Smar­te lin­ke Kar­rie­ris­ten im bür­ger­li­chen Bern

In­sel­spi­tal Ist es gut, dass Bern­hard Pul­ver so schnell in die Wirt­schaft wech­selt?

Berner Zeitung (Stadt) - - Region - Jürg Steiner

fran­ko­fo­nen Min­der­heit, re­den aber nicht dau­ernd von ih­rer Iden­ti­tät. Gibt es in Mou­tier zwei­er­lei Men­schen, auf­brau­sen­de Se­pa­ra­tis­ten und stoi­sche, bern­treue Lang­wei­ler? Das ist ei­ne Ka­ri­ka­tur. Aber auch in Ka­ta­lo­ni­en sind die Se­pa­ra­tis­ten ak­tiv, krea­tiv und in den Me­di­en prä­sent. An­ti­se­pa­ra­tis­ten aber sind eher re­ser­viert. Wenn man et­was will, ent­wi­ckelt man Stra­te­gi­en, um es zu be­kom­men. Wenn man kei­ne Ver­än­de­rung will, sagt man ein­fach Nein und ver­tei­digt eher den Sta­tus quo.

Mou­tiers se­pa­ra­tis­ti­scher Stadt­prä­si­dent Mar­cel Wi­nis­to­er­fer sagt, er kön­ne nicht ver­ste­hen, dass fran­zö­sisch­spra­chi­ge Ju­ras­sier für Bern sein könn­ten. Er sieht Bern­treue als ir­re­ge­führ­te Ju­ras­sier. Das ist ab­surd. In die­ser Lo­gik ist man nur ein Ju­ras­sier, wenn man ein Se­pa­ra­tist ist. Ist man nur ein rich­ti­ger Rus­se, wenn man Wla­di­mir Pu­tin wählt? Als ich im pro­tes­tan­ti­schen Süd­ju­ra auf­wuchs, fühl­te man sich dort recht­schaf­fen, de­mo­kra­tisch, mo­dern. Die ka­tho­li­schen Nord­ju­ras­sier emp­fand man als ver­wandt, aber auch als Min­der­heit, die man mit­tra­gen muss. Dann ha­ben die­se Nord­ju­ras­sier am 23. Ju­ni 1974 über­ra­schend das Ple­bis­zit für die Schaf­fung ei­nes Kan­tons Ju­ra ge­won­nen. Für die Süd­ju­ras­sier war das ein Schock. Sie ha­ben frus­triert, emo­tio­nal und ex­trem re­agiert und woll­ten mit dem Nor­den nichts mehr zu tun ha­ben.

Das spürt man heu­te noch? Ge­nau. Seit­her zieht sich der Süd­ju­ra in die De­fen­si­ve zu­rück. Die Se­pa­ra­tis­ten aber ha­ben ih­re Fah­ne und ih­re Lie­der und freu­en sich, zu­sam­men zu fei­ern. Des­halb fin­de ich: Es ist Zeit, dass sich der Ber­ner Ju­ra po­si­ti­ver sieht. Es gibt dort in der Wirt­schaft oder im Tou­ris­mus vie­le in­no­va­ti­ve Initia­ti­ven wie den Parc ré­gio­nal Chas­seral. Das muss man sicht­ba­rer kom­mu­ni­zie­ren. Dann be­kommt der Ber­ner Ju­ra ein Ge­fühl für sei­ne Stär­ke und kann bes­ser mit an­de­ren re­den. Sei es mit den Deutsch­schwei­zern im Kan­ton Bern oder mit dem Kan­ton Ju­ra.

Apro­pos re­den: Mir fällt auf, dass sich die Ex­po­nen­ten bei­der La­ger in Mou­tier ge­gen­sei­tig die­sel­ben Vor­wür­fe ma­chen. Wie könn­ten sie die­ser Fal­le ent­kom­men?

Spricht man in Mou­tier mit Leu­ten bei­der Sei­ten, merkt man, dass sie sich zwi­schen­mensch­lich ver­ste­hen, so­lan­ge sie nicht über Po­li­tik re­den. Kaum sit­zen sie nicht mehr zu­sam­men am sel­ben Tisch, be­schimp­fen sie sich ge­gen­sei­tig.

