«Den Jun­gen wird zu viel ab­ge­nom­men»

Fuss­ball Thuns Trai­ner Marc Schnei­der sagt, jun­gen Fuss­bal­lern wer­de es heut­zu­ta­ge zu leicht ge­macht. Und der 38-Jäh­ri­ge er­zählt, wie sei­ne Toch­ter un­ter den Er­fol­gen der Young Boys lei­den muss.

Berner Zeitung (Stadt) - - Erste Seite - Do­mi­nic Wuil­le­min

Fuss­ball Thuns Trai­ner Marc Schnei­der er­zählt im In­ter­view, wie es ist, in ei­ner YB-Hoch­burg zu le­ben. Und er be­män­gelt die Schwei­zer Nach­wuchs­för­de­rung.

Ihr Fi­nanz­chef sag­te kürz­lich, beim FC Thun sei das Kos­ten­be­wusst­sein der­art aus­ge­prägt, dass sich je­der Mit­ar­bei­ter zwei­mal über­le­ge, ob er ein neu­es Strom­ka­bel be­nö­ti­ge. Der­weil er­hält YB durch die Teil­nah­me an der Cham­pi­ons Le­ague über 30 Mil­lio­nen Fran­ken. Wie ge­hen Sie mit die­sem Miss­ver­hält­nis um? Marc Schnei­der: Wir jam­mern nicht. Es ist ein­fach so: Bei­de Clubs spie­len in der Su­per Le­ague und doch in zwei ver­schie­de­nen Li­gen. Der Zu­schau­er neigt da­zu, dies zu ver­ges­sen. Es ist schwer vor­stell­bar, dass in den nächs­ten Jah­ren der Meis­ter nicht aus Bern oder Ba­sel kom­men wird.

Der FC Thun er­hält dank der Teil­nah­me von YB an der Cham­pi­ons Le­ague So­li­da­ri­täts­zah­lun­gen der Ue­fa von rund ei­ner hal­ben Mil­lio­nen. Ist das Wort So­li­da­ri­tät nicht ein Hohn bei der Dif­fe­renz der Be­trä­ge?

Wir sind dank­bar für je­den Fran­ken, den wir er­hal­ten. In Bern wur­de in letz­ter Zeit her­vor­ra­gend ge­ar­bei­tet, der Club hat sich die Cham­pi­ons-Le­ague-Ein­nah­men ver­dient. Und YB kauft ab und zu ei­nen un­se­rer Spie­ler. In­so­fern pro­fi­tie­ren auch wir ein Stück weit.

Der letz­te die­ser Trans­fers ist San­dro Lau­per. Was geht Ih­nen durch den Kopf, wenn Sie ihn in der Cham­pi­ons Le­ague ge­gen Ju­ven­tus Tu­rin und Va­len­cia spie­len se­hen?

Es freut mich enorm. Sein Bei­spiel wie je­nes von Chris­ti­an Fass­nacht und Sék­ou Sa­no­go, die auch ei­ne Thu­ner Ver­gan­gen­heit ha­ben, zei­gen mei­nen Spie­lern: Wer hart ar­bei­tet, kann es weit brin­gen.

«YB und Thun spie­len in zwei ver­schie­de­nen Li­gen.»

Fass­nacht wur­de mit 14 beim FCZ aus­sor­tiert, Lau­per mit 18 bei YB. Wie ist es mög­lich, dass Spie­ler, die in der Cham­pi­ons Le­ague ge­nü­gen, durchs Ras­ter fal­len?

Ich glau­be, es wur­den kei­ne Feh­ler be­gan­gen. Sie wa­ren klein und schmäch­tig. In die­sem Al­ter kann sich die kör­per­li­che Ent­wick­lung enorm un­ter­schei­den.

Soll­ten Clubs nicht Aspek­te wie Tech­nik und Spiel­in­tel­li­genz hö­her ge­wich­ten?

Im Nach­hin­ein ist man im­mer schlau­er. Auf Nach­wuchs­stu­fe muss man re­gel­mäs­sig se­lek­tio­nie­ren, Ent­schei­de tref­fen. So­wohl bei Fass­nacht wie bei Lau­per wer­den die Clubs ih­re Grün­de ge­ge­ben ha­ben.

