Stoff zum Stau­nen und Schmö­kern

Sach­bü­cher Die Wis­sen­schafts­re­dak­ti­on emp­fiehlt neun neue Bü­cher für un­ter den Weih­nachts­baum. Dar­in er­fährt man viel über Fi­schot­ter, Amei­sen, Ur­men­schen. Und: War­um Ma­the­ma­tik auch in der Ehe hilft oder wie die Er­de ent­stan­den ist.

Berner Zeitung (Stadt) - - Magazin -

Ma­the op­ti­miert die Ehe

Es gibt kaum ein The­ma un­ter der Son­ne, zu dem die Ma­the­ma­tik nichts bei­tra­gen könn­te. Of­fen­sicht­lich ist das im Be­reich der Wis­sen­schaft und Tech­nik. Aber das gilt sehr wohl auch für un­se­ren All­tag. Ei­ni­ge fas­zi­nie­ren­de Bei­spie­le prä­sen­tiert der Ma­the­ma­ti­ker Chris­ti­an Hes­se. Sie wol­len Ih­re Ehe ret­ten? Dann ver­su­chen Sie es doch mal mit der 5:1-Re­gel. Soll­te die Ehe doch schei­tern, hilft die Fair­ness­for­mel, um den Be­sitz auf­zu­tei­len. So­gar ei­nen hand­fes­ten ma­the­ma­ti­schen Got­tes­be­weis prä­sen­tiert der Au­tor. Na­tür­lich ist es ent­schei­dend, wie Gott hier­bei de­fi­niert wird – si­cher et­was an­ders, als es die meis­ten Nicht­ma­the­ma­ti­ker tun wür­den. «Le­ben²» ist ein kurz­wei­li­ges, hu­mor­voll ge­schrie­be­nes Buch, das auch je­nen die Ma­the­ma­tik na­he­zu­brin­gen ver­mag, die beim An­blick von Wur­zel­zei­chen oder Dif­fe­ren­ti­al­glei­chun­gen in Schock­star­re ver­fal­len. (jol)

Chris­ti­an Hes­se: Le­ben². Gü­ters­lo­her Ver­lags­haus, ca. 26 Fr.

Elch­zäh­ne als Fort­schritt

«Mut zur Lü­cke» ist der herr­li­che Ti­tel ei­nes Bu­ches über die An­fän­ge der Zahn­me­di­zin. Der Me­di­zin­his­to­ri­ker Richard Bar­nett hat es ge­schrie­ben. Un­ter­halt­sam mit An­ek­do­ten und wis­sen­schaft­li­chen De­tails be­rich­tet der Bri­te über die Fort­schrit­te auf dem Ge­biet: Mahn­te im Mit­tel­al­ter noch der Chir­urg, ei­nen Zahn nicht zu­sam­men mit ei­nem Teil des Kie­fers her­aus­zu­reis­sen, so gab es zu Ge­or­ge Wa­shing­tons Zei­ten be­reits die Teil­pro­the­se. Der ers­te US-Prä­si­dent trug Kau­werk­zeu­ge aus ech­ten mensch­li­chen Zäh­nen, kom­bi­niert mit sol­chen vom Elch. Zu­dem la­den die vie­len Ab­bil­dun­gen ein zum Schmö­kern und Gru­seln. (afo)

Un­se­re Ver­wand­ten

Es soll im­mer noch Men­schen ge­ben, die par­tout nicht glau­ben wol­len, dass wir und die Af­fen ge­mein­sa­me Vor­fah­ren ha­ben. De­nen sei das Buch «Die An­fän­ge der Mensch­heit» nicht emp­foh­len. Wer je­doch von der Evo­lu­ti­on des Men­schen fas­zi­niert ist, fin­det auf den at­trak­tiv mit Gra­fi­ken und Bil­dern ge­stal­te­ten Sei­ten reich­lich geis­ti­ges Fut­ter: zur Vor­ge­schich­te, zur Evo­lu­ti­on der Af­fen, ein Who is Who der Af­fen­men­schen und Früh­men­schen mit be­ein­dru­cken­den Re­kon­struk­tio­nen und vie­les mehr. Die Gestal­tung des Buchs er­laubt es, sich von der Neu­gier­de lei­ten zu las­sen und übe­r­all ein- und aus­zu­stei­gen. Ein Cof­fee-Ta­bleBook im bes­ten Sin­ne. (fes)

Alice Ro­berts: Die An­fän­ge der Mensch­heit. DK-Ver­lag, ca. 54 Fr.

