«Mo­de­ra­te ha­ben Angst, im ex­tre­men

Ju­ra-Kon­flikt Pier­re-Yves Moe­sch­ler führt die Spal­tung des Ju­ra­städt­chens auf den Ge­gen­satz der Kon­fes­sio­nen zu­rück. Der Bie­ler His­to­ri­ker er­klärt, war­um die Se­pa­ra­tis­ten von der Iden­ti­täts­fra­ge um­ge­trie­ben wer­den – und ob im zer­strit­te­nen Ort zwei­er­lei M

Berner Zeitung (Stadt) - - Region - In­ter­view: Ste­fan von Ber­gen

Herr Moe­sch­ler, wa­ren Sie am Mon­tag über­rascht, dass die Statt­hal­te­rin Mou­tiers Ab­stim­mung über ei­nen Kan­tons­wech­sel an­nul­liert hat? Pier­re-Yves Moe­sch­ler: Nein, gar nicht. Ich ha­be das so er­war­tet.

Wirk­lich? Die­ser Ent­scheid ge­gen die se­pa­ra­tis­ti­sche Mehr­heit ist doch mu­tig.

Die Statt­hal­te­rin muss­te nicht Mut ha­ben, son­dern ei­nen ju­ris­ti­schen Ent­scheid fäl­len. Und seit das Bun­des­ge­richt jüngst ver­gleich­ba­re Ge­mein­de­ab­stim­mun­gen für un­gül­tig er­klärt hat, war der Ent­scheid zu er­war­ten.

Wä­re die An­span­nung klei­ner, wenn die Statt­hal­te­rin an­ders ent­schie­den und die Se­pa­ra­tis­ten nicht ge­reizt hät­te?

Die bern­treu­en Be­schwer­de­füh­rer wä­ren im Stil­len frus­triert, aber die Se­pa­ra­tis­ten wür­den laut tri­um­phie­ren. Jetzt sagt den Se­pa­ra­tis­ten von Mou­tier erst­mals seit Jah­ren je­mand, dass sie et­was falsch ge­macht ha­ben. Das ist für sie ei­ne Ent­täu­schung, die sie erst ver­ar­bei­ten müs­sen.

Im Mo­ment wi­schen die Se­pa­ra­tis­ten den Ent­scheid vom Tisch und sa­gen, das sei ein po­li­ti­sches Ur­teil.

Das ist ei­ne vor­schnel­le, emo­tio­na­le Ab­wehr­re­ak­ti­on. Die Se­pa­ra­tis­ten wer­den nicht dar­um her­um­kom­men, die 88 Sei­ten Be­grün­dung der Statt­hal­te­rin ge­nau zu le­sen und sich gut zu über­le­gen, ob sie nun gleich vor Ge­richt Re­kurs ein­le­gen oder auf ei­ne bal­di­ge Wie­der­ho­lung der Ab­stim­mung set­zen.

Wie kann ei­ne klei­ne Stadt wie Mou­tier so zer­strit­ten sein?

In Mou­tier geht es im­mer um die Ju­ra-Fra­ge. So­fort fragt man: Wer bin ich? Zu wem ge­hö­re ich? In den an­de­ren Tei­len der Schweiz stellt man sich so ei­ne Fra­ge gar nicht. Im­mer­hin ist die Zu­ge­hö­rig­keit im Ber­ner Ju­ra seit der Ju­ra-Ab­stim­mung von 2013 klar ent­schie­den und da­mit vom Tisch. Aber in Mou­tier sind die Mehr­heits­ver­hält­nis­se seit 40 Jah­ren so knapp, dass die Min­der­heit im­mer hof­fen kann, dass die Mehr­heit wie­der kippt.

War­um sind denn die Ver­hält­nis­se bloss in Mou­tier so knapp?

Für mich ist das klar: Es geht vor al­lem um die Kon­fes­si­on.

Echt? Die ka­tho­li­sche und die re­for­mier­te Kir­che ver­lie­ren doch auch in Mou­tier stän­dig an Mit­glie­dern und Be­deu­tung? So wie Sie ha­ben auch die Se­pa­ra­tis­ten re­agiert, als ich mei­ne Kon­fes­si­ons­the­se pu­bli­ziert ha­be. Sie sag­ten: Die­ser Moe­sch­ler aus Biel hat kei­ne Ah­nung, die Leu­te von Mou­tier ge­hen nicht in die Kir­che, es geht um viel mehr, es geht um die Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner Spra­che und Kul­tur.