Als Lau­per von YB zu Thun kam, durf­te er mit der ers­ten Mann­schaft trai­nie­ren. Das spricht da­für, dass sein Po­ten­zi­al so­fort er­kannt wur­de.

Wir merk­ten rasch, dass er Fuss­ball spie­len kann. Aber er war ein Bu­bi: Ich weiss noch ge­nau, wie ihn Urs (Trai­ner Fi­scher, Anm. Red.) im ers­ten Trai­ning ab­sicht­lich schubs­te, San­dro fiel bei­na­he hin. Urs sag­te zu ihm: Ge­nau dar­an musst du ar­bei­ten. Spä­ter ver­letz­te er sich, in die­ser Zeit merk­te er, was er brauch­te, um Pro­fi zu wer­den. Da­nach ist er durch­ge­star­tet.

Sie mein­ten ein­mal, Sie wür­den beim FC Thun Spie­ler be­vor­zu­gen, die nie als gros­ses Ta­lent gal­ten. War­um?

Vie­le der U-Na­tio­nal­spie­ler wer­den in ih­ren Ver­ei­nen wie Hel­den be­han­delt, ver­hät­schelt, weil sie ja nicht auf den Ge­dan­ken kom­men sol­len, den Ver­ein zu wech­seln. Und auf dem Platz sind sie dank ih­rem Ta­lent über­le­gen. Dann kom­men sie zu den Pro­fis ...

… und?

Der Kon­kur­renz­kampf ist viel grös­ser, sie spie­len nicht oft, schiessen kei­ne To­re. Plötz­lich sind sie nicht mehr die Su­per­he­roes. Und wis­sen nicht, wie sie da­mit um­ge­hen sol­len.

Was soll­te sich än­dern?

Den Jun­gen wird zu viel ab­ge­nom­men. Es gibt 16-Jäh­ri­ge, die le­ben wie Pro­fis, ha­ben schon Be­ra­ter. Wie soll da ein Ju­gend­li­cher ler­nen, selbst­stän­dig Ent­schei­de zu tref­fen? Wenn sie dann am En­de ih­rer Kar­rie­re an­ge­langt sind, sind sie im nor­ma­len Le­ben über­for­dert.

Dar­aus schlies­se ich, dass Sie

kein Fan von Nach­wuchs­cam­pus sind.

Ich er­ach­te es als vor­teil­haft, wenn ein Ta­lent in ei­nem mög­lichst nor­ma­len Um­feld auf­wach­sen kann. Ei­ne Leh­re zu ab­sol­vie­ren, scha­det be­stimmt nicht. Frü­her sag­ten wir hier: Wenn wir ei­nen U-21-Na­tio­nal­spie­ler ver­pflich­ten kön­nen, tun wir das. Mitt­ler­wei­le über­le­gen wir uns dies ge­nau. Ta­lent wird oft über­be­wer­tet, wich­ti­ger sind Cha­rak­ter, Biss, Wil­le.

Ha­ben Sie Bei­spie­le?

Von den Spie­lern, mit de­nen ich im U-18-Na­tio­nal­team war, setz­ten sich vier durch: Ma­rio Rai­mon­di, Re­mo Mey­er, Re­to Zan­ni und ich.

Mit Ver­laub: Bis auf Rai­mon­di ge­hör­ten Sie al­le zur Ka­te­go­rie Wa­den­beis­ser.

Ab­so­lut. Von den Su­per­ta­len­ten, die in al­ler Mun­de wa­ren, schaff­te es hin­ge­gen kei­nes nach oben. Wir müs­sen auf­pas­sen, sol­che Spie­ler nicht zu früh zu hy­pen.

Ist das mög­lich, wenn Ih­nen von den Be­ra­tern Ho­nig um den Mund ge­stri­chen wird?

Be­ra­ter sind nicht nur Fluch, son­dern auch Se­gen. Es gibt et­li­che gu­te Be­ra­ter, die kri­tisch mit ih­ren Spie­lern sind, in­di­vi­du­ell mit ih­nen ar­bei­ten, sie wei­ter­brin­gen. Ich bin aber der Mei­nung: Ein Ju­gend­spie­ler braucht kei­nen Be­ra­ter.

