Das Klein­ge­druck­te im Su­per­ver­trag mit der EU

Rah­men­ab­kom­men 34 Ver­trags­sei­ten re­geln die künf­ti­ge Über­nah­me von EU-Recht, den Ein­fluss der frem­den Rich­ter und den Schwei­zer Lohn­schutz.

Berner Zeitung (Stadt) - - Schweiz - Mar­kus Häf­li­ger

Über vier Jah­re wur­de ver­han­delt, über vier Jah­re wur­de dar­über ge­strit­ten, oh­ne dass der In­halt be­kannt war. Jetzt hat der Bun­des­rat das Rah­men­ab­kom­men ver­öf­fent­licht. Das ist der In­halt: Dar­um geht es. Das In­sti­tu­tio­nel­le Ab­kom­men (InstA) re­gelt über­grei­fen­de Fra­gen zu den bi­la­te­ra­len Ver­trä­gen – ins­be­son­de­re, wie die Schweiz künf­ti­ge Än­de­run­gen von EU-Recht über­nimmt und was im Kon­flikt­fall pas­siert. Das 34-sei­ti­ge Ver­trags­werk be­steht aus dem Ab­kom­men, drei Zu­satz­pro­to­kol­len und drei po­li­ti­schen Er­klä­run­gen.

Der Gül­tig­keits­be­reich. Die Schweiz hat über 120 bi­la­te­ra­le Ver­trä­ge mit der EU. Das Ab­kom­men be­trifft aber nur fünf Ver­trä­ge, die der Schweiz den Zu­gang zum EU-Markt si­chern: die Ab­kom­men zu Per­so­nen­frei­zü­gig­keit, Land­ver­kehr, Luft­ver­kehr, den tech­ni­schen Han­dels­hemm­nis­sen und Land­wirt­schaft. Eben­falls un­ter das InstA fal­len künf­ti­ge Markt­zu­gangs­ab­kom­men, et­wa das ge­plan­te Strom­ab­kom­men.

Die frem­den Rich­ter

Mit­spra­che. Wei­ter­hin kann die Schweiz über neu­es EU-Recht nicht mit­be­stim­men. Neu muss sie von der EU aber vor­ab kon­sul­tiert wer­den.

Dy­na­mi­sche Rechts­über­nah­me. Neu­es EU-Recht soll neu «mög­lichst rasch» in die bi­la­te­ra­len Ab­kom­men über­führt und da­mit für die Schweiz ver­bind­lich wer­den – spä­tes­tens in­nert drei­er Jah­re. Die­se Rechts­über­nah­me ge­schieht nicht au­to­ma­tisch, auch das Re­fe­ren­dums­recht bleibt ge­währ­leis­tet. Das Par­la­ment oder das Volk kön­nen al­so Nein sa­gen. Dann kann die EU das Streit­bei­le­gungs­ver­fah­ren ein­lei­ten.

Kon­flik­te. Auch bei Aus­le­gungs­strei­tig­kei­ten über die bi­la­te­ra­len Ver­trä­ge kön­nen die Schweiz oder die EU das Streit­bei­le­gungs­ver­fah­ren ein­lei­ten.

Streit­bei­le­gung. Zu­erst kön­nen die EU oder die Schweiz wie be­reits heu­te den Ge­misch­ten Aus­schuss an­ru­fen. Wenn es dort kei­ne Ei­ni­gung gibt, kön­nen bei­de Sei­ten ein Schieds­ge­richt an­ru­fen. Die Schweiz und die EU de­le­gie­ren dar­in je ei­nen be­zie­hungs­wei­se zwei Schieds­rich­ter, wel­che ei­nen neu­tra­len Prä­si­den­ten wäh­len.

Der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH). Das Schieds­ge­richt muss das mass­geb­li­che EU-Recht kon­form mit der Rechts­spre­chung des EuGH aus­le­gen. Wenn nö­tig, for­dert das Schieds­ge­richt beim EuGH ei­ne spe­zi­fi­sche Rechts­aus­le­gung an. Die­se ist ver­bind­lich, es ist aber das Schieds­ge­richt, wel­ches sie auf den kon­kre­ten Streit­fall an­wen­det. Häm­mern nicht für je­den Preis: Beim Lohn­schutz gibt es Aus­nah­men.

