Für je­den Punkt Vor­sprung ei­ne Fra­ge

Fussball Ers­ter ge­gen Zwei­ter – und doch kein ech­ter Spit­zen­kampf: Der sou­ve­rä­ne Le­a­der und Meis­ter YB emp­fängt heu­te mit 18 Punk­ten Vor­sprung den über­ra­schen­den Ver­fol­ger Thun zum Der­by. Wir ha­ben bei­den Cap­ta­ins die glei­chen 18 Fra­gen ge­stellt.

Berner Zeitung (Stadt) - - Erste Seite - Do­mi­nic Wuil­le­min und Fa­bi­an Ruch

Fussball Der Ers­te YB emp­fängt heu­te den Zwei­ten Thun. Vor dem Der­by be­ant­wor­ten die Cap­ta­ins Den­nis He­di­ger und Ste­ve von

er­gen die­sel­ben 18 Fra­gen.

Ist das Der­by YB - Thun über­haupt et­was Spe­zi­el­les? Ste­ve von Ber­gen: Ja, si­cher, zu­mal uns die Thu­ner in den letz­ten Jah­ren oft ge­är­gert ha­ben. Es ist für uns ein schwie­ri­ges Spiel, es ist das Du­ell Gross ge­gen Klein, und es wird über 25 000 Zu­schau­er im Sta­di­on ha­ben. Den­nis He­di­ger: Ich fin­de schon. Ich war YB-Ju­ni­or, bin Bern im­mer noch sehr ver­bun­den, ken­ne vie­le Leu­te, die im Sta­di­on sein wer­den. Wenn ich mich bei uns im Quar­tier in Os­ter­mun­di­gen mit YB-Fans un­ter­hal­te, ha­be ich das Ge­fühl, dass man in Bern durch­aus Sym­pa­thi­en für den FC Thun hegt.

Ist es bei 18 Punk­ten Vor­sprung von YB ein Spit­zen­kampf?

Von Ber­gen: Ein ech­ter Spit­zen­kampf ist es für mich, wenn die Le­a­der­po­si­ti­on wech­seln kann. Lei­der kann ich nicht mit­spie­len nach mei­ner Fuss­ver­let­zung. Aber es hat mir zu­letzt beim 3:1-Sieg in Ba­sel als Zu­schau­er viel Spass ge­macht, wie stark wir ge­spielt ha­ben. Das war ja auch das Du­ell Ers­ter ge­gen Zwei­ter.

He­di­ger: Es ist nicht so, dass YB un­se­ren Atem im Na­cken spürt. Es ist zwar das Du­ell Ers­ter ge­gen Zwei­ter, aber den­noch kei­nes auf Au­gen­hö­he.

Was er­staunt Sie mehr: der ge­wal­ti­ge Vor­sprung der Young Boys oder die Hoch­pha­se des FC Thun?

Von Ber­gen: De­fi­ni­tiv un­ser Vor­sprung. 18 Punk­te mehr als der Zwei­te nach 16 Run­den, das ist Wahn­sinn und fast nicht mög­lich. Der Er­folg der Thu­ner ist kein Zu­fall, sie ar­bei­ten se­ri­ös und ho­len das Op­ti­mum her­aus. He­di­ger: Wä­re ich von un­se­rem Er­folg über­rascht, wür­de ich uns sel­ber schlecht­re­den. Wir könn­ten gar noch mehr Punk­te ha­ben. Mit wel­cher Kon­stanz YB die Sai­son trotz Zu­satz­be­las­tung durch die Cham­pi­ons Le­ague oh­ne Jam­mern über mü­de Bei­ne durch­zieht, ist be­ein­dru­ckend.

Wür­den Sie beim Geg­ner vom Sams­tag auch funk­tio­nie­ren? Von Ber­gen: Das weiss ich nicht, das ist kein The­ma für mich. Wir ha­ben viel Re­spekt vor den Thu­nern, von de­nen es im­mer

heisst, sie wür­den so­wie­so ab­stei­gen, hät­ten das kleins­te Bud­get, sei­en chan­cen­los. Ih­re Phi­lo­so­phie ist top, die Ver­ant­wort­li­chen ar­bei­ten über­ra­gend, die Thu­ner ge­ben im­mer wie­der jun­gen Spie­lern ei­ne Chan­ce. Die­se sind gut aus­ge­bil­det, das weiss ich, weil ei­ni­ge ja dann zu uns wech­seln (lacht). He­di­ger: Ich könn­te mir gut vor­stel­len, dass ich bei YB funk­tio­nie­ren wür­de. Der Ver­ein ist ge­sund, von oben bis un­ten zie­hen al­le am sel­ben Strang. Ich glau­be, an an­de­ren Or­ten hät­te ich mehr Läm­pe (schmun­zelt).

Was ist Ih­re schöns­te Der­byer­in­ne­rung? Von Ber­gen: Mei­ne Pre­mie­re 2013 ist mir sehr in Er­in­ne­rung ge­blie­ben. Es war ei­nes der ers­ten Spie­le mit YB, wir la­gen früh 0:2 zu­rück, YBLeih­spie­ler Jo­sef Mar­ti­nez spiel­te für Thun sehr stark. Die­se Kon­stel­la­ti­on fand ich ir­gend­wie ku­ri­os. Am En­de ge­wan­nen wir noch mit 3:2.

He­di­ger: Das 2:2 von Sti­pe Ma­tic in der Nach­spiel­zeit im Ju­ni 2013. Dank die­sem Tor qua­li­fi­zier­ten wir uns im letz­ten Sai­son­spiel für die Eu­ro­pa Le­ague. Ich hat­te das Ge­fühl, das Sta­di­on in Thun wür­de bren­nen.

Wel­chen Spie­ler des Geg­ners hät­ten Sie ger­ne im Team?

Von Ber­gen: Wir ha­ben mit San­dro Lau­per, Chris­ti­an Fass­nacht und Sék­ou Sa­no­go schon ei­ni­ge sehr gu­te Ex-Thu­ner.

He­di­ger: Ich wür­de Fass­nacht zu­rück­ho­len. Er ist ein coo­ler Typ, der un­auf­ge­regt sein Ding durch­zieht, auf den im­mer Ver­lass ist. Er pass­te per­fekt zu uns.

War­um sind Sie ei­gent­lich ein gu­ter Cap­tain?

Von Ber­gen: Dank Er­fah­rung und Ru­he kann ich dem Team hel­fen. Als Cap­tain muss man Le­a­dership zei­gen, vor al­lem in schlech­ten Zei­ten. Und man ist im­mer auch ei­ne Art Ver­bin­dung zwi­schen Team und Trai­ner. He­di­ger: Weil ich ei­nen ge­sun­den Men­schen­ver­stand ha­be. Ich traue mir zu, Din­ge an­zu­spre­chen, ge­he Kon­flik­ten nicht aus dem Weg. Und ich bin of­fen für an­de­re Mei­nun­gen.

Ist der Cap­tain des Der­by­geg­ners ein gu­ter Cap­tain?

Von Ber­gen: Ja. Er ist ei­ne Per­sön­lich­keit. Als Cap­tain muss man den Weg vor­ge­ben, ein Vor­bild sein und al­les für den Er­folg tun. So wie Den­nis He­di­ger. He­di­ger: Ste­ve von Ber­gen muss ein sehr gu­ter Cap­tain sein. Er geht im­mer vor­aus, hilft den Mit­spie­lern, gibt ih­nen Si­cher­heit. Das lässt sich auch dar­an er­ken­nen, dass es nicht dar­auf an­kommt, wer ne­ben ihm in der In­nen­ver­tei­di­gung spielt. Es kommt fast im­mer gut.

Was ist die wich­tigs­te Auf­ga­be als Cap­tain – und was mö­gen Sie an Ih­rem Amt nicht?

Von Ber­gen: Ent­schei­dend ist, dass man of­fen kom­mu­ni­ziert und ei­ne Miss­stim­mung im Ka­der nicht zu­lässt. Es darf kei­ne Grüpp­chen­bil­dung ge­ben, man muss al­so in­te­gra­tiv ar­bei­ten. Es gibt ei­gent­lich nichts, was mich stört. Was ich ge­ne­rell has­se: wenn ge­lo­gen wird oder hin­ten­rum Stim­mung ge­macht wird. He­di­ger: Ich bin der ver­län­ger­te Arm des Trai­ners. Auf dem Platz kann er nur be­dingt Ein­fluss neh­men, er sieht nicht im­mer, was in der Ka­bi­ne oder in der Frei­zeit pas­siert. Da ist es es­sen­zi­ell, dass ich als Cap­tain die Phi­lo­so­phie mit­tra­ge. Was ich we­ni­ger mag, ist die ei­ne oder an­de­re Sit­zung, bei der ich mich fra­ge: Ist das nö­tig? Et­wa, wenn im Mann­schafts­rat dar­über dis­ku­tiert wird, wel­che Lauf­schu­he wir für die nächs­te Sai­son aus­wäh­len wol­len oder was es nach dem Spiel zu es­sen ge­ben soll.

Wie sieht der Stra­fen­ka­ta­log aus – und gibt es spe­zi­el­le Stra­fen? Von Ber­gen: Da geht es in ers­ter Li­nie um Dis­zi­plin. Kei­ner steht über den Re­geln. Es gibt Stra­fen bei Ver­spä­tun­gen oder wenn man Ter­mi­ne nicht ein­hält, et­wa in der Phy­sio oder bei Spon­so­ren. Im Üb­ri­gen ha­ben wir auch gu­te Spon­so­ren im Ka­der, wel­che die Mann­schafts­kas­se re­gel­mäs­sig fül­len und ei­nen Teil ih­res Loh­nes ins Team in­ves­tie­ren (schmun­zelt). Das ist schön, weil wir dann ei­nen net­ten An­lass or­ga­ni­sie­ren kön­nen. He­di­ger: Wir ha­ben ei­ne Ein­heits­bus­se, die zum Bei­spiel bei Ver­spä­tun­gen oder fal­scher Te­nü­wahl fäl­lig wird. Bei grö­be­ren Ver­ge­hen sind der Trai­ner und die Ver­eins­füh­rung im Le­ad.

Müs­sen Sie zu­wei­len auch in die Team­kas­se ein­zah­len?

Von Ber­gen: In fünf­ein­halb Jah­ren bei YB muss­te ich nur ein­mal zah­len, als ich zu spät an ei­nen Ter­min ge­kom­men bin.

He­di­ger: Na­tür­lich. Kürz­lich in Sit­ten ha­be ich mich zu stark über den Schieds­rich­ter ener­viert, die Gel­be Kar­te muss­te ich be­rap­pen. Und wenn ich Ge­burts­tag ha­be, muss ich wie je­der an­de­re ei­nen

Apé­ro be­zah­len.

Wie ste­hen Sie zu So­ci­al Me­dia, und wie sehr stö­ren Sie die Ak­ti­vi­tä­ten der jun­gen Spie­ler?

Von Ber­gen: Ich ha­be kein Pro­blem da­mit. Bloss muss ich manch­mal la­chen, wenn ich in die Ka­bi­ne kom­me und 7 von 9 Spie­lern hän­gen am Han­dy und pos­ten Bil­der. Ich wer­de nie ver­ste­hen, wie man so viel Zeit mit die­sen Din­gen ver­brin­gen kann. Ich bin halt aus ei­ner an­de­ren Generation. Aber es gibt auch coo­le oder lus­ti­ge Sa­chen im In­ter­net. Wenn ir­gend­ei­ner wie­der ei­nen tol­len Trick ge­zeigt oder ein Su­per­tor ge­schos­sen hat, er­fah­re ich es je­weils so­fort von den jun­gen Mit­spie­lern. He­di­ger: Bei uns be­steht in der Ka­bi­ne Han­dy­ver­bot, was ich sehr be­grüs­se. Ich hät­te gros­se Mü­he, wür­de ei­ner Vi­de­os aus der Ka­bi­ne ver­brei­ten. Wir beim

FC Thun le­ben da­von, dass sich die Spie­ler mit­ein­an­der be­schäf­ti­gen, oh­ne Zu­sam­men­halt könn­ten wir nichts er­rei­chen. Man muss zu­dem auch nicht stän­dig die News che­cken. Wem der Ba­che­lor nun die letz­te Ro­se ge­ge­ben hat – das muss wirk­lich nie­mand wis­sen. Wie er­klä­ren Sie sich die gros­sen Ber­ner Er­fol­ge und die ak­tu­el­le Do­mi­nanz im Fussball und Eis­ho­ckey, Hand­ball und Uni­ho­ckey?