Der Puls­mes­ser von Ga­li­leo Wer hat das Rad er­fun­den? Wie funk­tio­nier­te der Puls­mes­ser von Ga­li­leo Ga­li­lei? Wie sind Wet­ter­vor­her­sa­gen zu dem ge­wor­den, was sie heu­te sind? Wel­ches sind die fünf Sin­ne, und wie funk­tio­nie­ren sie? Was ist ein Mi­kro­chip? Und was die String­theo­rie? Es dürf­te nicht vie­le Fra­gen aus Wis­sen­schaft und Tech­nik ge­ben, die in die­sem Buch nicht be­han­delt wür­den. Auf über 500 at­trak­tiv il­lus­trier­ten Sei­ten er­klärt es knapp und ver­ständ­lich wich­tigs­te Ent­de­ckun­gen und Er­fin­dun­gen, die un­ser Le­ben bis heu­te prä­gen. (fes)

Adam Hart-Da­vis: Wis­sen­schaft & Tech­nik. DK-Ver­lag, ca. 79 Fr.

Gru­se­li­ge Psy­choch­ir­ur­gie Über Hen­ry Mo­lai­son, den wohl be­rühm­tes­ten neu­ro­lo­gi­schen Pa­ti­en­ten, wur­de schon viel ge­schrie­ben. Hier er­zählt der Wis­sen­schafts­jour­na­list Lu­ke Dittrich die Ge­schich­te aus ei­ner be­son­de­ren Per­spek­ti­ve. Er ist der En­kel von Wil­li­am Sco­vil­le, dem Neu­ro­chir­ur­gen, der 1953 dem da­mals 27-jäh­ri­gen Epi­lep­siePa­ti­en­ten H. M. den Schä­del auf­säg­te und gros­se Tei­le des Schlä­fen­lap­pens her­aus­schnitt. In der Fol­ge litt H.M. zwar an deut­lich we­ni­ger Epi­lep­sie-Atta­cken, da­für hat­te er sein Ge­dächt­nis ver­lo­ren. Dittrich bet­tet H.M.s Fall in die be­klem­mend-gru­se­li­ge Ge­schich­te der Psy­choch­ir­ur­gie ein, und er rech­net in dem Buch auch mit sei­nem Gross­va­ter und des­sen haar­sträu­ben­den Men­schen­ver­su­chen ab. (nw)

Lu­ke Dittrich: Der Pa­ti­ent H. M. Her­big-Ver­lag, ca. 38 Fr.

Fas­zi­nie­ren­de Pla­ge­geis­ter Von den 153 000 Haut­flüg­ler­ar­ten, zu de­nen We­spen, Bie­nen und Amei­sen zäh­len, be­sitzt die Hälf­te ei­nen St­a­chel. Nur dank die­ser Waf­fe sei­en sie über­haupt in der La­ge ge­we­sen, Staa­ten zu bil­den, schreibt der Au­tor Micha­el Ohl in sei­nem Buch über die ste­chen­den In­sek­ten, die er er­forscht. Der Bio­lo­ge er­zählt mit Witz und ei­ner Pri­se Selbst­iro­nie über die For­schungs­ob­jek­te und die Zunft der In­sek­ten­lieb­ha­ber. Wer sich bis­her vor den Pla­ge­geis­tern ge­fürch­tet hat, wird nach der kurz­wei­li­gen Lek­tü­re die Fas­zi­na­ti­on ver­ste­hen, mit der Ohl über die Haut­flüg­ler be­rich­tet. (afo)

Micha­el Ohl: St­a­chel und Staat. Dro­emer-Ver­lag, ca. 52 Fr.

Jahr­hun­dert­er­eig­nis in Gra­fi­ken Ei­ne In­fo­gra­fik sagt mehr als tau­send Wor­te. Das muss sich der US-Gra­fik­de­si­gner Zack Scott ge­sagt ha­ben, als er sein Erst­lings­werk in An­griff nahm. In «Apol­lo» il­lus­triert er den Wett­lauf zum Mond, des­sen 50. Jah­res­tag be­vor­steht, mit zahl­rei­chen fi­li­gra­nen Schau­bil­dern und Gra­fi­ken. Der Text­an­teil ist auf das We­sent­li­che re­du­ziert, die po­li­ti­sche Di­men­si­on des Apol­loPro­gramms wird nur tan­giert. Da­für zeigt Scott ei­ne schier un­glaub­li­che Lie­be zum De­tail. Ein wun­der­bar ge­stal­te­tes Buch zum Schmö­kern für Raum­fahrt­be­geis­ter­te. (jol)

Zack Scott: Apol­lo. Dro­emer-Ver­lag, ca. 39 Fr. Der Kra­ter des Ny­ira­gon­gos in der De­mo­kra­ti­schen Re­pu­blik Kon­go ge­hört zum ost­afri­ka­ni­schen Gr­a­ben­bruch.

