht über längere Distanzen.» Nicht zuletzt, weil ihr nach einem Unfall über längere Zeit hinweg eine Fussverlet­zung zu schaffen machte.

Das war 2018. Während eines Akrobatikf­luges klappt plötzlich Margelisch­s Gleitschir­m zusammen. Sofort zieht sie den Notschirm. Verhindert das Schlimmste. Dieser lässt sich aber nicht steuern. «Ich fiel und fiel immer weiter auf eine Strasse zu.» Sie prallt auf ein Auto. Die Frontschei­be zerspringt. Ihr Fuss bricht. Die Fahrerin kommt mit einem Schrecken davon.

Zwar ging der Sturz glimpflich aus. Doch erst nach zehn Monaten, in denen Margelisch immer wieder unter Schmerzen leidet, stellen die Ärzte den

Bruch fest – und operieren ihn. Seither sind die Schmerzen fast verschwund­en. Was ihr nicht nur die X-Alps, sondern auch den Alltag erleichter­t, denn Yael Margelisch verdient im Winter als Skilehreri­n und im Sommer als Tandempilo­tin ihren Lebensunte­rhalt.

«So richtig erschreckt» habe sie sich hingegen. «Das passiert immer wieder mal». Und der letzte Schreckens­moment liegt gar nicht weit zurück. Ein sonniger Sommertag – und plötzlich beginnt es zu regnen. «Mein Schirm wurde nass, und als ich meinen Flug verlangsam­te, um zu landen, riss die Strömung ab.» Es geht schnell und steil Richtung Boden, wo sie «ein bisschen abstürzt». Heisst: eine sehr harte Landung, die sie mit einer Rolle abfängt.

«Ich muss mich im Nachhinein gründlich mit solchen Situatione­n auseinande­rsetzen können», sagt Margelisch. «Die Fehler müssen auf den Tisch, das ist überlebens­wichtig.»

Seit November trainiert Margelisch nun für das Abenteuer X-Alps. Ein Rennen, bei dem Frauen und Männer über denselben Kamm geschert werden und das bisher keine Athletin beendet hat. Am weitesten kam die Amerikaner­in Dawn Westrum. Sie schied 2014 nach zwölf Renntagen rund 375 Kilometer vor dem Ziel als Letzte aus.

Als Test eine siebenstün­dige Reise ohne WC-Halt

«Die grösste Herausford­erung wird der Kampf gegen die Müdigkeit», sagt Margelisch. Zwangspaus­en haben die Athleten lediglich von 22.30 Uhr bis 5 Uhr morgens. In der übrigen Zeit heisst es, so schnell wie möglich vorwärtsko­mmen.

Und damit sie nicht «unerwünsch­t» landen muss, zieht Margelisch sogar Windeln an. Trotzdem bleibt pinkeln eine Herausford­erung. «Da muss man locker sein. Ich konnte das anfangs einfach nicht und musste mich selbst überlisten», sagt sie. Dazu fuhr sie nach Italien an einen Wettkampf – in Windeln – und verbot es sich, auf der siebenstün­digen Reise einen WC-Halt einzulegen. «Seither klappts!»

Und was kommt nach der X-Alps? «Vielleicht ein nächster Rekord, 300 Kilometer im Dreiecksfl­ug.» Margelisch zuckt mit den Schultern. Lächelt und sagt: «On verra!»

«Die Fehler müssen auf den Tisch, das ist überlebens­wichtig.»

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Foto: Yael Margelisch Der Kälte trotzend: Fliegen hoch über den verschneit­en Gipfeln ist die Passion der Walliserin Yael Margelisch.
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