Und was ha­ben Sie er­wi­dert? Wir kön­nen uns nicht mehr vor­stel­len, wie un­glaub­lich wich­tig die Kir­che für die Men­schen bis ins 20. Jahr­hun­dert war. Heu­te ge­hen die Leu­te zwar nicht mehr in die Pre­digt, aber die Po­li­tik und die sich nur lang­sam ver­än­dern­de Men­ta­li­tät sind im­mer noch ge­prägt von der kon­fes­sio­nel­len Ver­gan­gen­heit, die von Ge­ne­ra­ti­on zu Ge­ne­ra­ti­on wei­ter­ge­ge­ben wird. Die Gren­ze zwi­schen dem Kan­ton Ju­ra und dem Ber­ner Ju­ra ist ei­ne al­te kon­fes­sio­nel­le Gren­ze. Die ju­ras­si­schen Ka­tho­li­ken spü­ren tief in sich, dass das re­for­mier­te Bern ein al­ter Feind ist. Für die re­for­mier­ten Bern­ju­ras­sier aber war Bern im­mer ei­ne Schutz­macht ge­gen den ka­tho­li­schen Fürst­bi­schof in Pr­un­t­rut.

Was be­deu­tet das für das Mou­tier von heu­te?

Mou­tier ge­hört zum re­for­mier­ten Süd­ju­ra, aber es ist dort der ein­zi­ge Ort mit ei­ner ka­tho­li­schen Mehr­heit. In der in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on ka­men nicht nur ka­tho­li­sche Ein­wan­de­rer aus Ita­li­en in die Fa­b­ri­ken von Mou­tier, son­dern auch zahl­rei­che ka­tho­li­sche Nord­ju­ras­sier. Der Bie­ler His­to­ri­ker und Ex-Po­li­ti­ker Pier­re-Yves Moe­sch­ler ver­sucht über die Fron­ten im Ju­ra-Kon­flikt hin­aus­zu­bli­cken.

Wie­so de­men­tie­ren die Se­pa­ra­tis­ten so hef­tig, dass es in Mou­tier auch um ei­ne kon­fes­sio­nel­le Fra­ge geht?

Das darf man doch nicht sa­gen! Das ist un­mo­dern und pein­lich. Als das wel­sche Fern­se­hen vor der Ab­stim­mung vom 18. Ju­ni 2017 aber Mou­tiers pro­ju­ras­si­schen Spre­cher Va­len­tin Zu­ber

frag­te, war­um er sich von Bern tren­nen wol­le, sag­te er zu­erst: Wir sind ei­ne sprach­li­che Min­der­heit. Und dann füg­te er an: Wir sind Ka­tho­li­ken. Voi­là!

Wie tickt ein Se­pa­ra­tist? Se­pa­ra­tis­mus ent­stammt ei­nem Min­der­heits­ge­fühl. Für An­ge­hö­ri­ge ei­ner Mehr­heit ist es schwie­rig,

zu ver­ste­hen, wie man sich in ei­ner Min­der­heit fühlt. Für Sie als deutsch­spra­chi­gen Ber­ner stellt sich die Fra­ge der Iden­ti­tät und der Zu­ge­hö­rig­keit nicht. Wer aber ei­ner sprach­li­chen Min­der­heit an­ge­hört, kämpft im­mer um sei­ne Rech­te und dar­um, ge­hört und ver­stan­den zu wer­den. Die Schweiz ist ei­ne be­son­de­re Kon­struk­ti­on

von his­to­ri­schen Ge­mein­schaf­ten, die je ih­ren ei­ge­nen Kan­ton ha­ben. Der Ju­ra aber er­hielt 1815 kei­nen ei­ge­nen Kan­ton. Die Se­pa­ra­tis­ten wol­len wie al­le an­de­ren Schwei­zer ihr Schick­sal sel­ber be­stim­men.

Die bern­treu­en Be­woh­ner von Mou­tier ge­hö­ren auch zur

Fo­to: Adri­an Mo­ser

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