Der Flug­ha­fen­chef geht zur Un­zeit

Flug­ha­fen Die Kri­se im Belp­moss ver­schärft sich. Nach­dem der Haupt­kun­de Sky­work in Kon­kurs ge­gan­gen ist, schmeisst der Flug­ha­fen­chef Ma­thi­as Gan­ten­bein den Bet­tel hin.

Berner Zeitung (Stadt) - - Erste Seite - Ju­li­an Wit­schi

Bern-Belp Ma­thi­as Gan­ten­bein tritt nach le­dig­lich gut drei Jah­ren von sei­nem Chef­pos­ten beim Flug­ha­fen Bern zu­rück. Der Kon­kurs der Ber­ner Flug­ge­sell­schaft Sky­work, der des­halb nö­ti­ge Stel­len­ab­bau beim Flug­ha­fen und die Sis­tie­rung der Aus­bau­plä­ne hät­ten mit sei­nem Ent­scheid «kei­nen Zu­sam­men­hang». Gan­ten­bein sagt, er ha­be ein An­ge­bot er­hal­ten und über­neh­me die re­gio­na­le Lei­tung beim Rei­ni­gungs- und Un­ter­halts­un­ter­neh­men ISS. Er wird ein Ge­schäft mit rund 4400 Mit­ar­bei­ten­den und 155 Mil­lio­nen Fran­ken Um­satz füh­ren. Mit­te Fe­bru­ar kehrt er dem Belp­moos den Rü­cken und über­lässt den Flug­ha­fen in schwe­ren Zei­ten sei­nem Schick­sal. An­de­re Per­so­nen aus der Füh­rungs­crew und dem Ver­wal­tungs­rat könn­ten die Lü­cke vor­läu­fig schlies­sen und es las­se sich si­cher­lich ein ge­eig­ne­ter Nach­fol­ger fin­den, sagt Gan­ten­bein.

In den Ge­sprä­chen für ei­ne neue Li­ni­en­flug­ge­sell­schaft in Bern ist Gan­ten­bein bis­lang kein Durch­bruch ge­lun­gen. Der Ver­wal­tungs­rat hat­te ihm ei­ne Frist bis En­de Jahr ge­setzt. Die SP der Stadt Bern for­dert nun, dass der Flug­ha­fen da­mit auf­hört, neue Li­ni­en- und Char­ter­an­ge­bo­te zu su­chen.

Aus­ge­rech­net jetzt ver­liert der Flug­ha­fen Bern den Chef. Ma‑ thi­as Gan­ten­bein kün­digt zwei Mo­na­te nach der Kon­kurs‑ er­öff­nung über die Ber­ner Air‑ li­ne Sky­work sei­nen Ab­gang an. Da­bei steckt das Un­ter­neh­men in der Kri­se, mit dem wich­tigs‑ ten Kun­den ist ein Drit­tel der Ein­nah­men weg­ge­fal­len. Die Flug­ha­fen Bern AG hat be­reits rund 10 von 86 Stel­len ge­stri­chen und Aus­bau­plä­ne in die Schub‑ la­de ge­legt. Und es ist frag­lich, ob ei­ne neue Air­line ins Belp‑ moos kommt und ganz­jäh­ri­ge Li­ni­en­flü­ge an­bie­ten wird.

Das Groun­ding von Sky­work und die Sis­tie­rung der In­ves­ti‑ ti­ons­plä­ne hät­ten auf sei­nen Ent­scheid «kei­nen Ein­fluss» ge‑ habt, sagt Gan­ten­bein zu die­ser Zei­tung. Er ver­las­se den Flug‑ ha­fen auf ei­ge­nen Wunsch, weil ihm das Rei­ni­gungs‑ und Un­ter‑ halts­un­ter­neh­men ISS ei­ne an­spruchs­vol­le Füh­rungs­auf­ga‑ be an­ge­bo­ten ha­be. Näm­lich die Lei­tung der Re­gio­nen Es­pace Mit­tel­land, Nord­west­schweiz, Zen­tral­schweiz und Tes­sin. Gan­ten­bein wird da­mit von Bern aus ein Ge­schäft mit rund 4400 Mit­ar­bei­ten­den und 155 Mil­lio‑ nen Fran­ken Um­satz füh­ren.

Hat er kein schlech­tes Ge­wis‑ sen, dem schlin­gern­den Flug‑ ha­fen den Rü­cken zu keh­ren? «Ich ha­be die­se Chan­ce nicht ge­sucht, sie hat mich ge­fun­den», sagt Gan­ten­bein. Er be­tont, dass er bis Mit­te Fe­bru­ar noch über drei Mo­na­te im Amt sei und sich wei­ter­hin voll ein­ge­ben wer­de. Der Flug­ha­fen ver­fü­ge zu­dem über ei­ne er­fah­re­ne Füh­rungs‑ cr­ew und ei­nen un­ter­stüt­zen­den Ver­wal­tungs­rat, wel­che die Lü‑ cke für ei­ne mög­li­che Über‑ gangs­zeit schlies­sen könn­ten. Die Nach­fol­ger­su­che läuft. Ad in­te­rim lei­tet der stell­ver­tre­ten‑ de Di­rek­tor Mar­tin Lei­bund­gut das Un­ter­neh­men.

