Kan­ton re­agiert ge­las­sen

Berner Zeitung (Stadt) - - Vorderseite -

Schlech­tes Es­sen, feh­len­de Frei­zeit- und Ar­beits­mög­lich­kei­ten, man­gel­haf­te me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung: Die Män­gel­lis­te von Häft­lin­gen der An­stal­ten Witz­wil und Thor­berg ist re­la­tiv um­fang­reich. Wie aber ist es zu deu­ten, wenn gleich­zei­tig in zwei­en der vier Ber­ner Jus­tiz­voll­zugs­an­stal­ten In­sas­sen re­kla­mie­ren? Tho­mas Frey­tag, Lei­ter des kan­to­na­len Am­tes für Jus­tiz­voll­zug, ist nicht über­mäs­sig be­sorgt. Das Voll­zugs­an­ge­bot im Kan­ton Bern ent­spre­che den ge­setz­li­chen An­for­de­run­gen.

Gu­te No­ten für den Ber­ner Strafvollzug gibt es auch von Ben­ja­min Bräg­ger. Er kennt als Se­kre­tär des in­ter­kan­to­na­len Kon­kor­dats die Si­tua­ti­on des Straf­voll­zugs in der Deutsch­schweiz bes­tens. phm

In zwei von vier Ber­ner Jus­tiz­voll­zugs­an­stal­ten be­kla­gen sich die Häft­lin­ge über die Be­din­gun­gen. Ist der Ber­ner Strafvollzug so schlecht, oder sind die In­sas­sen zu an­spruchs­voll? Ein Ex­per­te at­tes­tiert den Ber­ner Ge­fäng­nis­sen ei­nen gu­ten Stan­dard.

In Witz­wil ge­be es haupt­säch­lich Kon­fi­tü­re zu es­sen. Früch­te fehl­ten im Nah­rungs­an­ge­bot fast gänz­lich. Das mo­nier­te ein Teil der In­sas­sen An­fang Ju­ni in ei­ner Be­schwer­de an den Di­rek­tor.

Fast das glei­che Bild auf dem Thor­berg: Dort be­klag­ten sich letz­te Wo­che Dut­zen­de Häft­lin­ge eben­falls über das an­geb­lich schlech­te Es­sen so­wie man­geln­de Frei­zeit- und Ar­beits­mög­lich­kei­ten. Da­zu kommt, dass auf dem Thor­berg auch das Per­so­nal

«Es wird noch an­spruchs­vol­ler, ei­ne An­stalt zu füh­ren.»

Ben­ja­min Bräg­ger, Ex­per­te

un­zu­frie­den ist und vie­le Ab­gän­ge zu ver­zeich­nen sind. Des­halb hat die Fi­nanz­kom­mis­si­on des Gros­sen Ra­tes bei der kan­to­na­len Fi­nanz­kon­trol­le ei­ne Son­der­prü­fung in Auf­trag ge­ge­ben (wir be­rich­te­ten).

Wenn gleich­zei­tig in zwei­en der vier Ber­ner Jus­tiz­voll­zugs­an­stal­ten (JVA) Häft­lin­ge laut­stark re­kla­mie­ren, stellt sich un­wei­ger­lich die Fra­ge nach der Qua­li­tät des Straf­voll­zugs im Kan­ton Bern. Ist die­se tie­fer als in an­de­ren Kan­to­nen? Oder sind die In­sas­sen zu an­spruchs­voll?

«Bern hat gu­ten Stan­dard»

Ei­ner, der es wis­sen muss, ist Ben­ja­min Bräg­ger. Als Se­kre­tär des Straf­voll­zugs­kon­kor­dats Nord­west- und In­ner­schweiz kennt er die Si­tua­ti­on in den elf Mit­glied­skan­to­nen. Auch Bern ge­hört dem Kon­kor­dat an. Er sagt: «Der Kan­ton Bern hat ge­samt­schwei­ze­risch ge­se­hen ei­nen gu­ten Stan­dard im Strafvollzug und ist zum Teil so­gar sehr fort­schritt­lich.» Als Bei­spiel nennt er Witz­wil, wo In­sas­sen mit ei­ner re­el­len Frei­las­sungs­per­spek­ti­ve in WGs woh­nen dür­fen. Zu­dem wür­den dort die Häft­lin­ge be­fä­higt, ei­ne Ar­beit zu er­ler­nen, die ih­nen ent­spre­che. Auch in den an­de­ren Ber­ner JVA ge­be es gu­te Ar­beits­an­ge­bo­te.

Für die An­stalt auf dem Thor­berg macht Bräg­ger Ein­schrän­kun­gen: «Der Thor­berg ver­fügt über ei­ne ver­al­te­te, klein­räu­mi­ge In­fra­struk­tur. Zu­dem hat die Re­struk­tu­rie­rung für Un­ru­he bei In­sas­sen und Per­so­nal ge­sorgt.» Die For­de­run­gen der Häft­lin­ge sei­en des­halb zwar ernst zu neh­men und zu prü­fen, gleich­zei­tig aber auch in ge­wis­ser Re­la­ti­on zu se­hen.

«Es ist bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad nor­mal, dass es in Ge­fäng­nis­sen zu Frus­tra­tio­nen kommt und dass die In­sas­sen mal den Kol­ler be­kom­men», sagt Bräg­ger. Das hän­ge auch da­mit zu­sam­men, dass seit 2007 prak­tisch nur noch «schwe­re Jungs» hin­ter Git­ter kom­men, klei­ne­re und mitt­le­re De­lik­te wer­den seit der Re­vi­si­on des Straf­ge­setz­bu­ches mit Geld­stra­fen, ge­mein­nüt­zi­gen Ar­beits­ein­sät­zen oder elek­tro­ni­schen Fuss­fes­seln ge­ahn­det. «Wir müs­sen uns be­wusst sein, dass wir im­mer mehr In­sas­sen in un­se­ren Ge­fäng­nis­sen ha­ben, die kaum mehr ei­ne Per­spek­ti­ve für

Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Thor­berg: Hier ist ein Teil der In­sas­sen mo­men­tan un­zu­frie­den.

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