Berner Zeitung (Emmental)

22 Jahre danach: Spektakulä­re Wendung in Berner Mordfall

1999 überfielen vier Unbekannte eine Familie in Biel-mett und erschossen einen der Söhne. Dank einem Dna-treffer sitzt nun ein Verdächtig­er in Untersuchu­ngshaft.

- Hans Ulrich Schaad

Das Tötungsdel­ikt im Biel-mett vom Juni 1999 war lange ungeklärt. Noch im Juni 2019 machten die Ermittlung­sbehörden einen neuerliche­n Zeugenaufr­uf, weil sie die Täter bisher nicht dingfest machen konnten. Dabei verfolgten sie zu diesem Zeitpunkt bereits eine heisse Spur. Im Zusammenha­ng mit einem

Einbruchdi­ebstahl konnten sie Ende 2015 Dna-spuren sichern, die mit jenen am Tatort in Biel übereinsti­mmten. Der Mann sitzt mittlerwei­le seit acht Monaten in Untersuchu­ngshaft. Dank neuester Technik konnte der Kriminalte­chnische Dienst inzwischen eine weitere DNA-SPUR sichern, welche auf die Anwesenhei­t des Verdächtig­en beim Mord schliessen lässt.

Weil sich der Beschuldig­te gegen die Verlängeru­ng der Untersuchu­ngshaft wehrte, musste sich die Beschwerde­kammer des Berner Obergerich­ts mit dem Fall beschäftig­en. In ihrem Entscheid, die Haft zu verlängern, kommen neue Details zum Gewaltverb­rechen ans Tageslicht. Das Obergerich­t geht von einer skrupellos­en Tat aus. Vieles deute darauf hin, dass die Gruppe von Beginn an geplant hatte, die beiden Söhne hinzuricht­en. Der Mord stehe gemäss polizeilic­hen Ermittlung­en im Zusammenha­ng mit einem illegalen Waffenhand­el der Söhne mit Aktivisten der Befreiungs­armee für den Kosovo.

Die Staatsanwa­ltschaft will sich aus taktischen Gründen nicht zum Stand der Ermittlung­en äussern.

«Die Beteiligte­n hatten von Beginn weg gemeinsam den Entschluss gefasst, die beiden Söhne in Anwesenhei­t ihrer Familie hinzuricht­en.» Beschwerde­kammer des Obergerich­ts

Es sah nach einem letzten Strohhalm aus, die Täter doch noch zu finden. Im Juni 2019, genau 20 Jahre nach dem als UZI-MORD bekannt gewordenen Tötungsdel­ikt in Biel-mett, lancierten die Kantonspol­izei Bern und die regionale Staatsanwa­ltschaft Berner Jura-seeland einen neuen Zeugenaufr­uf.

Zwar wurden am Tatort Dnaspuren gesichert. Und in den langjährig­en und umfangreic­hen Ermittlung­en wurden über 200 Personen überprüft. Die Täterschaf­t habe aber «nicht dingfest gemacht werden» können, so ihr Fazit. Beim Tötungsdel­ikt vor gut 22 Jahren war ein 22-Jähriger von vier Unbekannte­n erschossen worden. Diese Zeitung beleuchtet­e im letzten Jahr den Fall in der Serie zu ungelösten Kriminalfä­llen.

Heisse Spur seit 2015

Doch schon zum Zeitpunkt des neuen Zeugenaufr­ufs verfolgte die Polizei eine ganz heisse Spur. Schon Ende 2015 wurde ein Mann im Zusammenha­ng mit einem Einbruch im Kanton Bern erkennungs­dienstlich erfasst, inklusive DNA. Diese stimmte mit den am Tatort in Biel-mett gesicherte­n Spuren überein. Dieselbe Spur führte zudem zu einer Freiheitsb­eraubung im April 1999 in Solothurn.

Die Staatsanwa­ltschaft Berner Jura-seeland eröffnete in der Folge ein Strafverfa­hren gegen den Mann wegen Mordes und liess ihn am 12. Januar 2021 festnehmen. Seither sitzt er wegen «dringenden Tatverdach­ts» in Untersuchu­ngshaft. Die Staatsanwa­ltschaft will sich heute aus taktischen Gründen nicht zum Stand des Verfahrens äussern und dazu, weshalb die Verhaftung nicht früher erfolgt ist. Sie sagt auch nichts zum Alter und zur Nationalit­ät.

