Phy­si­ker mit Am­bi­tio­nen

Berner Zeitung (Stadt) - - Vorderseite - Jürg St­ei­ner

Ju­li­us Vering, Ma­tu­rand am Gy­mer Neu­feld, geht an die Uni Ber­ke­ley in den USA.

Der be­gab­te Ma­tu­rand Ju­li­us Vering zieht di­rekt vom Gy­mer Neu­feld an die Eli­te-Uni­ver­si­tät Ber­ke­ley bei San Fran­cis­co.

Wä­re Ju­li­us Vering Eis­ho­ckey­spie­ler, er gä­be jetzt sei­nen Trans­fer in die nord­ame­ri­ka­ni­sche NHL be­kannt. Wie der gleich­alt­ri­ge Ni­co Hi­schier, der zum Shoo­ting­star wur­de, als er 2017 vom SC Bern zu den New Jer­sey De­vils wech­sel­te.

Vering, der Hi­schier der Na­tur­wis­sen­schaf­ten, ge­hört zu den bes­ten Nach­wuchs­phy­si­kern der Schweiz. Im Herbst wech­selt er vom Gym­na­si­um Neu­feld an die To­pu­ni Ber­ke­ley an der Bucht von San Fran­cis­co, ei­nen Kat­zen- sprung vom «Val­ley» ent­fernt, wie Vering sagt. Er meint na­tür­lich das Si­li­con Val­ley, der Ort, wo die Zu­kunft ent­steht.

Lo­cker fährt Vering, die Haa­re sau­ber ge­schei­telt, mit dem Roll­brett vor. Die schrift­li­chen Ma­tu­ra­prü­fun­gen lie­gen hin­ter ihm, in we­ni­gen Ta­gen folgt der münd­li­che Teil. «Ich glau­be, es kommt gut», sagt er und wischt sich ei­ne blon­de Sträh­ne aus dem Ge­sicht. Was er nicht sagt: Im letz­ten Zeug­nis vor der Ma­tu­ra lag der No­ten­schnitt bei ei­ner 6.

Der Stre­ber­vor­wurf

«Ich war für mei­ne Leh­rer si­cher nicht der an­ge­nehms­te Schü­ler», sagt Vering, der mit den El­tern und dem jün­ge­ren Bru­der in Brem­gar­ten lebt. Er ha­be im­mer mit­ge­macht, aber sich zu of­fen­siv ein­ge­bracht. Er räus­pert sich: «Ha ei­fach z viu gschnu­ret.»

Das kann er aber gut: Auf Youtube et­wa gibt es ein Vi­deo, das ihn zeigt, wie er vor Pu­bli­kum auf Eng­lisch das kom­ple­xe Prin­zip von Quan­ten­com­pu­tern er­klärt. Als Nor­mal­ver­brau­cher ver­steht man Bahn­hof, Vering re­det mit ei­ner Lo­cker­heit dar­über, als er­klär­te er ein Koch­re­zept.

Den Stre­ber­vor­wurf, sagt Vering, ken­ne er bes­tens. Wenn man den An­spruch ha­be, Leis­tung zu brin­gen, wer­de man da­mit kon­fron­tiert. Ihn ha­be das aber eher an­ge­spornt, und in sei­ner jet­zi­gen Klas­se ge­be es ei­ne «ge­sun­de Leis­tungs­be­reit­schaft».

Ve­rings Gross­va­ter war Che­mi­ker, sein Va­ter und sein On­kel sind es eben­falls. Hin­ge­zo­gen fühlt er sich zur Phy­sik – wohl auch, weil sie Krea­ti­vi­tät er­for­dert. Man be­schäf­ti­ge sich mit Din­gen, die zu gross oder zu klein sind, als dass man sie mit den Sin­nen er­fas­sen könn­te. «Ich muss mir ein Vor­stel­lungs­ver­mö­gen zu­le­gen, das mir hilft, zu be­grei­fen, was ich be­rech­ne», sagt er. Das ma­che für ihn die Fas­zi­na­ti­on der Phy­sik aus – in ei­ne un­sicht­ba­re Welt vor­zu­drin­gen, von der man sich ein ei­ge­nes Bild ma­chen müs­se. Viel­leicht als Ers­ter.

