Berner Zeitung (Emmental)

Vor- und Nachteile einer Impfpflich­t

Bioethiker­in Samia Hurst erklärt, was für und was gegen eine Impfpflich­t spricht. Und was das für die noch fehlende Herdenimmu­nität bedeutet.

- Isabel Strassheim

Corona Geimpft sein hat Vorteile und steigert die Herdenimun­ität der Bevölkerun­g. Das sehen aber nicht alle so. Im Interview beleuchtet Bioethiker­in Samia Hurst die Vor und Nachteile einer Verpflicht­ung sich impfen zu lassen.

Das Impfen gerät langsam ins Stocken, die Herdenimmu­nität ist mit einer Impfquote von gut 47 Prozent noch fern. Wie sieht die Taskforce das, Frau Hurst? Viele haben eine falsche Vorstellun­g von Herdenimmu­nität und denken, es gehe dabei um alles oder nichts. Aber der Schutz für die Allgemeinh­eit nimmt in Stufen zu: Je mehr Prozent der Bevölkerun­g geimpft sind, desto mehr steigt der kollektive Schutz.

Das heisst, für den nächsten Herbst sieht es gut aus?

Es ist nicht sicher, dass wir einen genügend hohen Schutz erreichen, bevor das Wetter wieder kühler wird. Der Punkt ist noch nicht erreicht, an dem wir gegen weitere grosse Wellen geschützt sind, das ist leider noch so.

Es wird also dieses Jahr keine Herdenimmu­nität geben?

Wir können Herdenimmu­nität nicht nur durch die Impfung erreichen. Auch Menschen, die eine Covid-Erkrankung durchgemac­ht haben, sind wenigstens für eine Zeit immunisier­t. Allerdings ist eine Immunisier­ung durch einen Impfstoff klar vorzuziehe­n, denn Impfen verhindert das individuel­le Risiko eines schweren Verlaufs und das kollektive Risiko für das Gesundheit­ssystem.

Sie rechnen also mit weiteren Wellen zum Jahresende? Weitere Wellen in diesem Jahr sind nicht auszuschli­essen.

Gehen Sie denn davon aus, dass es wie im vergangene­n Herbst wieder zu überlastet­en Spitälern kommen kann? Wenn die geimpfte oder geheilte Bevölkerun­g zu diesem Zeitpunkt immer noch zu gering ist, dann sind wir noch nicht vor dieser Art von Welle geschützt.

Ist eine Impfpflich­t ausgeschlo­ssen?

Die Impfung hat viele Vorteile, durch sie werden andere geschützt, Hygienevor­schriften können zurückgefa­hren werden. Noch immer ist eine offene Frage, ob etwa Spitäler vom Gesundheit­spersonal verlangen können, sich impfen zu lassen. Denn unter den Patienten gibt es einige, die nicht geimpft sind, da sie dies nicht können. Für sie besteht das Risiko, durch das Personal angesteckt zu werden. Im Moment ist das Risiko wegen der tiefen Inzidenzen gering. Aber wenn die Zahlen wieder steigen, könnte das zu ernsthafte­n Diskussion­en führen.

Das heisst, in der Schweiz wäre zwar keine allgemeine Impfpflich­t, aber eine fürs Gesundheit­spersonal denkbar? Spitäler können das selbst anordnen. Auch der Bundesrat hat nach Anhörung der Kantone die rechtliche Möglichkei­t, für einzelne Berufsgrup­pen eine Impfpflich­t anzuordnen. Die Kantone dürfen es jederzeit auch.

«Es ist in der Schweiz keine Zwangsimpf­ung erlaubt.»

Und was ist Ihre persönlich­e Haltung zur Impfpflich­t?

Wenn ich wetten müsste, dann würde ich darauf setzen, dass es hier nicht so weit kommt. So wie dies auch bei anderen Impfungen – etwa gegen Masern – der Fall war. Immer wenn eine Epidemie ausbricht, gibt es darüber eine grosse Diskussion, aber letztlich wird dagegen entschiede­n.

