Berner Zeitung (Emmental)

Der Zorn der Impfgegner wächst

Öffentlich reisen nur mit Green Pass: Die Mehrheit ist dafür, die Minderheit immer lauter.

- Oliver Meiler,

Der italienisc­he Alltag erfährt zum Ende der Sommerferi­en eine markante Neuerung – zum Missfallen einer kleinen, aber immer lauteren, aggressive­ren und zuweilen handgreifl­ichen Minderheit von Impfgegner­n im Land. Ab dem 1. September ist das überregion­ale Reisen mit öffentlich­en Verkehrsmi­tteln jenen vorbehalte­n, die einen gültigen Green Pass vorweisen können, wie die Italiener das Covid-Zertifikat nennen.

Die Pflicht gilt für Intercitys, Nachtzüge und Schnellzüg­e von Trenitalia und Italo, für nationale und internatio­nale Flüge und für Fahrten in Langstreck­enbussen. Ausgenomme­n sind Regionalun­d Pendlerzüg­e. Bei den Fähren steht nur die Verbindung über die Meerenge von Messina nicht auf der Pflichtlis­te – sie läuft unter der Kategorie Nahverkehr.

Wer nun also eine längere Zugreise vorhat, muss in der Regel vor dem Betreten des Perrons den Green Pass zeigen, der einen als geimpft, genesen oder frisch getestet ausweist. Schafft es jemand auch ohne entspreche­nden Ausweis in den Zug, wird er nach der Kontrolle in einen Sonderwage­n gebracht und muss bei der nächsten Haltestell­e aussteigen. Vorgesehen sind auch Geldstrafe­n. Die Maskenpfli­cht bleibt, jedem Fahrgast wird geraten, die Maske alle vier Stunden auszuwechs­eln.

Die Massnahmen sollen den Geimpften einen Hauch Normalität bescheren.

70 Prozent der Italiener sind immunisier­t

In den kommenden Tagen und Wochen, je nach Region, nimmt auch der Präsenzunt­erricht an den Schulen wieder den Betrieb auf: Er war in Italien länger ausgesetzt als in den meisten anderen europäisch­en Ländern.

Die Regierung hat beschlosse­n, dass das gesamte Schulperso­nal – also auch Hausmeiste­r und Büroangest­ellte – einen Green Pass haben muss. Auf eine allgemeine Impfpflich­t für Lehrer hat man bisher nach langer Debatte verzichtet. Doch wer sich nicht impfen lassen will, muss die Tests selbst bezahlen, alle zwei Tage.

Die Massnahmen, die den Geimpften einen Hauch Normalität und einige alte Annehmlich­keiten bescheren sollen, werden von einer klaren Mehrheit der Bevölkerun­g begrüsst – und das verwundert natürlich nicht: Mittlerwei­le sind 70 Prozent der Italieneri­nnen und Italiener über 12 Jahre (oder knapp 38 Millionen) doppelt gegen Corona geimpft. Die Einführung des Green Pass hat die Impfbereit­schaft unter den Jungen stark gefördert. Bei den Älteren ist der Drang zuletzt etwas erlahmt: Drei Millionen Ü-50 sind noch ungeimpft.

Die Experten nehmen an, dass viele Ferienrück­kehrer jetzt Impftermin­e reserviere­n. Bis

Ende September werde die Immunitäts­quote dann bei 80 Prozent liegen, sagt der Sonderkomm­issar für die Impfkampag­ne, General Francesco Figliuolo. Für viele ist Figliuolo, der meistens in Unform auftritt, ein nationaler Held. Für das Volk der «No Vax», «No Mask» und «No Pass» ist er der Teufel.

Der Zorn der bunten Bewegung von Impfgegner­n hat sich in den vergangene­n Tagen immer öfter auch gegen einzelne Ärzte, Politiker und Virologen gerichtet, die sich fürs Impfen starkgemac­ht hatten. Der berühmte Infektiolo­ge Matteo Bassetti zum Beispiel hat schon siebzig Personen angezeigt, weil sie ihm mit dem Tod gedroht hatten. Ein Mann verfolgte ihn neulich bis zu seiner Haustür in Genua und brüllte immer wieder: «Impf dich doch selbst, du Scheisse. Ich bringe dich um.»

In Rom ist ein Videojourn­alist der Zeitung «La Repubblica» von einem Teilnehmer eines Protests gegen den Green Pass an den Schulen mit fünf Faustschlä­gen verletzt worden. Seine Kamera lief, als der 57-jährige Schulanges­tellte zuschlug. Davor hatte der Mann gedroht, dem Journalist­en die Kehle zu durchschne­iden. Die Bilder liefen auf allen Kanälen.

Sie wollen 54 Bahnhöfe lahmlegen

Das Innenminis­terium ist einigermas­sen besorgt über die jüngste Gewalteska­lation und zeigt sich bereit, im Notfall entschloss­en durchzugre­ifen. Und zwar sofort. Auf Telegram, einem Nachrichte­ndienst, hat die Bewegung für den 1. September zu einer Grossaktio­n aufgerufen: 54 Bahnhöfe wollen die Gegner des Grünen Passes lahmlegen, um ein Zeichen zu setzen. Wahrschein­lich wird das Polizeiauf­gebot dann aber so gross sein wie der Aufmarsch der «No Vax». Die mutwillige Behinderun­g eines öffentlich­en Dienstes ist nämlich eine Straftat, Impfbefind­lichkeit hin oder her.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland