So­zi­als­tern für Schrei­ne­rei aus Zä­zi­wil

Zä­zi­wil Seit über dreis­sig Jah­ren setzt sich Ro­land Bau­mann für die be­ruf­li­che In­te­gra­ti­on von Men­schen ein, die es schwer ha­ben im Le­ben. Ges­tern er­hielt er für sein En­ga­ge­ment den Ber­ner So­zi­als­tern.

Berner Zeitung (Stadt) - - Erste Seite - Ste­pha­nie Jun­go

Ar­beits­in­te­gra­ti­on Gros­se Eh­re für die Bau­mann und Eg­gi­mann AG: Die Schrei­ne­rei er­hält den Ber­ner So­zi­als­tern 2018. Weil die von Ro­land Bau­mann ge­führ­te Fir­ma Men­schen mit psy­chi­scher Be­ein­träch­ti­gung be­ruf­lich in­te­griert. Die Idee da­zu hat­te er, als ihm bei ei­nem Auf­trag Sucht­kran­ke zur Hand gin­gen.

Zwei Ga­bel­stap­ler kom­men sich in die Que­re. Der ei­ne will rein, der an­de­re raus. «Es ist ein biss­chen eng hier», sagt Ro­land Bau­mann, Ge­schäfts­füh­rer der Schrei­ne­rei Bau­mann und Eg­gi­mann in Zä­zi­wil. Er schiebt zwei Con­tai­ner zur Sei­te und bit­tet in sein Bü­ro. Dort an­ge­kom­men, zieht er die Tür hin­ter sich zu: «Die An­ge­stell­ten wis­sen noch nichts.» Dass die Schrei­ne­rei den So­zi­als­tern er­hält, soll ei­nen Tag vor der Ver­lei­hung noch ei­ne Über­ra­schung blei­ben. Mit dem Preis wer­den Un­ter­neh­men aus­ge­zeich­net, die sich für die be­ruf­li­che In­te­gra­ti­on von Men­schen mit psy­chi­schen Be­ein­träch­ti­gun­gen ein­set­zen.

Ge­gen die Wert­lo­sig­keit

«An­ge­fan­gen ha­be ich als Ein­mann­be­trieb», er­zählt Bau­mann (56). Das ist über dreis­sig Jah­re her. Ta­ten statt Wor­te, die­ser bi­bli­sche Leit­satz be­glei­te­te ihn von An­fang an: Er stell­te da­mals im­mer wie­der Mit­ar­bei­ter an, die es nicht leicht hat­ten im Le­ben. Men­schen mit Sucht­pro­ble­men oder psy­chi­schen Lei­den. Men­schen, die an­de­re Un­ter­neh­men nicht ein­stel­len woll­ten.

Die Idee da­zu hat­te er wäh­rend ei­nes Auf­trags in ei­ner Re­ha, wo ihm Sucht­kran­ke zur Hand gin­gen. «Ich sah, wie die Ar­beit Iden­ti­tät stif­ten kann. Die Men­schen be­kom­men ei­ne Auf­ga­be und füh­len sich nicht mehr wert­los.»

Mitt­ler­wei­le hat Bau­mann ex­pan­diert. Heu­te zählt die Schrei­ne­rei rund 50 Mit­ar­bei­ter. Vie­les ist gleich ge­blie­ben. Noch im­mer gibt Bau­mann Men­schen ei­ne Chan­ce, die Mü­he ha­ben, sich auf dem Ar­beits­markt zu be­haup­ten. «Na­tür­lich ach­ten wir dar­auf, ge­nü­gend Um­satz zu ma­chen. Den­noch ist es uns wich­tig, in die Men­schen zu in­ves­tie­ren.»

Zum Team der Schrei­ne­rei ge­hört auch Tho­mas Joss. Sei­ne Ge­burt sei schwie­rig ge­we­sen, er­zählt der 32-Jäh­ri­ge. Im Al­ter von drei Jah­ren folg­te ein Au­to­un­fall. Die Schu­le hat ihm Mü­he be­rei­tet. Den­noch fand er ei­ne pas­sen­de An­schluss­lö­sung: «Als ich wuss­te, dass ich Schrei­ner wer­den woll­te, ha­be ich schnell ei­ne

An­leh­re ge­fun­den.» Die­se ha­be er an ei­nem Frei­tag ab­ge­schlos­sen und am dar­auf­fol­gen­den Mon­tag bei Bau­mann an­ge­fan­gen. Drei­zehn Jah­re ist das her. «Das zeigt wohl, dass ich mich hier wohl­füh­le.