Das muss sich doch än­dern, wenn es in Mou­tier ein gu­tes Zu­sam­men­le­ben ge­ben soll. Da­für braucht es in Mou­tier ei­nen kla­ren Ab­stim­mungs­ent­scheid. Das sieht man et­wa in Saint-Imier. Dort re­giert ein se­pa­ra­tis­ti­scher Ge­mein­de­prä­si­dent. Er macht sei­ne Ar­beit, bringt die Ge­mein­de vor­an. Er denkt zwar privat, dass Sain­tI­mier zum Kan­ton Ju­ra ge­hö­ren soll­te, aber er weiss, dass die Mehr­heits­ver­hält­nis­se klar pro­ber­nisch sind. In Mou­tier da­ge­gen gibt es kei­ne Be­we­gung al­ler, die den Ort vor­an­brin­gen wol­len. Ge­mein­sa­me Pro­jek­te mit den Nach­bar­ge­mein­den sind ge­stoppt, weil al­le auf den Ent­scheid der Kan­tons­zu­ge­hö­rig­keit war­ten. Wie er auch aus­fällt, er muss klar und oh­ne Ver­dacht auf Un­re­gel­mäs­sig­kei­ten aus­fal­len. Da­mit die Ver­lie­rer­sei­te weiss, dass sie sich nun dar­an ge­wöh­nen muss. Das Kli­ma wird sich ver­bes­sern, wenn die Mehr­heit nicht tri­um­phiert, son­dern die Min­der­heit mit Re­spekt be­han­delt.

Braucht Mou­tier ei­ne sol­che Ver­söh­nungs­ar­beit nicht schon ab so­fort?

Na­tür­lich soll­te man in Mou­tier die Leu­te an ei­nen Tisch brin­gen. Aber wer kann das? Ich ken­ne klu­ge, mo­de­ra­te Leu­te in Mou­tier. Sie ha­ben Angst da­vor, zu po­li­ti­sie­ren. Sie wol­len sich und ih­re Fa­mi­li­en schüt­zen. In bei­den La­gern von Mou­tier do­mi­nie­ren die Ex­tre­men. Der Kampf ist wirk­lich sehr hart und die ge­gen­sei­ti­ge Ver­ach­tung gross. Ei­ni­ge Bern­treue müs­sen enor­me Atta­cken er­tra­gen. Und auch die bern­treue SVP kom­mu­ni­ziert knall­hart. Dass sie die pro­ber­ni­sche Kam­pa­gne ge­führt hat und SP wie auch FDP da­bei un­sicht­bar wa­ren, war un­güns­tig.

Re­giert in Mou­tier der Ex­tre­mis­mus an­stel­le der De­mo­kra­tie?

Ich mag ex­tre­me Schlag­wör­ter wie Ex­tre­mis­mus nicht. Aber wenn man nur die ei­ge­ne Sei­te sieht und Leu­te aus­schliesst oder be­schimpft, die an­de­rer Mei­nung sind, dann hat das in der Tat we­nig mit de­mo­kra­ti­schem Re­spekt zu tun.

Muss die bis­her sehr zu­rück­hal­ten­de Eid­ge­nos­sen­schaft bei ei­ner er­neu­ten Ab­stim­mung in Mou­tier de­zi­dier­ter auf­tre­ten? Ja. Ich ha­be schon nicht ver­stan­den, dass man die ver­mit­teln­de In­ter­ju­ras­si­sche Ver­samm­lung un­ter der Füh­rung des Bun­des auf­ge­löst hat. Für ei­ne zwei­te Mou­tier-Ab­stim­mung soll­te man das Kon­troll­man­dat des Bun­des aus­wei­ten. So et­wa auf die Par­tei­nah­me von Ge­mein­de­be­hör­den im Ab­stim­mungs­kampf. Des­we­gen hat ja das Bun­des­ge­richt jüngst Ge­mein­de­ab­stim­mun­gen an­nul­liert. Soll­ten die Se­pa­ra­tis­ten mit ei­nem Re­kurs ans Bun­des­ge­richt ge­lan­gen, könn­te man auf des­sen Ent­scheid ge­spannt sein.

Ha­ben wir ei­gent­lich al­le ei­nen mehr oder we­ni­ger star­ken Se­pa­ra­tis­ten in uns, der sich von an­de­ren ab­gren­zen will, um sich als et­was Be­son­ders füh­len zu kön­nen?

Ich mer­ke ein­fach, dass sich die gros­se Mehr­heit der Be­völ­ke­rung mit ei­ner Grup­pe iden­ti­fi­zie­ren möch­te. An­ge­sichts der Glo­ba­li­sie­rung ist die­ses Be­dürf­nis heut­zu­ta­ge vi­el­leicht so­gar noch stär­ker als frü­her.

Mou­tier ste­hen an­ge­spann­te Wo­chen be­vor. Darf ich Sie zu ei­nem auf­bau­en­den Schluss­wort an al­le Be­tei­lig­ten des Kon­flikts ein­la­den?

