Der gu­te Geist von der Er­satz­bank

Berner Zeitung (Stadt) - - Wm 2018 -

Gel­son Fer­nan­des ist kein Gra­nit Xha­ka. Dass er für die Schwei­zer Na­tio­nal­mann­schaft den­noch sehr wert­voll ist, liegt an sei­ner so­zi­al­kom­pe­ten­ten Art.

Deutsch kann er. Ita­lie­nisch be­herrscht er, Eng­lisch, Spa­nisch, Fran­zö­sisch auch. Und weil er von den Kap­ver­den kommt, der In­sel­grup­pe vor West­afri­ka, führt er in sei­nem Re­per­toire auch Por­tu­gie­sisch und Kreo­lisch. Bei der Wür­di­gung von Gel­son Fer­nan­des’ Sprach­ta­lent be­steht nur ei­ne Ge­fahr: dass man ei­ne Spra­che ver­gisst.

Sie­ben al­so sind es, in de­nen er sich flies­send aus­drü­cken kann. In ei­ner ach­ten hat er we­nigs­tens ein paar Bro­cken auf La­ger, we­gen des Kroa­ten Ni­co Ko­vac, der in der ab­ge­lau­fe­nen Bun­des­li­ga-Sai­son sein Trai­ner bei Ein­tracht Frankfurt war. Er weiss aber nicht, ob es an­stän­di­ge Wör­ter sind.

Wenn ei­ner das Mul­ti­kul­ti die­ser Schwei­zer Na­tio­nal­mann­schaft ver­kör­pert, dann ist es Fer­nan­des. Und wenn ei­ner Brü­cken schla­gen kann zwi­schen Grup­pen, ist auch er das. Und wenn ei­ner mit sei­nem son­ni­gen Ge­müt er­hei­tern kann, kommt er ei­nem si­cher nicht als Letz­ter in den Sinn.

36-mal da­bei, oh­ne zu spie­len

Seit Au­gust 2007 ge­hört der 31-Jäh­ri­ge zum Na­tio­nal­team. Er kommt auf ins­ge­samt 67 Ein­sät­ze. Es könn­ten noch vie­le mehr sein, wenn er nicht so oft ein­fach nur auf­ge­bo­ten wor­den wä­re, oh­ne dass er spiel­te. Das kam 36-mal vor. Sechs Jah­re liegt es zu­rück, dass er über 90 Mi­nu­ten spiel­te. Kommt er heu­te zur Be­samm­lung des Na­tio­nal­teams, muss er da­von aus­ge­hen, im Mit­tel­feld hin­ter Beh­ra­mi und Xha­ka an­zu­ste­hen. «Da­von aus­ge­hen? Das ist Fakt», kor­ri­giert er. Weil man nie wis- se, was pas­sie­re, trai­nie­re er mit dem glei­chen Ernst wie die Stamm­kräf­te: die ers­ten zwei Spie­le viel­leicht nichts, aber im drit­ten «wirst du ins kal­te Was­ser ge­wor­fen». Und wenn er dann nicht be­reit sei, ma­che er nur al­les ka­putt: die Mann­schaft, sich selbst, das Land.

«Ich kann nicht sa­gen: Ich bin stolz, Er­satz­spie­ler zu sein», sagt er, «aber ich muss da­mit um­ge­hen. Das ist die Na­tio­nal­mann­schaft, nicht 4. oder 5. Li­ga. Wir sind al­le glück­lich, die­sen Be­ruf zu ma­chen. Und wenn du das auf dem höchs­ten Ni­veau tun kannst, ist das ein Ge­schenk des Le­bens.»

Er hat auf sei­ne Art ei­nen Platz ge­fun­den im Kreis der na­tio­na­len Eli­te. Ihn als Gu­teLau­ne-Bä­ren zu be­zeich­nen, wür­de den Di­ens­ten, die er hier er­weist, nicht ge­recht wer­den. Fer­nan­des ist mehr. Er ist ein Chef ne­ben dem Platz. Vla­di­mir Pet­ko­vic hat sei­nen Wert für die Grup­pe er­kannt, sei­ne so­zia­le Kom­pe­tenz, für die an­de­ren da zu sein, wenn er ge­braucht wird. Fer­nan­des ist ein gu­tes Bei­spiel da­für, dass nicht nur die elf zäh­len, die auf dem Platz ste­hen, son­dern auch die da­hin­ter.

