Ein Dorf kämpft um sei­ne Schu­le

Berner Zeitung (Stadt) - - Vorderseite -

Die Ge­mein­de Ko­nol­fin­gen will die klei­nen Schul­häu­ser schlies­sen – auch in Gysenstein. Doch die Be­woh­ner des Orts­teils weh­ren sich.

Für sie über­nimmt die Schu­le ei­ne so­zia­le Funk­ti­on: Sie ist ei­ner der letz­ten Or­te, wo sich die Men­schen tref­fen und aus­tau­schen kön­nen.

Ko­nol­fin­gen will die klei­nen Schul­häu­ser zu­guns­ten ei­ner gros­sen zen­tra­len Schu­le schlies­sen. Das stösst be­son­ders in Gysenstein auf Wi­der­stand. Ein­woh­ner er­zäh­len wie­so.

Glöck­chen bim­meln. Im Schat­ten von Ap­fel­bäu­men gra­sen Scha­fe. Auf ei­ner Wie­se ne­ben­an ste­hen zwei Pfer­de. Bau­ern­hö­fe prä­gen das Bild im Dorf von Gysenstein. Der Orts­teil von Ko­nol­fin­gen er­streckt sich über die Hü­gel zwi­schen Gross­höch­stet­ten und Münsin­gen. Trak­to­ren fah­ren die en­gen Sträss­chen ent­lang.

Ei­ne da­von führt zum Schul­haus von Gysenstein. 14 Kin­der be­su­chen hier die Un­ter­stu­fe. Doch die Ge­mein­de will die Schu­le schlies­sen. So, wie sie auch in an­de­ren Dorf­tei­len die klei­nen Schul­häu­ser schlies­sen will. Im Ge­gen­zug ent­steht im Stal­den ein neu­es, gros­ses, zen­tra­les Schul­haus. Die Ko­nol­fin­ger stim­men im No­vem­ber über das Vor­ha­ben ab.

Im Schul­haus Gysenstein lüf­tet Da­ni­el Gy­gax ge­ra­de den Sing­saal. Er ist in Gysenstein auf­ge­wach­sen. Nach ei­nem Ab­ste­cher nach Burg­dorf lebt er seit zwölf Jah­ren wie­der in sei­nem El­tern­haus.. Ge­mein­sam mit an­de­ren Gy­sen­stei­nern wehrt er sich ge­gen die Schlies­sung der Schu­le. Sie grün­de­ten die IG Schu­le mit­ge­stal­ten. Doch wie­so kommt der Wi­der­stand ge­gen die Zen­tra­li­sie­rung ge­ra­de von hier?

Ein schwar­zer Fleck

«Bei In­fo­ver­an­stal­tun­gen der Ge­mein­de er­scheint Gysenstein teil­wei­se gar nicht auf der Kar­te», är­gert sich Eva Stett­ler. Eher per Zu­fall hat es sie mit ih­rer Fa­mi­lie hier­her ver­schla­gen. Manch­mal den­ke sie, dass in Ko­nol­fin­gen vie­le gar nicht wis­sen, wo Gysenstein ei­gent­lich liegt. Oder vor al­lem: wie weit­läu­fig es ist.

Die Kin­der, die be­reits in Ko­nol­fin­gen zur Schu­le ge­hen, kom­men über den Mit­tag mit dem Bus nach Gysenstein. Doch für vie­le rei­che die Zeit nicht aus, um nach Hau­se zu ge­hen, er­zählt Eva Stett­ler. Für die­se Kin­der or­ga­ni­sie­ren die El­tern im Schul­haus Gysenstein ei­nen Mit­tags­tisch. «Die Schu­le stellt ei­nen Schul­bus und be­stimmt Sam­mel­punk­te. Doch wie die Kin­der zu die­sen Sam­mel­punk­ten kom­men, dar­über denkt nie­mand nach.»

Ein Dorf wird zu­rück­ge­fah­ren

Ge­gen­über der Schu­le steht ein un­schein­ba­res Haus. Frü­her war hier die Post. Sie ist ge­schlos­sen, wie so manch an­de­res auch. Stück für Stück wur­de das Dorf in den letz­ten dreis­sig Jah­ren zu­rück­ge­fah­ren, er­zählt Ruth Ruef. Sie be­zeich­net sich selbst als Ur­ge­stein. Fast ihr gan­zes Le­ben hat sie in Gysenstein ver­bracht, hat er­lebt, wie die Post, die Lä­den, die Bä­cke­rei, die Kä­se­rei­en, das Re­stau­rant oder der Schuh­ma­cher ge­schlos­sen wur­den.«Als Kin­der konn­ten wir in drei Lä­den ge­hen. Und in je­dem ha­ben wir Schleck­zeug be­kom­men.»

