Mas­si­ve Rü­ge an die Raiff­ei­sen­bank

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In der Ära von Raiff­ei­sen-Chef Pie­rin Vin­cenz gab es in der Füh­rung der Bank mas­si­ve Män­gel, stellt die Eid­ge­nös­si­sche Fi­nanz­markt­auf­sicht fest.

Die Fi­nanz­markt­auf­sicht rügt er­schre­cken­de Män­gel in der Füh­rung der Raiff­ei­sen wäh­rend der Ära Pie­rin Vin­cenz.

Am Di­ens­tag wur­de Pie­rin Vin­cenz aus der Un­ter­su­chungs­haft ent­las­sen, und er sag­te: «Die Un­ter­su­chungs­haft war aus mei­ner Sicht un­nö­tig und ih­re Län­ge völ­lig un­ver­hält­nis­mäs­sig. Die im Rah­men des Straf­ver­fah­rens ge­gen mich er­ho­be­nen Vor­wür­fe be­strei­te ich nach wie vor, und ich wer­de mich mit al­len Mit­teln da­ge­gen weh­ren.» Nun liegt der Un­ter­su­chungs­be­richt der Fi­nanz­markt­auf­sicht (Finma) vor, und der geizt nicht mit Vor­wür­fen ge­gen die Raiff­ei­sen und ih­ren ehe­ma­li­gen Chef Vin­cenz.

Ins­be­son­de­re wer­den mas­si­ve Vor­wür­fe er­ho­ben, wenn es um die Ver­mi­schung der Ei­gen­in­ter­es­sen von Vin­cenz und den In­ter­es­sen der Bank geht. Die Bank ha­be In­ter­es­sen­kon­flik­te un­ge­nü­gend ge­hand­habt, zu­dem ha­be der Ver­wal­tungs­rat die Auf­sicht über den ehe­ma­li­gen Raiff­ei­sen­Chef Pie­rin Vin­cenz ver­nach­läs­sigt. Das ist das Haupt­er­geb­nis der vor zwei Jah­ren in Auf­trag ge­ge­be­nen Un­ter­su­chung.

Ge­mäss Finma hat Vin­cenz von Zu­käu­fen bei Raiff­ei­sen per­sön­lich pro­fi­tiert, weil er an Un­ter­neh­men be­tei­ligt war, wel­che das In­sti­tut kauf­te. So lau­tet auch der Ver­dacht der Zürcher Staats­an­walt­schaft, die in die­ser Sa­che er­mit­telt. Die­sen be­strei­tet Vin­cenz. Der Be­richt zeigt nun auf, dass Vin­cenz vom Ver­wal­tungs­rat un­be­hel­ligt ge­schäf­ten konn­te, auch wenn er, wie im Fall der Raiff­ei­sen-Toch­ter In­vest­net, eigene In­ter­es­sen ver­folg­te. Zur Er­in­ne­rung: 2011 kauf­te Raiff­ei­sen die In­vest­net auf, an der Vin­cenz in­di­rekt be­tei­ligt war, und 2015 ver­kauf­te Raiff­ei­sen, noch un­ter der Ägi­de von Vin­cenz, 15 Pro­zent der Ak­ti­en wie­der­um an Vin­cenz.

Schon der Kauf war pro­ble­ma­tisch, und die Be­tei­li­gung von Vin­cenz war nicht of­fen­ge­legt.

Nicht bes­ser war der Pro­zess beim Ver­kauf der 15 Pro­zent an Vin­cenz. Der sei un­ter dem Trak­tan­dum «Va­ria» mit ei­ner «knap­pen Tisch­vor­la­ge» von Vin­cenz sel­ber vor­ge­tra­gen wor­den. Das ha­be ei­ne sach­ge­rech­te Vor­be­rei­tung und Dis­kus­si­on, et­wa über den Preis, den Vin­cenz zah­len muss­te, ver­un­mög­licht.

Der Ver­wal­tungs­rat über­wach­te auch den wei­te­ren Ver­kaufs­pro­zess laut Finma man­gel­haft. Der schrift­li­che Kauf­ver­trag fehl­te, und es sei­en auch kei­ne vor­gän­gi­gen Ab­klä­run­gen be­züg­lich Fair­ness des Kauf­prei­ses vor­ge­nom­men wor­den.