Der deutsch­spra­chi­gen Ber­ner Mehr­heit möch­te ich sa­gen, dass sie Ver­ständ­nis da­für ha­ben soll, wie schmerz­haft die Zu­ge­hö­rig­keits­fra­ge für ei­ne sprach­li­che Min­der­heit sein kann. Dem Ber­ner Ju­ra wün­sche ich ein po­si­ti­ve­res Selbst­bild. Und den Se­pa­ra­tis­ten und dem Kan­ton Ju­ra möch­te ich zu­ru­fen: Wer die Re­gi­on durch ei­nen ech­ten Dia­log stär­ken statt spal­ten will, soll­te ak­zep­tie­ren, dass auch die An­ti­se­pa­ra­tis­ten im Ber­ner Ju­ra Ro­man­ds und Ju­ras­sier sind. Und: Es stimmt zwar, dass die Ber­ner Re­gie­rung vor 40 Jah­ren Feh­ler um Feh­ler ge­macht hat. Aber seit­her hat der Kan­ton sei­ne Po­li­tik ge­än­dert und die nö­ti­gen Schrit­te ge­macht, um der Ge­mein­de Mou­tier den Aus­zug zu er­lau­ben.

Pier­re-Yves Moe­sch­ler (65), in Ta­van­nes im Ber­ner Ju­ra auf­ge­wach­sen, kennt als His­to­ri­ker die Ge­schich­te des Ju­ra. Er lebt in der Stadt Biel, wo er Gym­na­si­al­leh­rer war und bis 2012 für die SP im Ge­mein­de­rat sass. Bern­hard Pul­ver ist der Josch­ka Fi­scher von Bern. So smart, wie der vor­ges­tern zum Ver­wal­tungs­rats­prä­si­den­ten der In­sel-Grup­pe ge­kür­te grü­ne Ber­ner Ex-Re­gie­rungs­rat den Kar­rie­re­sprung in die Wirt­schaft schafft, da­von könn­te so­gar der mit al­len Was­sern ge­wa­sche­ne deut­sche OberG­rü­ne et­was ler­nen.

Der heu­te 70-jäh­ri­ge Fi­scher trat 1985 als hes­si­scher «Turn­schuh­mi­nis­ter» an die Öf­fent­lich­keit, spä­ter gab der bril­lan­te Rhe­to­ri­ker in der rot-grü­nen Re­gie­rung den Vi­ze­kanz­ler und Aus­sen­mi­nis­ter. 2006 stieg er um in die Wirt­schaft, er zog Man­da­te des Au­to­kon­zerns BMW oder des Tech­no­lo­gie­rie­sen Sie­mens an Land. Bis heu­te sieht sich Fi­scher mit Kri­tik kon­fron­tiert, er ver­ra­te für hor­ren­de Ho­no­ra­re frü­he­re Idea­le und lie­fe­re der In­dus­trie grü­ne Deck­män­tel­chen.

Pul­ver hin­ge­gen bran­det in Bern aus al­len La­gern nur Ap­plaus ent­ge­gen, seit man weiss, dass er im Fe­bru­ar 2019 das mit rund 200 000 Fran­ken ent­löhn­te 60- bis 80-Pro­zen­tPen­sum als In­sel-Prä­si­dent an­tritt. Pul­ver, ge­wählt vom bür­ger­li­chen Re­gie­rungs­rat, schlüpft auf An­hieb in die Top Ten der Ber­ner Wirt­schafts­ka­pi­tä­ne. Ein spek­ta­ku­lä­re­rer Sprung von der Po­li­tik in die Wirt­schaft ist in der Schweiz noch kei­nem Grü­nen ge­lun­gen.

Grü­ne um­weht der My­thos, ein idea­lis­ti­sches Welt­bild zu ze­le­brie­ren und wirt­schaft­li­che Rech­nun­gen ger­ne zu ver­nach­läs­si­gen. Mäch­ti­ge Seil­schaf­ten zwi­schen Po­li­tik und Wirt­schaft, wie sie die SVP im Kan­ton Bern jahr­zehn­te­lang pfleg­te, kri­ti­sier(t)en Lin­ke lei­den­schaft­lich. Aus­ge­rech­net im bür­ger­lich do­mi­nier­ten Kan­ton Bern eta­bliert sich ei­ne an­de­re Pra­xis.