Der Brief von Bra­si­li­en

Da­für gibt es die­se Epi­so­de von 2014 in Bra­si­li­en. Er setz­te ei­nen Brief auf und schrieb dar­in sinn­ge­mäss, die­se WM sei die gros­se Chan­ce für sie al­le, et­was zu er­rei­chen und spe­zi­el­le Er­fah­run­gen zu sam­meln. Aber es be­ste­he auch die Ge­fahr, dass al­les nach nur drei Spie­len vor­bei sei, wenn sie die Auf­ga­be nicht ernst neh­men wür­den. Die­sen Brief ver­teil­te er sei­nen Team­kol­le­gen vor ei­nem Nacht­es­sen. Die Schweiz ver­pass­te den Vier­tel­fi­nal nur knapp, Fer­nan­des selbst war in drei der vier Spie­le Er­satz. Als Gil­bert Gress sein Trai­ner bei Si­on war, nann­te er ihn

«Fran­ce Football». Gress woll­te so aus­drü­cken, von wel­chem Wis­sens­durst der jun­ge Mann von da­mals 18, 19 Jah­ren war. Die Mit­spie­ler rie­ten ihm,

Scout zu wer­den. Und war­um das al­les? «Nur weil ich den Fussball so lie­be», sagt er. Noch heu­te ist er ein Le­xi­kon.

Im Wal­lis hat er sei­ne Schwei­zer Wur­zeln. Fünf war er, als er mit sei­ner Mut­ter hier­her­kam. Sein Va­ter war schon frü­her von den Kap­ver­den aus­ge­wan­dert, um sei­ner Fa­mi­lie ein bes­se­res Le­ben zu er­mög­li­chen. Er war Kuh­hir­te, Bo­den­le­ger und Schlos­ser, be­vor er Platz­wart im Tour­bil­lon wur­de. Der klei­ne Gel­son ent­deck­te für sich den Fussball, und als er nicht mehr so klein war, woll­te er Pro­fi­fuss­bal­ler wer­den. Mit 16 muss­te er sich in bei­den Knie die Me­nis­ken ope­rie­ren las­sen.

Fer­nan­des ist wie ei­ne Bat­te­rie, die nie leer wird. Er rennt und rennt, und wenn er ein­mal nicht ren­nen wür­de, hät­te er ein schlech­tes Ge­wis­sen. Das sieht manch­mal flat­ter­haft aus, aber das ist sein Spiel. Ob er nie mü­de wer­de in ei­ner Par­tie, wur­de er ein­mal ge­fragt: «Nein, und wenn doch, wür­de ich mit dem Fussball auf­hö­ren.» Er hat für sei­nen Be­ruf in vie­len Städ- ten ge­lebt: in Sit­ten, Man­ches­ter, St. Eti­en­ne, Ve­ro­na, Leices­ter, Udi­ne, Lis­s­a­bon, Frei­burg, Ren­nes und zu­letzt Frankfurt. Ei­gent­lich dach­te er dar­an, nach nur ei­ner Sai­son und trotz ei­nes wei­ter­lau­fen­den Ver­trags nach Reims zu wech­seln. Das wä­re we­nigs­tens ein­mal ei­ne neue Stadt ge­we­sen, aber nun will er doch in Frankfurt wei­ter­ma­chen, un­ter dem neu­en Trai­ner Adi Hüt­ter.

«Nicht zu viel quat­schen»

Fer­nan­des kam an der EM

2008 drei­mal zum Einsatz, drei­mal auch an der WM 2010, wo er sein le­gen­dä­res Stol­per­tor zum Sieg ge­gen Spa­ni­en er­ziel­te, ein­mal in Bra­si­li­en und drei­mal an der EM in Frank­reich. Nun al­so ist er in Russ­land. «Klei­nig­kei­ten kön­nen viel aus­ma­chen. Wir müs­sen al­les ma­chen, da­mit das Glück zu uns kommt. Wir müs­sen be­reit sein, an die Gren­ze zu ge­hen oder dar­über hin­aus.» Das sind die Stan­dard­for­mu­lie­run­gen, die man von Sport­lern kennt. Falsch sind sie aber nicht.

Fer­nan­des er­zählt vom lan­gen Weg, den die­se Mann­schaft ge­gan­gen sei, von der schwie­ri­gen Pha­se vor der letz­ten EM, von ih­rem Po­ten­zi­al. Und wenn er vom Po­ten­zi­al re­det, er­in­nert er sich an 2010. Da­mals spiel­te er auf der Sei­te, «heu­te ha­ben wir da­für Shaqi­ri, Zu­ber, Dr­mic und Em­bo­lo zur Aus­wahl, das sagt doch al­les».

In Toljat­ti will er noch ei­ne Bot­schaft plat­zie­ren: «Wir müs­sen Gas ge­ben, im Spiel und im Trai­ning, wir müs­sen uns gut er­ho­len, spie­len, kämp­fen, lau­fen, spie­len, er­ho­len, es­sen. So müs­sen wir das ma­chen, um er­folg­reich zu sein. Wir müs­sen ehr­lich sein: Wir dür­fen nicht zu viel quat­schen.» Und gibt wei­te­re In­ter­views in Deutsch, Fran­zö­sisch und Ita­lie­nisch.

Tho­mas Schif­fer­le, Toljat­ti

Foto: Keysto­ne

Gel­son Fer­nan­des

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