«Mein fünf­jäh­ri­ger Sohn ist mein Be­ra­ter.»

Hat­ten Sie ei­nen Be­ra­ter?

Als ich 2002 von Thun zum FC Zürich wech­sel­te, wur­de mir ein Be­ra­ter emp­foh­len. Ich en­ga­gier­te ihn, hör­te dann erst wie­der bei der Ver­trags­ver­län­ge­rung von ihm. Da dach­te ich: Das kann ich auch al­lein ma­chen.

Wel­che Er­fah­run­gen ha­ben Sie ge­macht?

Nur Po­si­ti­ve. Ich kann mich ge­nau an die Ver­hand­lun­gen mit dem FC St. Gal­len er­in­nern. Ich auf der ei­nen Sei­te des Ti­sches, auf der an­de­ren Prä­si­dent, Sport­chef, Fi­nanz­chef und Trai­ner. Man lernt auf­zu­tre­ten, sich zu ver­kau­fen, sei­nen Mann ge­gen äl­te­re Men­schen zu ste­hen. Man ent­wi­ckelt sich als Per­son wei­ter.

Läuft man nicht Ge­fahr, sich un­ter Wert zu ver­kau­fen? Durch Ge­sprä­che mit Mit­spie­lern kennt man sei­nen un­ge­fäh­ren Wert, weiss, wer wie viel ver­dient, wel­cher Club wie viel be­zahlt. Ich glau­be so­gar, ich mach­te bei Lohn­ver­hand­lun­gen den Bes­se­ren. Weil die Pro­vi­si­on für den Be­ra­ter weg­fiel.

Heut­zu­ta­ge ha­ben auch Trai­ner Be­ra­ter. Was hal­ten Sie da­von? Ich kann mir vor­stel­len, dass ein Be­ra­ter hel­fen kann, wenn man ar­beits­los ist, ei­nen Wech­sel an­strebt, wo­mög­lich ins Aus­land. Ich brau­che kei­nen. Mein fünf­jäh­ri­ger

Sohn ist mein Be­ra­ter. (lacht)

Dann wird er sich schon bes­tens aus­ken­nen.

Er stö­bert mit Hin­ga­be auf mei­nem Han­dy in ei­ner App, in der sich al­le Re­sul­ta­te che­cken las­sen. Er kennt je­den Club, je­de Ab­kür­zung. Für ihn gibt es vom Mor­gen bis zum Abend nur Fuss­ball.

Wie ver­hält es sich bei Ih­rer 10-jäh­ri­gen Toch­ter?

Sie ist vor al­lem ein rie­sen­gros­ser Fan des FC Thun. Wir woh­nen in Ger­zen­see, ei­ner YBHoch­burg. Das ist für sie nicht im­mer ein­fach.

Weil sie sich Sprü­che ge­fal­len las­sen muss?

Kin­der kön­nen bru­tal sein. Als sich YB letz­te Sai­son auf dem Weg zum Ti­tel be­fand und wir zeit­wei­se am Ta­bel­len­en­de la­gen, be­kam sie vie­les zu hö­ren. Es gab Trä­nen. Zu­mal mei­ne Toch­ter die Zu­sam­men­hän­ge ver­steht. Sie weiss, mit je­der Nie­der­la­ge steigt der Druck auf den Va­ter.

Sind die Er­fol­ge der Young Boys denn eher Vor- oder Nach­teil für den FC Thun?

Wir ha­ben nichts da­von, wenn es YB schlecht läuft. Ich glau­be auch nicht, dass wir we­gen des Meis­ter­ti­tels und der Cham­pi­ons Le­ague Zu­schau­er an YB ver­lie­ren. Im Ge­gen­teil: Mit je­dem Jahr in der Su­per Le­ague wächst un­se­re Fan­ba­sis ein Stück­chen.

Fo­to: Ra­pha­el Mo­ser

Thu­ner Ei­gen­ge­wächs: Marc Schnei­der lan­cier­te beim FC Thun sei­ne Kar­rie­re, spiel­te spä­ter auch für YB. Seit Som­mer 2017 ist er Trai­ner beim FC Thun.

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