Für das Wohl­be­fin­den

Wenn Bau­mann je­man­den ein­stellt, der die ge­for­der­te Leis­tung nicht – oder noch nicht – er­brin­gen

kann, gibt es fast im­mer Lö­sun­gen. «Manch­mal müs­sen Mit­ar­bei­ter erst wie­der ler­nen, ih­re Fä­hig­kei­ten ab­zu­ru­fen.» In die­ser Pha­se zahlt Bau­mann ei­nen tie­fe­ren Lohn, Zu­schüs­se er­hält der Mit­ar­bei­ter durch Er­gän­zungs­leis­tun­gen oder durch die IV. «So­bald die Leis­tung bes­ser wird, er­hö­hen wir den Lohn, und im Ge­gen­zug sin­ken die Zu­schüs­se.» Zu­gu­te kommt Bau­mann,

dass die Schrei­ne­rei un­ter an­de­rem Tü­ren im Auf­trag an­de­rer Un­ter­neh­men her­stellt. Dies in ei­nem stan­dar­di­sier­ten Pro­zess, der sich im­mer wie­der­holt. «Das mag für man­che zwar ein­tö­nig wir­ken, an­de­re füh­len sich bei die­ser Tä­tig­keit aber wohl.»

Tho­mas Joss be­stä­tigt die Aus­sa­ge sei­nes Chefs. «Schnel­le Wech­sel bei mei­nen Auf­ga­ben fal­len mir schwer. Des­halb bin ich froh, wenn ich län­ge­re Zeit das­sel­be ma­chen kann.» Ei­nen Job­wech­sel könn­te sich Tho­mas Joss zur­zeit nicht vor­stel­len.

Und ein Dan­ke­schön

Zwei­fel an sei­nem En­ga­ge­ment sind Bau­mann nie ge­kom­men. «Wenn schon, hät­te ich das gan­ze Ge­schäft hin­ge­schmis­sen.» Denn grös­se­re Schwie­rig­kei­ten als die In­te­gra­ti­on von Mit­ar­bei­tern be­rei­te ihm das Markt­um­feld: der star­ke Fran­ken, die güns­ti­ge Kon­kur­renz aus dem Aus­land. Man hal­te sich aber gut.

Bau­mann bringt Men­schen un­ter, die sich di­rekt an ihn wen­den, die ihm von an­de­ren In­sti­tu­tio­nen oder vom Job Coach Pla­ce­ment ge­schickt wer­den (sie­he Zweit­text). Die­ses En­ga­ge­ment sei bloss ein Trop­fen auf den heis­sen St­ein. Trotz­dem freut er sich nun über den So­zi­als­tern, der mit 10 000 Fran­ken do­tiert ist. Was er mit dem Geld an­fan­gen will, weiss er noch nicht. Es ist zweck­ge­bun­den und muss in die In­te­gra­ti­on flies­sen. «Ich hof­fe, dass ich ei­nen Teil für ein Dan­ke­schön an die Mit­ar­bei­ter ein­set­zen kann.»

Der So­zi­als­tern

Ro­land Bau­mann er­hielt ges­tern den dies­jäh­ri­gen Ber­ner So­zi­als­tern. Zum zehn­ten Mal ver­lie­hen die Uni­ver­si­tä­ren Psych­ia­tri­schen Di­ens­te (UPD) den Wan­der­preis. Aus­ge­zeich­net wer­den Un­ter­neh­men, die sich für die be­ruf­li­che In­te­gra­ti­on von Men­schen mit psy­chi­schen Lei­den ein­set­zen. «Der Preis soll zei­gen, dass Un­ter­neh­men psy­chisch be­ein­träch­tig­te Men­schen in­te­grie­ren und den­noch er­folg­reich wirt­schaf­ten kön­nen», sagt Mar­kus Hunziker. Er ist Vor­sit­zen­der des OK und der Ju­ry.

Über­dies ist Hunziker Lei­ter des Pro­gramms «Job Coach Pla­ce­ment» der UPD. Die so­ge­nann­ten Job Coa­ches un­ter­stüt­zen psy­chisch Er­krank­te bei der Su­che nach ei­ner Ar­beits­stel­le. Oder sie hel­fen ih­nen, ih­re Stel­le zu be­hal­ten.

Der So­zi­als­tern ist mit 10 000 Fran­ken do­tiert, fi­nan­ziert wird er durch Spon­so­ren.

Fo­to: Ni­co­le Phil­ipp

Ro­land Bau­mann und Tho­mas Joss (im Hintergrund) in der Schrei­ne­rei in Zä­zi­wil.

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