Ein Blick in die Erd­ge­schich­te Es ist ein ehr­gei­zi­ges Pro­jekt, das der Fo­to­graf Oli­vier Gru­ne­wald und die Jour­na­lis­tin Ber­na­det­te Gil­ber­tas in An­griff ge­nom­men ha­ben. Sie wol­len mit ih­rem Buch nichts we­ni­ger als die Erd­ge­schich­te vom Big Bang vor 14 Mil­li­ar­den Jah­ren bis zur Ent­wick­lung Der Fi­schot­ter frisst auch aus­ge­setz­te Bach­fo­rel­len – weil die­se oft leicht zu fan­gen sind.

Ot­terba­bys sind was­ser­scheu Sie ha­ben de­fi­ni­tiv den «Jö-Bo­nus», die Was­ser­mar­der, wie Fi­schot­ter auch ge­nannt wer­den, denn sie sind tat­säch­lich mit Mar­dern ver­wandt. Seit we­ni­gen Jah­ren kom­men sie in die Schweiz zu­rück, wo sie ab 1989 als aus­ge­stor­ben gal­ten. Das ist der An­lass für ein le­sens­wer­tes

der Tier- und Pflan­zen­welt in Bild und Text er­zäh­len. Das ist ih­nen zum Teil sehr gut ge­lun­gen. Die Fo­tos sind atem­be­rau­bend, die kur­zen Er­klä­run­gen da­zu lehr­reich. Die Tex­te zur Er­dent­ste­hung hin­ge­gen sind manch­mal et­was blu­mig for­mu­liert, wenn sich die Au­to­ren auf

und wun­der­bar be­bil­der­tes Buch über die fo­to­ge­nen Fi­sch­jä­ger. Sie po­sen mit Was­ser­lin­sen ver­ziert, prä­sen­tie­ren ge­müt­lich auf dem Rü­cken trei­bend ih­re Füs­se oder schau­en wach aus dem Schnee. Der ers­te Vor­fah­re der Mar­der stammt aus Eu­ro­pa und hat von dort aus fast die gan­ze Welt er­obert. Die For­sche­rin

die «Su­che nach Zeu­gen aus den Kin­der­ta­gen un­se­res Pla­ne­ten» be­ge­ben. Da­für sind die Tex­te mit viel Wis­sens­wer­tem ge­spickt, et­wa dass be­reits vor 3,7 Mil­li­ar­den Jah­ren Pro­ka­ry­on­ten Se­di­ment­ge­stein ge­bil­det ha­ben könn­ten, wie Fun­de in Westaus­tra­li­en und Grön­land ver­mu­ten

Ire­ne Wein­ber­ger und der Wis­sen­schafts­jour­na­list Hans­ja­kob Baum­gart­ner be­schrei­ben in ih­rem in­for­ma­ti­ven Buch zahl­rei­che Ar­ten vom Rie­se­not­ter, der im Ama­zo­nas­be­cken Pi­ran­has nach­stellt, bis zum Kapot­ter, der in Afri­ka Kr­ab­ben fischt. Der Le­ser er­fährt, dass Ot­terba­bys erst ein­mal was­ser­scheu sind, dass

las­sen. Ab und zu hät­te ei­ne Gra­fik ein kom­ple­xes Er­eig­nis, et­wa die Bil­dung von Ur­kon­ti­nen­ten, ver­deut­li­chen kön­nen. Al­les in al­lem ein präch­ti­ges Werk. (afo)

Ber­na­det­te Gil­ber­tas, Oli­vier Gru­ne­wald: Von Cha­os zu Eden. Kne­se­beck, ca. 70 Fr. die Er­wach­se­nen über Duft­stof­fe im Kot kom­mu­ni­zie­ren – und auch, wie be­droht die Tie­re sind, weil sie ein schö­nes Fell ha­ben, sich an Fi­schen aus Aqua­kul­tu­ren la­ben oder ihr Le­bens­raum zer­stört wird. (afo)

I. Wein­ber­ger, H. Baum­gart­ner: Der Fi­schot­ter. Haupt, ca. 38 Fr.

Fo­to: Oli­vier Gru­ne­wald

Fo­to: Lau­rie Camp­bell

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.