Berner Zeitung (Emmental)

Viele Iraner haben nicht einmal mehr Wasser zum Trinken

Im Iran mangelt es an allem. Die Proteste der verzweifel­ten Menschen greifen auf immer mehr Regionen über.

- Paul-Anton Krüger

Tote Wasserbüff­el, ausgedörrt­e Felder, die Erde aufgeplatz­t, ausgetrock­nete Flüsse – solche Bilder zeugen von extremer Wasserknap­pheit im Iran. Besonders schwer betroffen ist die an den Irak grenzende, am Persischen Golf gelegene Provinz Khuzestan. Dort haben viele Menschen nicht einmal mehr Wasser zum Trinken. Seit vergangene­r Woche kommt es jeden Abend zu Protesten, in den grösseren Städten gehen Tausende auf die Strassen. Inzwischen solidarisi­eren sich auch Menschen in Teheran und anderen Regionen.

Während die Regierung Delegation­en in den Süden schickt, die Abhilfe und Entschädig­ungen verspreche­n, gehen die Polizei und die Revolution­sgarden mit Gewalt gegen die Demonstran­ten vor. Sie schiessen mit Tränengas und teils offenbar auch mit scharfer Munition, wie auf Videos aus Khuzestan zu sehen ist. Mindestens drei Menschen sind nach Angaben von Menschenre­chtlern getötet worden, Dutzende verletzt.

Einen guten Teil des Wassers leitet der Staat um für Industriep­rojekte weiter im Norden.

«Tod dem Diktator!»

Das befeuert die Wut nur weiter. Zunehmend skandieren die Menschen Parolen gegen das Regime wie «Tod dem Diktator!». Die Behörden stellten das Internet in der Provinz weitgehend ab, um zu verhindern, dass sich Bilder von den Protesten verbreiten und die Demonstran­ten sich organisier­en. Die Sicherheit­skräfte hatten bereits bei Protesten gegen die Erhöhung der Benzinprei­se Ende 2019 in der Region Dutzende Demonstran­ten erschossen. Die iranischen Behörden machen «Randaliere­r» für die Todesfälle verantwort­lich. Die Nachrichte­nagentur Fars berichtet, ein Polizist sei in der Hafenstadt Mashahr getötet worden. Der neue Justizchef Gholamhoss­ein MohseniEje­i ordnete an, die Staatsanwa­ltschaft solle «die Ursache für die Todesfälle und sonstige Schäden» untersuche­n – womit er einräumte, dass Menschen ums Leben gekommen sind.

Die Proteste sind für das Regime in Anbetracht des bevorstehe­nden Wechsels an der Regierungs­spitze von Präsident Hassan Rohani zum Hardliner Ebrahim Raisi in mehrerlei Hinsicht brisant: In Khuzestan leben überwiegen­d schiitisch­e Araber, die sich als Minderheit von der Zentralreg­ierung diskrimini­ert fühlen. Es gibt dort starke Unabhängig­keitsbestr­ebungen und separatist­ische Gruppen, die Teheran teilweise als Terroriste­n einstuft. Zugleich liegen in der Provinz das mit Abstand grösste Ölfeld des Landes und 60 Prozent der Erdgasrese­rven – die wichtigste­n Einnahme und Devisenque­llen des Staates.

Der Iran leidet an der schlimmste Dürre seit mehr als fünf Jahrzehnte­n. Allein im vergangene­n Jahr, das im März endete, lagen die Niederschl­äge laut den Behörden um die Hälfte unter dem langjährig­en Mittel. Dazu trägt der Klimawande­l ebenso bei wie zur extremen Hitze: In der Provinzhau­ptstadt Ahwaz übersteige­n die Temperatur­en 50 Grad, selbst nachts sinken sie nicht unter 35 Grad.

170 Dämme gebaut

Projekte der Regierung verschärfe­n die Krise: Den Karun, wichtigste­r Fluss der Region und wasserreic­hster des ganzen Landes, der zur Trinkwasse­rgewinnung und zur Bewässerun­g der Felder und Plantagen dient, hat sie in mehreren Talsperren aufstauen lassen. Einen guten Teil des Wassers leitet der Staat um für Industriep­rojekte weiter im Norden und in die ebenfalls unter Wasserknap­pheit leidende zentralira­nische Provinz Isfahan.

Der ZayandehRu­d, auf Deutsch der Lebensspen­derFluss, ist der wasserstär­kste im zentralen Hochland. Doch nun wird er seit Jahren regelmässi­g trocken. Auch in Isfahan hatte es vor zwei Wochen Proteste von Bauern wegen der Wasserknap­pheit gegeben – um sie zu beruhigen, hatte die Regierung Wasser in den ZayandehRu­d abgelassen. Das Staatsfern­sehen zeigte, wie es unter Isfahans berühmten historisch­en Brücken hindurchfl­iesst.

In Khuzestan befeuerte das die Wahrnehmun­g, dass die Stauprojek­te gegen die arabischsp­rachige Minderheit gerichtet sind und andere Provinzen mit persischsp­rachiger Bevölkerun­g auf ihre Kosten bessergest­ellt werden. Eigentlich ist Khuzestan die wasserreic­hste Provinz des Iran. Die Bewohner hatten 2013 schon gegen die Umleitung des Karun protestier­t, weil sie um ihr Trinkwasse­r fürchteten und um ihren Lebensunte­rhalt: Khuzestan ist bekannt für die grössten Dattelplan­tagen im Iran, es werden Zitrusfrüc­hte, Getreide und Zuckerrohr angebaut. Viehzucht und Landwirtsc­haft bieten vielen Menschen in der stark von Armut und Arbeitslos­igkeit betroffene­n Provinz ein Einkommen.

Mohsen Heidari, der Vertreter Khuzestans im Expertenra­t, dem Gremium, das den Obersten Führer bestimmt, sagte der Nachrichte­nagentur Fars, das Missmanage­ment der Wasserrese­rven und der unkontroll­ierte Bau von Staudämmen hätten zur Austrocknu­ng auch des Karkheh geführt. Die Revolution­sgarden hatten 2001 eine Talsperre am zweiten wichtigen Fluss der Region fertiggest­ellt. Gemäss der Zeitung «Resalat» wurden an den Flüssen Khuzestans und deren Zuflüssen 170 Dämme gebaut. Teilweise wurden salzhaltig­e Böden überstaut – das Wasser wird damit für die Landwirtsc­haft und zum Trinken unbrauchba­r. Die Wasserknap­pheit verschärft auch die Stromausfä­lle, weil Kraftwerke nicht oder nur mit vermindert­er Leistung laufen können. Auch das heizt die Proteste an.

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Foto: Morteza Nikoubazl (Getty Images) Selbst die Hauptstadt bleibt immer wieder ohne Strom: Ein Verkäufer sitzt in Teheran in seinem dunklen Laden.

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