Als Mo­ritz Leu­en­ber­ger (SP) 2010 aus dem Bun­des­rat zu­rück­trat, stieg er in den Ver­wal­tungs­rat des Bau­rie­sen Im­ple­nia ein. Es ha­gel­te Kri­tik, weil er auf ei­nem Ge­biet tä­tig wur­de, das er vor­her po­li­tisch be­ackert hat­te. Bern­hard Pul­ver war als Re­gie­rungs­rat an der Vi­si­on be­tei­ligt, Bern zum füh­ren­den Me­di­zi­nal­stand­ort der Schweiz zu ma­chen. Jetzt, ein hal­bes Jahr nach sei­nem Ab­gang aus der Po­li­tik, wech­selt er hin­über zum füh­ren­den Un­ter­neh­men die­ser Stra­te­gie – ein heik­ler Job, für den er viel mit­bringt. Aber: Öf­fent­li­che Be­den­ken über den su­per­schnel­len Sei­ten­wech­sel und die Macht­kon­zen­tra­ti­on im Kan­ton? Null. Im Ge­gen­teil.

Bar­ba­ra Eg­ger (SP), 16 Jah­re lang Ber­ner Ener­gie­di­rek­to­rin und im Som­mer gleich­zei­tig mit Pul­ver ab­ge­tre­ten, wur­de kurz nach ih­rem Rück­tritt für den (vom Bür­ger­li­chen Wer­ner Lu­gin­bühl, BDP, prä­si­dier­ten) Ver­wal­tungs­rat der Kraft­wer­ke Ober­has­li (KWO) vor­ge­schla­gen. Andre­as Ri­cken­ba­cher (SP), seit sei­nem Rück­tritt als Re­gie­rungs­rat 2016 selbst­stän­di­ger Un­ter­neh­mer, liess sich noch im po­li­ti­schen Amt in den Ver­wal­tungs­rat von Bern­ex­po wäh­len und sitzt in­zwi­schen auch im (von Urs Ga­sche, BDP, prä­si­dier­ten) Ver­wal­tungs­rat der BKW. Der frü­he­re SPGross­rat Mar­kus Mey­er sitzt im Ver­wal­tungs­rat der Ge­bäu­de­ver­si­che­rung, Alt-SP-Gross­rat Bern­hard An­te­ner im Ver­wal­tungs­rat der BLS. Das ist der Main­stream im Kan­ton Bern.

Wo ist der Filz­vor­wurf ge­blie­ben? Selbst Bür­ger­li­che nei­gen zur An­sicht, dass be­son­ders in staats­na­hen Un­ter­neh­mun­gen auch lin­ke Ex-Po­li­ti­ke­rin­nen und -Po­li­ti­ker mit un­ter­neh­me­ri­schem Flair und ih­rem weit ver­zweig­ten Netz­werk gu­te Di­ens­te leis­ten – be­son­ders dann, wenn Pro­jek­te an­ste­hen, die Wi­der­stand we­cken könn­ten. Man kann auch ar­gu­men­tie­ren: In Spi­tä­lern oder bei Ener­gie­dienst­leis­tern kön­nen Ex-Po­li­ti­ker Ge­währ bie­ten, dass das öf­fent­li­che In­ter­es­se ge­wahrt bleibt. «Für Re­gie­rungs­rä­te ste­hen nicht ein­fach al­le Tü­ren of­fen», sag­te Bern­hard Pul­ver in die­ser Zei­tung kurz vor sei­nem Ab­tritt aus der Re­gie­rung. Heu­te kann man sa­gen: Im Kan­ton Bern ste­hen für Po­li­ti­ker vie­le Tü­ren of­fen. Auch für Lin­ke.

1985, als Josch­ka Fi­scher in Turn­schu­hen die deut­sche Po­li­tik auf­zu­mi­schen be­gann, hat­te Bern­hard Pul­ver in Bern gera­de die Ma­tur hin­ter sich und im Gym­na­si­um Neu­feld den Ruf hin­ter­las­sen, ein hart­nä­cki­ger Hin­ter­fra­ger eli­tä­rer Macht­struk­tu­ren zu sein. Mög­li­cher­wei­se wür­de der Pul­ver von 1985 dem Pul­ver von 2018 ein paar un­an­ge­neh­me Fra­gen stel­len. Die Feind­bil­der sind nicht mehr, was sie wa­ren, auf bei­den Sei­ten, und das ist gut so. Aber da­vor, sich an Macht und Ein­fluss zu ge­wöh­nen, ist nie­mand ge­feit. In der Me­di­zi­nalbran­che: Ex-Re­gie­rungs­rat Bern­hard Pul­ver. In der Ener­gie­bran­che: Ex-Re­gie­rungs­rä­tin Bar­ba­ra Eg­ger.

Fo­tos: bm

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