Der Schul­lei­tung des Gy­mers Neu­feld fiel der wett­kampf­freu­di­ge Vering, der auch ficht und Sa­xo­fon spielt, früh auf. An na­tio- na­len Wis­sen­schafts­olym­pia­den ge­wann er mehr­fach Gold­me­dail­len. Im Rah­men der Be­gab­ten­för­de­rung konn­te Vering be­reits als Gym­na­si­ast Phy­sik­vor­le­sun­gen an der Uni­ver­si­tät Bern be­su­chen.

Das Hirn ent­schlüs­seln

In Wis­sen­schaft­krei­sen ist der smar­te Vering schon ei­ne Mar­ke. Et­wa für den Neu­ro­wis­sen­schaft­ler Pas­cal Kauf­mann, Grün­der der Mind­fi­re-Stif­tung. Sie hat das Ziel, die bes­ten Köp­fe der Welt zu­sam­men­zu­brin­gen, um die Funk­ti­ons­wei­se des Ge­hirns zu ent­schlüs­seln und ba­sie­rend dar­auf men­schen­ähn­li­che künst­li­che In­tel­li­genz zu bau­en. Im Mai tra­fen sich die hand­ver­le­se­nen Cracks aus un­ter­schied­lichs­ten Dis­zi­pli­nen erst­mals in Da­vos. Selbst­be­wusst mit da­bei: das Gross­ta­lent Ju­li­us Vering.

Über­zeugt hat der kom­pe­ti­ti­ve Vering auch in San Fran­cis­co, wie Chris­ti­ne Di­to auf An­fra­ge be­stä­tigt. Di­to ist Di­rek­to­rin des ex­klu­si­ven Spe­zi­al­stu­di­en­gangs Ma­nage­ment, En­tre­pre­neurship and Tech­no­lo­gy, mit dem die Uni­ver­si­tät Ber­ke­ley die viel­ver­spre­chends­ten Ta­len­te welt­weit nach Ka­li­for­ni­en lockt. Rund 30 000 Dol­lar kos­tet ein Stu­di­en­jahr. Vering strebt par­al­lel ei­nen Ab­schluss in Com­pu­ter­wis­sen­schaft und Tech­no­lo­gie­busi­ness an. Di­to er­war­tet von den Stu­die­ren­den «ab­so­lu­te Fo­kus­siert­heit und Mo­ti­va­ti­on, ver­bun­den mit ei­ner Pas­si­on, die ganz gros­sen Pro­ble­me zu lö­sen».

Die ganz gros­sen Pro­ble­me! Das ist die Welt von Ju­li­us Vering. Sein be­vor­ste­hen­der Um­zug auf den Ber­ke­ley-Cam­pus mit sei­nen 20 000 Stu­die­ren­den sei «me­ga auf­re­gend». Er ha­be auch dar­über nach­ge­dacht, nach Sin­ga­pur zu ge­hen oder nach Chi­na. «Als Start-up-Un­ter­neh­mer in Chi­na, das wä­re der Ham­mer», sagt Vering. Viel­leicht et­was für spä­ter.

Er ken­ne es, sich Her­aus­for­de­run­gen zu stel­len, von de­nen «ich jetzt nicht ge­nau weiss, wie ich sie be­wäl­ti­ge», sagt Vering. Und im glei­chen Atem­zug: «Es wä­re viel­leicht gut für mei­ne Am­bi­tio­nen, wenn ich mehr Er­fah­rung im Schei­tern hät­te.te.»

Foto: Su­san­ne Kel­ler

«Me­ga auf­re­gend»: Ju­li­us Vering, Nach­wuchs­phy­si­ker.

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