Straf­mass­nah­men. Wenn die Schweiz das Ge­richts­ur­teil nicht um­setzt, kann die EU so­ge­nann­te Aus­gleichs­mass­nah­men er­grei­fen. Die­se kön­nen bis zur Su­s­pen­die­rung des be­trof­fe­nen Ab­kom­mens ge­hen. Wenn die Schweiz die Straf­mass­nah­men für un­ver­hält­nis­mäs­sig hält, kann sie er­neut das Schieds­ge­richt an­ru­fen.

Der Lohn­schutz

Per­so­nen­frei­zü­gig­keit. Spä­tes­tens drei Jah­re nach In­kraft­tre­ten des Rah­men­ab­kom­mens muss die Schweiz auch zwei neue EU-Richt­li­ni­en zur Per­so­nen­frei­zü­gig­keit über­neh­men. Aus­nah­men. Sol­che si­chert die EU der Schweiz bei den flan­kie­ren­den Mass­nah­men (Flam) zum Lohn­schutz zu. Die­se wer­den erst­mals ver­trag­lich ab­ge­si­chert, al­ler­dings in ab­ge­schwäch­ter Form. Neu sol­len sich ent­sand­te EUAr­bei­ter nur noch vier Werk­ta­ge im Vor­aus an­mel­den statt acht Ka­len­der­ta­ge wie heu­te. Kau­tio­nen darf die Schweiz nur noch von Fir­men ver­lan­gen, wel­che frü­he­re Bus­sen nicht be­zahlt ha­ben. Zu­dem sol­len die Flam-Kon­trol­len nur noch in be­son­ders ge­fähr­de­ten Bran­chen statt­fin­den. Uni­ons­bür­ger­richt­li­nie. Die­se be­son­ders um­strit­te­ne EU-Richt­li­nie wür­de für EU-Bür­ger in der Schweiz neue So­zi­al­hil­fe­an­sprü­che be­grün­den, ih­re Aus­schaf­fung er­schwe­ren und ih­nen ra­scher ei­ne Dau­er­auf­ent­halts­be­wil­li­gung ver­schaf­fen. Im InstA wird die Uni­ons­bür­ger­li­che nicht er­wähnt. Das heisst, dass die EU der Schweiz kei­ne ex­pli­zi­te

Aus­nah­me zu­ge­steht. Dar­um könn­te sie ei­nes Ta­ges ver­su­chen, die An­wen­dung der Richt­li­nie über das Schieds­ge­richt zu er­zwin­gen.

Staats­bei­hil­fen. Die Kan­to­ne fürch­te­ten, die EU wer­de über das InstA ei­nen He­bel be­kom­men, um ih­re Steu­er­au­to­no­mie oder die Staats­ga­ran­tie für die Kan­to­nal­ban­ken zu at­ta­ckie­ren. Nun ent­hält das Ab­kom­men aber nur all­ge­mei­ne Grund­sät­ze, wel­che laut Bun­des­rat «nicht di­rekt an­wend­bar» sind. Kon­kre­te­re Re­geln ge­gen staat­li­che Wett­be­werbs­ver­zer­run­gen wür­den in künf­ti­gen Markt­zu­gangs­ab­kom­men ver­ein­bart.

Über­wa­chung. Die EU-Kom­mis­si­on über­wacht, dass die EU-Staa­ten die Bi­la­te­ra­len Ab­kom­men ein­hal­ten. Die Schweiz muss zu die­sem Zweck ei­ge­ne Über­wa­chungs­be­hör­den mit zum Teil weit­rei­chen­den Kom­pe­ten­zen schaf­fen.

Guil­lo­ti­ne-Klau­sel. Wenn ei­ne Par­tei das InstA kün­digt, tre­ten die fünf Markt­zu­gangs­ab­kom­men nach spä­tes­tens neun Mo­na­ten eben­falls aus­ser Kraft – aus­ser die bei­den Par­tei­en ei­ni­gen sich auf et­was an­de­res.

Frei­han­dels­ab­kom­men. In ei­ner Er­klä­rung for­mu­lie­ren die EU und die Schweiz ih­re Ab­sicht, das Frei­han­dels­ab­kom­men aus dem Jah­re 1972 aus­zu­wei­ten, un­ter an­de­rem auf Di­enst­leis­tun­gen und staat­li­che Bei­hil­fen. Falls es zu ei­ner Ei­ni­gung kommt, wird auch das mo­der­ni­sier­te Frei­han­dels­ab­kom­men dem Rah­men­ab­kom­men un­ter­stellt.

Fo­to: Urs Jau­das

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