Ei­ne Zweck­ehe

Gysenstein war frü­her ei­gen­stän­dig – und be­völ­ke­rungs­rei­cher. 1300 Men­schen leb­ten hier. «Am Mit­tags­tisch beim Bau­ern sas­sen Kin­der, Mäg­de, Knech­te.» Dem­ent­spre­chend aus­ge­baut war die In­fra­struk­tur, er­zählt Da­ni­el Gy­gax. 1933 fu­sio­nier­ten Stal­den und Gysenstein, ent­stan­den ist die Ge­mein­de Ko­nol­fin­gen. Es sei ei­ne Zweck­ehe und kei­ne Lie­bes­hei­rat ge­we­sen, ist man sich ei­nig. Das Zen­trum von Ko­nol­fin­gen strahl­te ei­ne An­zie­hungs­kraft aus. Die Fa­b­rik schuf Ar­beits­plät­ze, die ers­te elek­tri­sche Bahn­li­nie mach­te das Dorf zu ei­nem Ver­kehrs­kno­ten­punkt. Und Gysenstein? Der Orts­teil be­kam den Struk­tur­wan­del der Land­wirt­schaft zu spü­ren. Da­ni­el Gy­gax zeigt auf ei­nen Trak­tor, der ein Feld be­ackert. Da­für brauch­te ei­ne Bau­ers­fa­mi­lie frü­her meh­re­re Ta­ge. Heu­te er­le­digt es der Land­wirt an ei­nem Nach­mit­tag. Noch rund 400 Men­schen le­ben heu­te in Gysenstein.

Ein ge­stör­tes So­zi­al­ge­fü­ge

Man le­be da­mit, dass Lä­den und Re­stau­rant zu sind. Man ak­zep­tie­re auch, dass die Post ih­re Fi­lia­le ge­schlos­sen ha­be. Doch dass die Ge­mein­de die Schu­le schlies- sen wol­le, das ge­he nicht, sagt Marc-An­dré Per­rin, der vor zwan­zig Jah­ren zu­ge­zo­gen ist. «Nie­mand über­legt, was es für die­sen Orts­teil braucht.» Wenn sich die Men­schen nicht mehr im La­den tref­fen, brau­che es ei­nen an­de­ren Ort, wo das so­zia­le Le­ben statt­fin­de. Dies sei zur­zeit die Schu­le. «Wenn die Men­schen nicht mehr in Kon­takt zu­ein­an­der tre­ten kön­nen, ge­rät das So­zi­al­ge­fü­ge durch­ein­an­der.» Da­bei ge­he vie­les ver­lo­ren.

Die Bé­liers

Jea­net­te Tschanz lebt eben­falls in Gysenstein. Auf­ge­wach­sen ist sie im Zen­trum von Ko­nol­fin­gen. Sie er­in­nert sich gut dar­an, wie sie frü­her die Gy­sen­stei­ner wahr­ge­nom­men hat. «Die Men­schen hier oben wa­ren schon im­mer sehr en­ga­giert. «Wir ha­ben das be­wun­dert und be­lä­chelt», er­zählt sie.

Bis heu­te nen­ne man Gysenstein auch den Ju­ra von Ko­nol­fin­gen. Und die Men­schen be­ton­ten noch im­mer ger­ne, dass Gysenstein frü­her ei­gen­stän­dig war. Ei­ne Zeit lang geis­ter­te gar die Idee um­her, mit Schloss­wil und Trimstein zu fu­sio­nie­ren, er­zählt Da­ni­el Gy­gax. Denn nicht al­le konn­ten sich mit Ko­nol­fin­gen iden­ti­fi­zie­ren.

Ein schö­ner Fle­cken

Die Ent­schei­dun­gen wer­den in Ko­nol­fin­gen im Zen­trum ge­fällt. «Manch­mal sind das Ent­schei­dun­gen, die nicht für die ge­sam­te Ge­mein­de funk­tio­nie­ren», sagt Da­ni­el Gy­gax. «Vor al­lem für die Rand­ge­bie­te nicht.»

Nichts­des­to­trotz. Die Ge­mein­de schaue schon auch zu Gysenstein. Die Stras­sen sei­en in gu­tem Zu­stand, und ein Glas­fa­ser­netz sei auch am Ent­ste­hen. Es las­se sich gut le­ben, sagt auch Eva Stett­ler. Sie schätzt be­son­ders die Ru­he. «Und doch trifft man im­mer vie­le Men­schen, und mei­ne Kin­der ha­ben ih­re Gspänd­li.» Marc-An­dré Per­rin schätzt das Ver­eins­le­ben. «Die Ver­ei­ne sind ein zen­tra­les Ele­ment. Durch sie wird man in­te­griert.» Jea­net­te Tschanz schätzt, dass die Men­schen zu­ein­an­der schau­en. «Das hat hier noch mehr Platz als an­ders­wo.» So denkt auch Ruth Ruef. Und Da­ni­el Gy­gax schätzt die schö­ne La­ge und die Aus­sicht. «Es ist wun­der­schön hier.»

Ste­pha­nie Jun­go

«Manch­mal wer­den Ent­schei­dun­gen ge­trof­fen, die nicht für die ge­sam­te Ge­mein­de funk­tio­nie­ren.»

Da­ni­el Gy­gax

Fo­to: Chris­ti­an Pfan­der

Gysenstein er­streckt sich über die Hü­gel zwi­schen Ko­nol­fin­gen, Gross­höch­stet­ten und Münsin­gen.

Fo­to: Chris­ti­an Pfan­der

Set­zen sich ein: Jea­net­te Tschanz, Da­ni­el Gy­gax, Eva Stett­ler und Marc-An­dré Per­rin (v. l.).

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