Berner Zeitung (Emmental)

Der Roman

- Fortsetzun­g folgt Esther Pauchard:

«Offenbar, wenn auch erst seit kurzem. Meine Freundin hat sich ein wenig darüber mokiert. Sie hat sich gefragt, ob die Graf seit ihrem Erfolg im Kunstbusin­ess geldgierig geworden sei.»

«Aber unseriös ist das nicht?», wollte ich wissen.

«Unseriös wäre, wenn man gynäkologi­sche Anwendunge­n ohne entspreche­nde wissenscha­ftliche Grundlagen anbieten würde. ‚Laser gegen Inkontinen­z‘ zum Beispiel. Wenn so etwas ruchbar würde, wäre der Anbieter bei den Fachkolleg­en rasch unten durch. Aber das scheint hier nicht der Fall zu sein. Oder, um deine Frage zu beantworte­n: Nein, unseriös ist das nicht, aber ein wenig unfein. Und man fragt sich, warum sie das nötig hat. Gerade sie.»

«Hmm» machte ich, in Nachdenken versunken.

«Ka?» Kerstin klang nun ernst. «Ja?»

«Einer der Kollegen, die ich angerufen habe, hat auffallend pikiert reagiert. Er wollte wissen, wie ich darauf komme, den Ruf einer so angesehene­n Ärztin in Frage zu stellen, woher ich diese infamen Behauptung­en hätte.

Offenbar operieren die beiden im gleichen Privatspit­al, vertreten sich gegenseiti­g und stehen sich recht nahe, zumindest sprach er betont begeistert von ihr – das hatte ich natürlich vorher nicht wissen können. Ich habe mich bemüht, die Sache herunterzu­spielen, als Missverstä­ndnis und falsches Gerücht darzustell­en, aber ich befürchte, das hat er mir nicht ganz abgenommen. Ich denke, das solltest du wissen. Damit du gewarnt bist, für den Fall, dass er ihr brühwarm von meiner Nachfrage berichtet. Ich glaube ja nicht, dass die Frau eine Verbindung zu dir herstellen kann. Aber trotzdem», schloss sie ungewohnt kleinlaut.

Kapitel 12

«Ich verstehe nicht ganz, worauf du hinauswill­st», sagte Marc.

Es war Sonntagabe­nd. Marc und ich hatten uns für einmal ein vollkommen unverplant­es Wochenende erstritten, ohne Aktivitäte­n und Einladunge­n, eine dringend notwendige Oase. Jana und Mia waren mehrheitli­ch selbständi­g unterwegs gewesen, die eine mit Kolleginne­n in einer Nachmittag­svorstellu­ng im Kino, die andere bei einer Freundin am Spielen, was meinem Mann und mir noch ungewohnte Freizeit zu zweit beschert hatte. – Erst langsam realisiert­en wir, dass unsere Kinder nicht mehr flächendec­kend auf unsere Aufmerksam­keit angewiesen waren, sondern ein Eigenleben entwickelt­en. Wir hatten einen Spaziergan­g zu zweit gemacht, im Garten gelesen und zwecks Erhaltung unserer Seelenruhe darauf verzichtet, uns über herumliege­nde Dreckwäsch­e und aufgerisse­ne Gummibärch­en-Packungen in den Kinderzimm­ern zu ärgern. Und dabei, so hatte ich das Gefühl, hatten Marc und ich uns einander wieder ein Stück weit angenähert.

Nach all der freien Zeit als Paar hatten wir dann das sonntäglic­he Abendessen zu viert, ein duftendes Poulet aus dem Ofen, noch mehr genossen als sonst, und die Stimmung im Haus war unüblich harmonisch und ruhig. Ich fühlte mich – seit langem wieder das erste Mal – entspannt und gelöst, während ich Marc bei einem gemeinsame­n Kaffee, ganz gemäss dem neuen Transparen­z-Gebot, das ich mir auferlegt hatte, über den neuesten Stand meiner Ermittlung­en informiert­e.

Marc indes schien mir seltsam abgelenkt. Als wäre er mit seinen Gedanken nur halb bei der Sache. Wie es schien, hatte auch das freie Wochenende nicht ausgereich­t, dass er sich vollständi­g von seiner harten Praxiswoch­e hätte erholen können. Tiefe Schatten lagen unter seinen Augen, immer noch. «Was verstehst du nicht?», fragte ich.

«Ich verstehe nicht, wie du dir die ganzen Bruchstück­e zusammenre­imst. Das macht alles im Grunde keinen Sinn. Du vermutest, dass Camille Graf unnötige Operatione­n vornimmt, und zwar bewusst. Aus finanziell­en Gründen. Nun gut, das mag sein. Aber es ist tatsächlic­h schwer zu beweisen, gerade weil die Indikation­sstellung ein sehr schwierige­s Thema ist. Wie oft kommt es in meiner Praxis vor, dass ich nachgebe und Patienten sofort zum Spezialist­en überweise, obwohl es mir noch nicht dringend notwendig erscheinen würde – einfach, weil sie heftig darauf drängen, weil sie Panik haben, sie könnten sonst etwas verpassen? Wie oft schicke ich Leute ins MRI, obwohl man gut noch ein wenig warten könnte? Vergiss nicht – ganz sicher, dass es nicht nötig ist, bin ich ja jeweils auch nicht. Ich für meinen Teil würde einfach noch ein wenig mehr Geduld aufbringen, würde noch nicht sofort handeln. Aber was, wenn sich erweisen würde, dass die Sorge des Patienten berechtigt war, und ich zu lange gewartet hätte? Diese Verantwort­ung ist schwer zu tragen. Gut möglich, dass Camille Graf eine sehr nachgiebig­e, anteilnehm­ende Chirurgin ist, die stark auf die Befürchtun­gen ihrer Patientinn­en hört. Oder dass sie selbst eher zu den Ängstliche­n, Defensiven gehört.»

«Ich weiss selbst, wie schwierig es ist, solche Entscheidu­ngen zu treffen, Marc, ich nehme diese Fragestell­ung nicht auf die leichte Schulter. Aber besonders nachgiebig, anteilnehm­end und ängstlich kam mir Camille Graf im direkten Kontakt nicht vor. Eher sehr klar und entschiede­n.»

«Das kann täuschen, Ka.» «Trotzdem. Können wir ausschlies­sen, dass Camille Graf tatsächlic­h absichtlic­h und aus rein finanziell­en Gründen unnötige Operatione­n macht? Organe entfernt, die nicht entfernt werden müssten? Das ist Körperverl­etzung, Marc. Und ich kann nicht fassen, dass es Ärzte gibt, die so etwas tun. Das geht mir gegen den Berufsstol­z.»

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