Die Finma rügt wei­ter, dass Vin­cenz über Jah­re hin­weg ho­he und pau­scha­le Man­dats­ho­no­ra­re an den ihm na­he­ste­hen­den Be­ra­ter Beat Sto­cker be­zahlt ha­be. Da­bei ha­be er das ihm als Raiff­ei­sen­Chef zu­ste­hen­de Bud­get teils er­heb­lich über­schrit­ten. Der Ver­wal­tungs­rat schritt nicht ein, ob­wohl ihm die Bud­get­über­schrei­tun­gen be­kannt ge­we­sen sei­en. Zu­dem sei dem Ver­wal­tungs­rat nicht klar ge­we­sen, wo­für die teil­wei­se ho­hen Be­trä­ge ver­wen­det wur­den.

Gi­sel nicht di­rekt be­las­tet

In­ter­es­sant ist auch, wie Vin­cenz sei­ne Be­tei­li­gung an In­vest­net fi­nan­zier­te. Laut Finma mit ei­nem Kre­dit der Bank. Und zwar un­ter Um­ge­hung des da­für zu­stän­di­gen Ver­wal­tungs­ratsau­schus­ses. Raiff­ei­sen prä­zi­siert da­zu auf Nach­fra­ge: «Der be­schrie­be­ne Kre­dit an den ehe­ma­li­gen CEO wur­de nach des­sen Aus­tritt ver­ge­ben und wä­re so­mit kein Or­gan­kre­dit. Des­we­gen wur­de der Kre­dit zu­erst als nor­ma­ler Kre­dit durch das Cre­dit Of­fice be­wil­ligt und ge­führt.» Al­ler­dings wur­de nach dem Rück­tritt von Vin­cenz sei­ne Frau als Rechts­che­fin Mit­glied der Ge­schäfts­lei- tung. Und dar­um war die­se Beur­tei­lung falsch. Das be­stä­tigt auch Raiff­ei­sen-Spre­che­rin Ce­ci­le Bach­mann: «Nach­dem der Feh­ler durch die Re­vi­si­on fest­ge­stellt wor­den war, wur­de die Be­wil­li­gung durch den Ver­wal­tungs­rats­aus­schuss nach­ge­holt.»

Ein Feh­ler al­so, der un­ter der Füh­rung des heu­ti­gen CEO Pa­trik Gi­sel er­folg­te. Doch ge­gen die ak­tu­el­le Chef­eta­ge er­mit­telt die Finma nicht. Ob sie doch noch wei­te­re Ver­fah­ren ge­gen Ein­zel­per­so­nen er­öff­nen wird, wird sie erst nach Vor­lie­gen der in­ter­nen Un­ter­su­chung bei Raiff­ei­sen ent­schei­den. «Bis jetzt hat die Finma kei­ne An­halts­punk­te, die ein auf­sichts­recht­li­ches Ver­fah­ren ge­gen heu­ti­ge Füh­rungs­kräf­te der Raiff­ei­sen Schweiz recht­fer­ti­gen wür­den.»

Trotz­dem kommt die Ge­schäfts­lei­tung von Raiff­ei­sen nicht oh­ne Rü­ge da­von. Laut Finma war sie es, die auch in ei­nem zwei­ten Fall an­stel­le des Ver­wal­tungs­rats ei­nen nam­haf­ten Blan­ko­kre­dit zu un­üb­li­chen Kon­di­tio­nen ge­neh­mig­te. Die­ser ging an ein «Or­gan­mit­glied ei­ner Be­tei­li­gung». Die Per­son und die ent­spre­chen­de Ge­sell­schaft sei­en aber nicht als mit­ein­an­der ver­bun­den ein­ge­stuft wor­den. Da­durch ha­be die Bank das Klum­pen­ri­si­ko nicht er­kannt. Das Ri­si­ko­ma­nage­ment sei «un­ge­nü­gend» aus­ge­fal­len, so die Finma. Wahr­schein­lich han­delt es sich da um ei­nen Kre­dit an den Grün­der von Leon­teq, ei­ner Fir­ma, an der Raiff­ei­sen mit 30 Pro­zent be­tei­ligt ist.

