Ei­ne Ent­de­ckung im Klee-Zen­trum

Berner Zeitung (Stadt) - - Vorderseite -

Sie ha­ben noch nie von Etel Ad­nan ge­hört? Da ste­hen Sie nicht al­lein da: Erst 2012 er­leb­te die 93-jäh­ri­ge li­ba­ne­si­sche Künst­le­rin ih­ren Durch­bruch. Nun ist ih­re Farb­flä­chen­ma­le­rei im Zen­trum Paul Klee aus­ge­stellt – im Haus­mu­se­um von Ad­nans Lieb­lings­künst­ler.

Sie hält die Vio­li­ne wie ein Cel­lo – vor sich statt über der Schul­ter. Sie hält sie oben mit der lin­ken Hand fest, stützt das In­stru­ment mit den Füs­sen. Gaelynn Lea ist klein – die Gei­ge ver­deckt fast ih­ren gan­zen Kör­per. Die ame­ri­ka­ni­sche Mu­si­ke­rin lei­det an Os­teo­ge­ne­sis im­per­fec­ta, auch Glas­kno­chen­krank­heit ge­nannt, und ist auf den elek­tri­schen Roll­stuhl an­ge­wie­sen. Oft er­lei­den Men­schen mit Glas­kno­chen zwi­schen zwei- und drei­hun­dert Kno­chen­brü­che, be­vor sie das

18. Le­bens­jahr er­rei­chen. Gaelynn Lea hat­te ver­hält­nis­mäs­sig Glück: Bis­her hat­te sie «nur» sech­zehn Brü­che, in den letz­ten fünf Jah­ren kei­nen ein­zi­gen. Seit die Po­li­tik­wis­sen­schaf­te­rin und klas­sisch aus­ge­bil­de­te Vio­li­nis­tin vor zwei Jah­ren in Ame­ri­ka den Mu­sik­wett­be­werb Ti­ny Desk Con­test ge­wann, ist sie ein Star. Sie hat meh­re­re Al­ben ver­öf­fent­licht und gibt welt­weit Kon­zer­te.

Weil Gaelynn Lea die Gei­ge an­ders spielt, klingt sie auch an­ders. Rau und sanft zu­gleich, wa­bernd in­ten­siv ist die­ser Klang. Er­in­nert eher an schot­ti­sches Hoch­land als an ei­nen klas­si­schen Kon­zert­saal. Ihr Re­per­toire reicht von geist­li­cher Mu­sik über Folk und kel­ti­sche Mu­sik bis Pop. Auch wenn sie

Bis­her hat­te Gaelynn Lea «nur» sech­zehn Brü­che.

singt, tönt das an­ders, weil ihr Re­so­nanz­kör­per ein­zig­ar­tig ist: Die Stim­me klingt hoch, ein­dring­lich, zer­brech­lich mäd­chen­haft. Gleich­zei­tig dringt die Le­bens­er­fah­rung ei­ner er­wach­se­nen Frau durch. Und ein biss­chen Trotz auch. Gaelynn Lea be­nutzt ein Lo­op­ge­rät, das sie mit den Füs­sen be­dient, so legt sie den Vio­li­nen­klang Schicht um Schicht auf­ein­an­der, bis es klingt wie ein gan­zes Orches­ter.

Gaelynn Lea wur­de in Du­luth, Min­ne­so­ta, ge­bo­ren. Schon früh war sie von klas­si­scher Mu­sik be­geis­tert. Als sie in der High­school war, be­gann sie mit dem Gei­gen­spiel und fand schliess­lich ei­nen Leh­rer, der ihr half, ih­re eigene Spiel­art zu ent­wi­ckeln. Wenn sie eigene Songs kom­po­niert, schreibt sie die No­ten nie­mals auf. «Es ist al­les in mei­nem Kopf», sagt Gaelynn Lea.

Die Mu­si­ke­rin gibt nicht nur Kon­zer­te, son­dern hält auch Vor­trä­ge, spricht über Be­hin­de­rung und Se­xua­li­tät oder über Be­hin­de­rung und Kul­tur. «Je­des Le­ben zählt», ist ih­re Her­zens­bot­schaft, die sie mit Ernst­haf­tig­keit, aber auch mit Hu­mor ver­brei­tet.

Ma­ria Künz­li

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