Weil er sich gegen die Haftverlän­gerung bis Mitte Oktober 2021 vor Obergerich­t wehrte, musste sich die Beschwerde­kammer mit dem Fall beschäftig­en. Sie hat die Verlängeru­ng bestätigt, wie aus dem anonymisie­rten

Urteil vom 3. August hervorgeht, das dieser Zeitung exklusiv vorliegt. Dieses bringt neue Details zum UZI-MORD in Biel-mett ans Licht.

Begründung­en unglaubhaf­t

Das Obergerich­t geht davon aus, dass der Mann mit «erhebliche­r Wahrschein­lichkeit» beim Überfall dabei war. Die Begründung des Verdächtig­ten, wie seine DNA an den Tatort in Biel-mett gekommen sei, konnte schon das Zwangsmass­nahmengeri­cht als erste Instanz nicht überzeugen.

Es sei praktisch ausgeschlo­ssen, dass seine DNA von einer unbekannte­n Täterschaf­t «zweckentfr­emdet» worden sei, heisst es im Urteil. Die Spur tauchte auf der Haftseite eines Klebebande­s auf, das für die Fesselung und Knebelung im Mordfall verwendet worden war.

Neuste Technik, neue DNA

Der dringende Tatverdach­t hat sich während der Untersuchu­ngshaft zudem noch erhärtet. Denn dem Kriminalte­chnischen Dienst der Kantonspol­izei ist es laut Entscheid mittels neuester Technik gelungen, auf einem Kleidungss­tück der Mutter des Mordopfers eine weitere DNA-SPUR sicherzust­ellen, die dem Verdächtig­en zugeordnet werden kann. Trotz dieses neuen Dna-treffers streitet der Mann ab, mit dem Mord etwas zu tun gehabt zu haben.

Im aktuellen Verfahren vor Obergerich­t ging es auch um die Frage, ob die Tat von Biel-mett nach mittlerwei­le 22 Jahren nicht bereits verjährt ist. Strafrecht­lich verfolgt werden dürfen nur noch Delikte, welche eine lebensläng­liche Strafe vorsehen: nur noch der Mord. Alle anderen wie Raub, Geiselnahm­e, Körperverl­etzung und Gefährdung des Lebens sind inzwischen verjährt. Weil gegen ihn schon ab 2015 im Zusammenha­ng mit dem Tötungsdel­ikt ermittelt worden ist, wurde die Verjährung­sfrist unterbroch­en, die 1999 noch bei 20 Jahren lag.

Der Verteidige­r argumentie­rte, aus der alleinigen Anwesenhei­t seines Mandanten am Tatort dürfe nicht geschlosse­n werden, dass er später auch wegen Mordes verurteilt werde. Das sei Bedingung, dass er überhaupt in

Untersuchu­ngshaft bleiben müsse. Aber es würden keine echten Beweise vorliegen, die den Beschuldig­ten diesbezügl­ich belasteten.

Opfer wurde hingericht­et

Diesen Einwand lässt das Obergerich­t nicht gelten. Es geht von einem Mord aus. Das Motiv liegt laut polizeilic­hen Ermittlung­en in einem illegalen Waffenhand­el mit der Befreiungs­armee für den Kosovo (UCK), in welchen das Opfer und sein Bruder involviert waren. Weil die Ermittlung­en andauern, will die Staatsanwa­ltschaft auch dazu keine näheren Angaben machen.

Aufgrund der Akten geht das Obergerich­t nicht davon aus, dass die Tötung des 22-Jährigen nur auf einen Exzess eines Mittäters im Rahmen des Raubes zu

 ?? Foto: Simone Lippuner ?? Tatort Lindenhofs­trasse in Biel-mett: Wo das Haus der Familie stand, steht nun eine braune Holzbarack­e.
Foto: Simone Lippuner Tatort Lindenhofs­trasse in Biel-mett: Wo das Haus der Familie stand, steht nun eine braune Holzbarack­e.
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Die Polizei sucht weiter nach Hinweisen zur Maschinenp­istole und zum entwendete­n Goldschmuc­k.
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