Leon­teq ist auch ein wei­te­res Bei­spiel für ei­nen In­ter­es­sen­kon­flikt. So war Raiff­ei­sen bei der Fir­ma gleich­zei­tig be­tei­ligt, Kre­dit­ge­ber und mit Vin­cenz und Gi­sel auch im Ver­wal­tungs­rat ver­tre­ten. Das galt auch für wei­te­re Ge­sell­schaf­ten. Da­mit ha­be sich die Bank ho­hen Ri­si­ken aus­ge­setzt, kri­ti­siert die Finma. Ein Miss­stand, der heu­te an­geb­lich be­ho­ben ist. Raiff­ei­sen an­er­ken­ne die Finma-Ver­fü­gung und ha­be Ver­bes­se­rungs­mass­nah­men ein­ge­lei­tet, er­klär­te die Bank. Vie­le For­de­run­gen der Be­hör­de sei­en be­reits in Um­set­zung.

Raiff­ei­sen soll zur AG wer­den

Raiff­ei­sen hat in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten auch den Ver­wal­tungs­rat kom­plett neu auf­ge­stellt. Der lang­jäh­ri­ge Raiff­ei­sen­Prä­si­dent Jo­han­nes Rüeg­gStürm trat im März zu­rück, in den kom­men­den Mo­na­ten wird der Ver­wal­tungs­rat der Ge­nos­sen­schafts­bank neu auf­ge­stellt. Die Finma ver­öf­fent­licht die Un­ter­su­chungs­er­geb­nis­se in ei­nem heik­len Mo­ment. Am Sams­tag fin­det in Lu­ga­no die De­le­gier­ten­ver­samm­lung statt. Bei den Ge­sand­ten der re­gio­na­len Raiff­ei­sen-Verbände bro­delt es. Sie wol­len von der Bank­spit­ze um Raiff­ei­sen-Chef Pa­trik Gi­sel und In­te­rims­prä­si­dent Pas­cal Gan­ten­bein er­fah­ren, wie­so in der Ge­nos­sen­schafts­bank so viel schief­lau­fen konn­te. Die Un­ter­su­chungs­er­geb­nis­se der Finma ge­ben nun ers­te Auf­schlüs­se und dürf­ten auch von den De­le­gier­ten zur Kennt­nis ge­nom­men wer­den. Sie wer­den die Raiff­ei­sen-Chef­eta­ge be­stimmt mit den Er­kennt­nis­sen kon­fron­tie­ren.

Ei­ne For­de­rung der Finma dürf­te bei den Ge­nos­sen­schaf­tern be­son­ders zu re­den ge­ben. Raiff­ei­sen Schweiz wird ver­pflich­tet, die Vor- und Nach­tei­le ei­ner Um­wand­lung von ei­ner Ge­nos­sen­schafts­bank in ei­ne Ak­ti­en­ge­sell­schaft ver­tieft zu prü­fen. Die Rechts­form und die Grup­pen­struk­tur hät­ten ei­nen er­heb­li­chen Ein­fluss auf die An­for­de­run­gen in Sa­chen Cor­po­ra­te Go­ver­nan­ce. Die Bank nimmt den Auf­trag an: «Der Ver­wal­tungs­rat von Raiff­ei­sen Schweiz wird im Rah­men der lau­fen­den Struk­tur­dis­kus­si­on die Über­prü­fung ih­rer Ge­sell­schafts­form vor­neh­men.»

Der Be­richt zeigt auf, dass Vin­cenz vom Ver­wal­tungs­rat un­be­hel­ligt ge­schäf­ten konn­te, auch wenn er eigene In­ter­es­sen ver­folg­te.

Foto: Wal­ter Bie­ri (Keysto­ne)

Die Raiff­ei­sen-Spit­ze mit In­te­rims­prä­si­dent Pas­cal Gan­ten­bein (l.) und CEO Pa­trik Gi­sel so­wie Ex-Prä­si­dent Jo­han­nes Rüegg-Stürm (r.).

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