Von Ber­gen: Das ist ei­ne schö­ne Sa­che für al­le Ber­ner, sie soll­ten es ge­nies­sen. Bern ist ei­ne Sport­stadt. Ich bin nicht im De­tail über je­de Sport­art in­for­miert und ken­ne Bern nicht so gut, weil ich ja lan­ge bei an­de­ren Ver­ei­nen und im Aus­land ge­spielt ha­be und heu­te in Neuenburg woh­ne. Klar ist: Gu­te Ar­beit und ho­he Qua­li­tät zah­len sich im­mer aus. He­di­ger: Es war ein­drück­lich zu se­hen, wel­che Be­geis­te­rung der Meis­ter­ti­tel von YB aus­ge­löst hat. Die Spie­le des SC Bern ver­fol­ge ich re­gel­mäs­sig im Sta­di­on, kürz­lich sas­sen wir als Mann­schaft bei ei­nem Spiel von Wa­cker Thun auf der Tri­bü­ne. Ich ha­be den Ein­druck, übe­r­all in den Ber­ner Clubs sind ver­nünf­ti­ge, an­stän­di­ge, be­schei­de­ne Men­schen am Werk. So wie der ty­pi­sche Ber­ner nun mal ist. Das wirkt sich po­si­tiv aus.

«Ich ha­be ei­nen ge­sun­den Men­schen­ver­stand und ge­he den Kon­flik­ten nicht aus dem Weg.» Den­nis He­di­ger 32 Jah­re alt, spielt seit 2010 beim FC Thun.

«Mit mei­ner Er­fah­rung und Ru­he kann ich dem Team hel­fen. Ent­schei­dend ist ei­ne of­fe­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on.» Ste­ve von Ber­gen 35 Jah­re alt, spielt seit 2013 bei den Young Boys.

Hät­te man Ih­nen vor der Sai­son ge­sagt, YB ha­be am 8. De­zem­ber 18 Punk­te Vor­sprung, wie hät­ten Sie ge­ant­wor­tet?

Von Ber­gen: Ich hät­te sehr laut ge­lacht und ge­sagt: un­mög­lich! Das heisst nicht, dass ich uns nicht ei­ne so star­ke Sai­son zu­ge­traut hät­te. Der Vor­sprung ist aber schon gross und ziem­lich un­ge­wöhn­lich.

He­di­ger: Ich hät­te es für ei­ne hoch­eu­pho­ri­sche Pro­gno­se ei­nes Fans ge­hal­ten.

Und hät­te man Ih­nen vor der Sai­son ge­sagt, Thun sei am 8. De­zem­ber ers­ter YB-Ver­fol­ger, wie hät­ten Sie ge­ant­wor­tet?

Von Ber­gen: Auch dar­auf hät­te ich nicht ge­wet­tet.

He­di­ger: Wir trau­en uns viel zu. Aber hät­te je­mand von uns dies öf­fent­lich pro­phe­zeit, hät­te es ge­heis­sen: «Spinnst du?»

Wie vie­le Punk­te Vor­sprung hat YB En­de Sai­son? Von Ber­gen: Es ist noch ein lan­ger Weg bis zum Meis­ter­ti­tel. Wich­tig ist, dass YB am En­de wie­der auf Rang 1 steht. Es wä­re je­doch we­nig hilf­reich, wür­de ich nun ei­ne Zahl nen­nen.

He­di­ger: Die Punkt­zahl ist nicht re­le­vant. Klar ist: YB wird die Sai­son durch­zie­hen. Auch mög­li­che Ab­gän­ge im Win­ter wer­den das Team kaum de­sta­bi­li­sie­ren.

Und auf wel­chem Rang wird Thun die Sai­son be­en­den?

Von Ber­gen: Un­ter den Top 4. He­di­ger: Wich­tig ist, dass wir die Vor­run­de gut ab­schlies­sen. Un­ser pri­mä­res Sai­son­ziel ist der Li­ga­er­halt. Wenn mehr drin liegt, um­so bes­ser.

Wie en­det das Der­by am Sams­tag?

Von Ber­gen: Wir ge­win­nen 2:0. He­di­ger: Wir siegen und sind be­reit, ein Aus­ru­fe­zei­chen zu set­zen.

Fo­tos: Ra­pha­el Mo­ser/Fresh­fo­cus

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