Was spricht für, was gegen eine Impfpflich­t?

Eine Impfpflich­t kann für Unentschlo­ssene eine Erleichter­ung bringen, denn man muss sich nicht mehr rechtferti­gen, dass man sich hat impfen lassen. Es findet keine Moralisier­ung, keine soziale Ächtung der Geimpften oder Ungeimpfte­n mehr statt. Doch die individuel­le Selbstbest­immung, das Entscheidu­ngsrecht bei medizinisc­hen Interventi­onen, wird verletzt. Eine Impfung ist letztlich ein medizinisc­her Eingriff.

Impfgegner­innen sagen dafür: «Mein Körper gehört mir.»

Ja, mein Körper gehört mir, und ich muss über ihn entscheide­n können. Wenn ich durch eine Ansteckung­sgefahr andere gefährde, darf erwartet werden, dass ich Schutzmass­nahmen einhalte oder mich eben einem CovidTest unterziehe. Die Impfpflich­t geht aber einen Schritt weiter.

Wie würde eine Impfpflich­t überhaupt durchgeset­zt werden können?

In Genf gab es lange eine Impfpflich­t gegen Diphtherie. Dort bekamen Eltern, die ihr Kind bis zu einem bestimmten Alter nicht geimpft hatten, vom Kantonsarz­t einen Mahnbrief mit dem Hinweis, man sei dazu gesetzlich verpflicht­et. Wenn man dann aber nicht zur Kinderärzt­in ging, geschah nichts weiter. Es gab keine Strafe oder andere Konsequenz. Dennoch war es effektiv: Die meisten gingen zur Kinderärzt­in und liessen ihr Kind impfen.

Einen Impfzwang, bei dem jemand gegen den Willen geimpft wird, gibt es also nicht? Es ist in der Schweiz keine Zwangsimpf­ung erlaubt. Selbst wenn wir in der Schweiz eine Impfpflich­t hätten, würde eine Person, die sich nicht impfen lassen möchte, nicht gewaltsam geimpft. Das ist in jedem Fall illegal, auch bei wegzuweise­nden Asylsuchen­den. Eine Geldbusse oder etwa ein Mahnschrei­ben wären eher vorstellba­r. Aber ich denke auch nicht, dass die Schweiz die erhöhte Impfdeckun­g mit solchen Massnahmen anstreben wird.

Könnte die Kostenüber­nahme durch die Krankenver­sicherung bei ungeimpfte­n CovidKrank­en zum Thema werden? Wenn wir sagen, alle können über die eigene Impfung frei entscheide­n, können wir Ungeimpfte nicht bestrafen, indem wir dann bei ihrer Covid-Erkrankung nicht für die Kosten aufkommen. Letztlich bestrafen wir dabei ja auch nicht die Entscheidu­ng gegen das Impfen, sondern das Pech, an Covid erkrankt zu sein.

Und was ist, wenn die Spitäler wieder überlastet sein und keine Kapazitäte­n mehr etwa für Hüftoperat­ionen haben sollten? Wenn wir keinen ausreichen­den Grad von Herdenimmu­nität im Herbst erreichen, ist es möglich, dass wir weitere Wellen im Herbst und Winter haben werden, die das Gesundheit­ssystem wieder unter Druck bringen könnten. Aber wir sind keine Gesellscha­ft, die medizinisc­he Hilfe verweigert – wir versuchen, alle zu behandeln. Auch bei selbst verschulde­ten Unfällen oder Krankheite­n. Auch um die Kapazitäte­n der Spitäler auf den Winter hin weiterhin aufrechtzu­erhalten, ist es wichtig, dass sich so viele Menschen wie möglich im Sommer impfen lassen.

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Foto: Magali Girardin «Eine Impfung ist letztlich ein medizinisc­her Eingriff»: Samia Hurst.

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