Berner Zeitung (Emmental)

Ein Mythos macht Fussballer zu Impfskepti­kern

Eine erfundene Geschichte über den kollabiert­en Dänen verunsiche­rt Fussballpr­ofis.

- Florian Raz

Granit Xhaka Der Captain des Nationalte­ams lässt sich nicht gegen Corona impfen, nun verpasst er nach positivem Test zwei Spiele der WM-Qualifikat­ion. Einmal mehr demonstrie­rt Xhaka damit seinen Sonderstat­us: Gemäss Verband ist er als einziger Schweizer weder geimpft noch genesen. Eine Ausnahme unter Profis ist er dennoch nicht. So grassiert seit dem Herzstills­tand von Christian Eriksen an der EM der Mythos, der Däne habe zuvor eine Corona-Impfung erhalten. Und beim Schweizer ChallengeL­eague-Club Lausanne-Ouchy verweigert­en die Spieler nach dem Herzstills­tand eines Kollegen die Impfung. Nun sind sie in Quarantäne.

Granit Xhaka lässt sich nicht gegen Corona impfen und fehlt der Schweiz im wichtigste­n Spiel ihrer WM-Qualifikat­ionsgruppe gegen Italien. Und die Frage steht im Raum: Wie kann es sein, dass sich ein Spitzenspo­rtler nicht gegen eine Krankheit schützt, wo doch der Körper sein wichtigste­s Kapital ist? Xhaka hat seine Antwort darauf noch nicht gegeben.

Die einfachste Erklärung lautet: Fussballer sind Menschen. Es wäre überrasche­nd, wenn unter ihnen weniger Impfunlust verbreitet wäre als in jeder anderen Gesellscha­ftsschicht.

Es gibt aber durchaus einen Fussball-spezifisch­en Grund, warum Profis sich nicht impfen lassen wollen. Das hat mit den dramatisch­en Bildern zu tun, die am 12. Juni dieses Jahres um die Welt gehen. Christian Eriksen bricht während der EM-Partie zwischen Dänemark und Finnland auf dem Rasen zusammen. Die Kameras zeigen seine Reanimatio­n und die emotionale Reaktion seiner Partnerin.

Die meisten Zuschaueri­nnen sind schlicht verstört, weil sie live dabei zuschauen, wie ein Mensch um sein Leben kämpft. Bei vielen Fussballer­n aber kommt sofort die Frage auf: Wie kann es sein, dass ein Profi wie Eriksen einen Herzstills­tand erleidet? Und gleich darauf: Könnte ich das sein, der da auf dem Rasen liegt?

Eine erfundene Meldung und ihre Folgen

Es geht nicht lange, bis im Internet die ersten Mutmassung­en kursieren. Eine davon: Eriksen habe kurz vor seinem Zusammenbr­uch bei seinem Club Inter Mailand eine Corona-Impfung erhalten. Tausende von Meldungen auf Instagram und Twitter verbreiten ein entspreche­ndes Interview mit dem Chefarzt von Inter und stellen sofort eine Verbindung zum Herzstills­tand her.

Das Problem dabei: Dieses Interview existiert nicht. Die Zitate sind schlicht erfunden. Und eigentlich fällt die Geschichte sehr schnell in sich zusammen. Der Teamarzt erklärt, Eriksen habe keine Impfung erhalten. Der betroffene Radiosende­r stellt klar, das angebliche Interview habe nie stattgefun­den.

Bloss nützt das nur bedingt etwas. Die Story ist in der Welt. Und sie verschwind­et von dort nicht mehr so schnell. Vor allem nicht in den Kreisen, die sich vom Drama um Eriksen direkt betroffen fühlen: bei den profession­ellen Fussballer­n.

Das ist mit ein Grund, warum es auch in der teuersten Liga der Welt, der Premier League, noch immer überrasche­nd viele Spieler gibt, die sich nicht haben impfen lassen. Also dort, wo auch Granit Xhaka seinen Lohn verdient. Ex-Spieler Danny Murphy stellte letzte Woche in einer Kolumne fest: «Man bekommt das Gefühl, die Mehrheit der Spieler ist entweder in die Ecke der Verschwöru­ngstheoret­iker geraten. Oder sie fühlen sich in ihrem Alter schlicht unverwundb­ar.»

Die englischen Clubs und die englische Liga sind dabei bislang überrasche­nd zurückhalt­end. Bei einer Umfrage der «Times on Sunday» mochten viele Clubs gar nicht erst angeben, wie viele ihrer Spieler geimpft sind. Bei Manchester United und Newcastle gaben die Trainer Ole Gunnar Solskjaer und Steve Bruce offen zu, dass es in ihren Teams viele Impfskepti­ker gibt.

Das könnte ab Oktober zu einer grotesken Situation führen: Ab dann will die britische Regierung nämlich nur noch Zuschauer in Stadien lassen, die entweder geimpft oder genesen sind. Und gleichzeit­ig würden unten auf dem Rasen die ungeimpfte­n Spieler antreten.

Granits Bruder Taulant ist geimpft

Auch in der Schweiz gibt es viele Fussballer, die sich nicht impfen lassen wollen. Interessan­terweise nicht dazu gehört Taulant Xhaka, der Bruder von Granit. Er ist laut seinem Club FC Basel geimpft.

Aber in der Challenge League wurden bereits Spiele wegen Covid-Ansteckung­en verschoben. Wobei ein Club herausstic­ht: Stade Lausanne-Ouchy. Dort erleidet Michaël Perrier im Mai während eines Kart-Plauschs mit seinen Teamkolleg­en einen Herzstills­tand und liegt drei Tage im Koma. Er ist zuvor von Corona genesen und hat sich danach noch eine Spritze setzen lassen.

Perrier sagt danach gegenüber Blick.ch: «Man muss wissen, dass die Risiken einer Impfung minimal sind und mein Fall aussergewö­hnlich ist. Man muss keine Angst haben. Die Impfung ist der einzige Weg aus der Krise.»

Bei den Spielern von Ouchy kommt die Botschaft nicht an. Sie verweigern die Impfung. Am 25. August muss ein grosser Teil des Teams und der Betreuer für eine Woche in Quarantäne.

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Foto: Keystone Schockmome­nt: Christian Eriksen wird auf dem Platz reanimiert.

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