«Kei­nen Wech­sel ge­wollt»

Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent Beat Brech­bühl be­dau­ert den Ab­gang von Gan­ten­bein. Er kön­ne den Ent­scheid zwar nach­voll­zie­hen, für den Flug­ha­fen kom­me die­ser aber «zur fal­schen Zeit». Brech‑ bühl be­tont, er ha­be den Wech‑ sel des Flug­ha­fen­chefs nicht ge‑ wollt: «Ich ha­be ihn vor gut drei

«Für den Flug­ha­fen Bern kommt der Ab­gang des Chefs zur fal­schen Zeit.» Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent

Jah­ren ge­holt, und ich bin über‑ zeugt von ihm.» Gan­ten­bein sei avia­tisch, kom­mu­ni­ka­tiv und un­ter­neh­me­risch be­schla­gen, lob­te ihn Brech­bühl da­mals. Kri‑ ti­ker be­män­gel­ten da­ge­gen, dass Gan­ten­bein erst noch be­wei­sen müs­se, dass er der Auf­ga­be ge­wach­sen sei. Als er Flug­ha­fen‑ chef wur­de, war er 37 Jah­re alt.

Drei Jah­re spä­ter ver­lässt Gan‑ ten­bein die Avia­tik, mit der er pri­vat und be­ruf­lich stets ver‑ bun­den war: Er mach­te das Flug‑ bre­vet, heu­er­te wäh­rend des Wirt­schafts­stu­di­ums in Bern bei der Air En­gia­di­na an, dann stand er acht Jah­re bei der Cre­dit Suis­se un­ter Ver­trag, wo er sich mit Flug­zeug­fi­nan­zie­run­gen be‑ schäf­tig­te. Beim Bun­des­amt für Zi­vil­luft­fahrt lei­te­te er für zwei Jah­re die Spe­zi­al­fi­nan­zie­rung Luft­ver­kehr, und ab 2013 führ­te er die Bun­des­rei­se­zen­tra­le. Die Dok­tor­ar­beit schrieb Gan­ten­bein zur volks­wirt­schaft­li­chen Be­deu‑ tung des Flug­ha­fens Bern.

Sym­pa­thi­san­ten be­to­nen, wie wich­tig der Air­port sei. Die Wert‑ schöp­fung lie­ge im drei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­reich. Auch für Re‑ gie­rungs­rat Chris­toph Am­mann (SP) ist der wirt­schaft­li­che Nut­zen un­be­strit­ten. Das sag­te er zur Be­grün­dung für die öf­fent‑ li­chen Gel­der an den in­zwi­schen sis­tier­ten Aus­bau.

Ge­gen Li­ni­en­flü­ge

Doch im rot‑grü­nen La­ger gibt es vie­le er­bit­ter­te Geg­ner des Ber­ner Flug­ha­fens. Die SP der Stadt Bern «lehnt neue Li­ni­en‑ und Char­ter­an­ge­bo­te ent­schie‑ den ab». Das teil­te die Stadt­par­tei ges­tern mit, just we­ni­ge Mi­nu‑ ten vor Be­kannt­ga­be des Ab‑ gangs von Gan­ten­bein. Für die Ge­nos­sen soll­te der Re­gio­nal‑ flug­platz ge­stärkt wer­den zur Nut­zung als Ret­tungs­ba­sis so‑ wie für die zi­vi­le Nut­zung durch den Bund. Denn im Ge­gen­satz zu den oft pre­kä­ren An­stel­lungs‑ be­din­gun­gen im un­si­che­ren und

kurz­le­bi­gen Air­line‑Ge­schäft bö‑ ten die­se Ge­schäfts­fel­der ei­ne lang­fris­ti­ge Per­spek­ti­ve zu an‑ stän­di­gen Kon­di­tio­nen.

Der Flug­ha­fen sel­ber hat sich bis En­de Jahr Zeit ge­ge­ben, um nach der Sky­work‑Plei­te Er­satz‑ Air­lines für Li­ni­en‑ oder Char‑ ter­des­ti­na­tio­nen zu ge­win­nen. «Wir sind wei­ter­hin dar­an», sagt Brech­bühl, «aber es gibt noch kei­ne Lö­sung.» Zu den For­de­run‑ gen der SP Stadt Bern sagt Brech‑ bühl, er er­war­te nun auch ei­nen Vor­schlag, wie die Par­tei die In‑ fra­struk­tur für das ver­blei­ben­de An­ge­bot am Flug­ha­fen fi­nan­zie‑ ren wol­le. «Es freut mich, wenn die SP of­fen­bar die Ge­schäfts‑ flie­ge­rei an­er­kennt und be­reit ist zu In­ves­ti­tio­nen.» Brech­bühl zeigt sich wei­ter­hin über­zeugt, dass der Flug­ha­fen Bern als Ni­schen­an­bie­ter ei­ne Zu­kunft ha­be. Künf­tig ge­be es we­gen der stei­gen­den Nach­fra­ge zu we­nig Flug­plät­ze in der Schweiz, nicht zu vie­le.

Beat Brech­bühl

Fo­to: Adrian Mo­ser

Nach der Sky­work-Plei­te ein wei­te­rer Schlag für den Flug­ha­fen Bern: Un­ter­neh­mens­chef Ma­thi­as Gan­ten­bein macht den Ab­flug.

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